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Augustputsch 1991: Der gestohlene Sieg

Meinung / von Andreas Rüesch / 19.08.2016

Vor 25 Jahren scheiterte der Putsch reaktionärer Sowjetfunktionäre kläglich. Doch die Hoffnungen der russischen Demokraten haben sich nicht erfüllt. Ihre damaligen Gegner sind heute rehabilitiert.

Was hatten sich diese Männer nur gedacht? Wie konnten sie glauben, die Macht lasse sich auf derart plumpe Weise erringen? Solche Fragen hörte man oft, als kürzlich Teile der türkischen Armee einen Staatsstreich versuchten und einen katastrophalen Fehlschlag erlitten. Ähnlich klang es 1991 nach dem ebenso jämmerlich gescheiterten Putsch konservativer Sowjetführer gegen Präsident Michail Gorbatschow. Doch anders als beim nächtlichen Spuk in der Türkei zeichnete sich vor 25 Jahren das Resultat keineswegs schon in den ersten Stunden ab.

Europa erwachte am 19. August 1991 zum erschreckenden Gedanken, dass das Rad der Geschichte im Sowjetreich zurückgedreht werden könnte. Denn die Mitglieder des über Nacht gebildeten „Staatskomitees für den Ausnahmezustand“ waren nicht irgendwelche Figuren aus der zweiten Reihe, sondern verkörperten die Macht im Sowjetstaat: die Chefs von Militär, Geheimdienst und Polizei, der Ministerpräsident, die Zuständigen für die wichtigsten Wirtschaftssektoren. Es fehlte in der Liste der Putschisten eigentlich nur ein Name: jener von Gorbatschow selber. Doch der Staats- und Parteichef hatte wegen seiner missglückten Reformpolitik ohnehin fast jegliche Autorität verspielt.

Jelzin – der Mann der Stunde

Gorbatschow sei aus Gesundheitsgründen nicht mehr zur Amtsausübung in der Lage, hiess es in der dürren Verlautbarung der neuen Führung, während Panzer über die Strassen Moskaus rollten. In Wirklichkeit hatte ihn sein eigener Geheimdienst an seinem Ferienort unter Hausarrest gestellt und von der Aussenwelt abgeschnitten. Die unmittelbaren Ziele der Putschisten waren bald klar: Sie wollten zum einen die für den nächsten Tag geplante Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrags verhindern, der die UdSSR in eine lockere Föderation umgewandelt hätte. Zum andern strebten sie nach einem Ende der Doppelherrschaft in Moskau, wo es seit einigen Wochen neben dem sowjetischen noch einen zweiten Präsidenten gab: Boris Jelzin, den Führer der russischen Teilrepublik, der auf Kosten des Zentralstaats immer mehr Kompetenzen an sich riss. Jelzin besass zwar ein demokratisches Mandat, aber keine Truppen. Der Coup traf ihn völlig unvorbereitet.

Dass die Verschwörer trotzdem innerhalb von knapp drei Tagen Schiffbruch erlitten, erklärt sich aus mehreren Gründen: Sie hatten ihre Aktion überstürzt geplant und wichtige Punkte missachtet. So hofften sie anfangs, Gorbatschow von der Notwendigkeit eines Ausnahmezustands überzeugen zu können, doch dessen Weigerung zwang sie, auf eigene Faust und verfassungswidrig vorzugehen. Erforderlich waren damit die Mär von der Erkrankung des Staatschefs und die Mitwirkung von Vizepräsident Gennadi Janajew, der erst am Vorabend in die Pläne eingeweiht wurde. Der Hauptorganisator, der Chef des Geheimdiensts KGB, Wladimir Krjutschkow, klammerte zudem die Gretchenfrage jedes Staatsstreichs aus – die Bereitschaft zum Einsatz von tödlicher Gewalt. So waren sich die Putschisten im entscheidenden Moment uneinig. Sie hatten es verpasst, Jelzin gleich zu Beginn an seinem Wohnsitz auszuschalten, als das noch leicht möglich gewesen wäre. Stattdessen konnte der russische Präsident unbehelligt im Zentrum Moskaus zum Widerstand aufrufen.

Das Bild von Jelzins Ansprache auf einem Panzer, inmitten von entschlossenen Demonstranten, ging rasch um die Welt. Ein jämmerliches Bild boten dagegen die Putschisten an ihrer ersten Pressekonferenz: graue Männer in grauen Anzügen vor einem grauen Vorhang, nervös und ohne jede Vision. Es fehlte ihnen an Entschlossenheit und einer Führungsfigur, während die Gegenseite mit dem charismatischen Jelzin über beides verfügte. Vor allem aber unterschätzten die Verschwörer, wie stark sich ihr Land durch Gorbatschows Perestroika bereits verändert hatte: Die Sowjetbürger liessen sich nicht mehr so leicht vor vollendete Tatsachen stellen. Das galt besonders für Moskau und Leningrad, wo zwei Monate zuvor erstmals demokratische Bürgermeisterwahlen stattgefunden hatten. Auch Boris Jelzin konnte sich, als erster russischer Führer in der Geschichte des Landes, auf den Willen des Volkes berufen. Die Menschenmassen, die ihm nun zu Hilfe eilten, wären nur zum Preis eines entsetzlichen Blutbads zu vertreiben gewesen.

So beschleunigten die Putschisten mit ihrer Tat letztlich jene Entwicklung, die sie hatten stoppen wollen. Nach ihrer Verhaftung zerschlug Jelzin eigenmächtig die letzten Stützen des morschen Sowjetsystems: Er verbot die Tätigkeit der Kommunistischen Partei, beschlagnahmte deren Vermögen, anerkannte die Unabhängigkeit der baltischen Staaten und nahm Kurs auf radikale marktwirtschaftliche Reformen. Eine Zentralregierung, die sich ihm hätte entgegenstemmen können, gab es faktisch nicht mehr. Gorbatschow war nach seiner Befreiung am 21. August und bis zur Auflösung der Sowjetunion vier Monate später nur noch eine Repräsentationsfigur von Jelzins Gnaden.

Die Revanche der Tschekisten

Die dramatischen Ereignisse im August 1991 wurden in westlichen Publikationen oft als Weichenstellung in Richtung Demokratie und als Wendepunkt von welthistorischer Bedeutung bewertet. Korrekt ist dies höchstens teilweise. Als Katalysator des Wandels spielte der Augustputsch zweifellos eine wichtige Rolle. Doch die Sowjetunion war angesichts der Sezession mehrerer Teilrepubliken schon zuvor dem Untergang geweiht, und ihr Imperium war bereits 1989 zerbrochen, mit der Wende in Ostmitteleuropa. Was den erhofften Durchbruch der Demokratie betrifft, so drängt sich aus dem Abstand eines Vierteljahrhunderts eine ernüchternde Bilanz auf. Der Sieg über die Putschisten ebnete zwar den Weg zur Einführung des Kapitalismus in Russland, mit der Folge, dass es den meisten Russen ökonomisch heute viel besser geht als in der sowjetischen Mangelwirtschaft. Aber die Demokratie schlug in der Ära Jelzin keine tiefen Wurzeln und wurde unter dessen Nachfolger Putin schrittweise zurückgestutzt. Das düstere Fazit lautet, dass die russischen Bürger vor 25 Jahren mehr politischen Pluralismus, Versammlungsfreiheit und Pressevielfalt genossen, als sie dies heute tun.

Doch damit nicht genug: Die Putschisten erscheinen heute keineswegs mehr als grosse Verlierer. Die meisten erfuhren noch zu Lebzeiten eine völlige juristische und politische Rehabilitierung. Gewiss, die Sowjetunion konnten sie nicht wiedererwecken. Aber ihre autoritäre Weltsicht ist heute nicht verpönt, sondern Teil der Staatsideologie. Der Hauptdrahtzieher, Krjutschkow, konnte im Jahr 2000 bei der Amtseinführung Putins als geladener Gast miterleben, wie „einer der Seinen“, ein früherer KGB-Agent, an die Staatsspitze gelangte. „Anweisung Nummer eins über die Erlangung der vollständigen Macht ist ausgeführt“, soll Putin wenig später bei einer Rede vor Geheimdienstgenerälen erklärt haben. Dass dies nicht als Witz zu verstehen war, zeigte Putin mit der Beförderung zahlloser Kaderleute aus den Nachfolgeorganisationen des KGB in Regierungsämter und an die Spitze von Staatskonzernen. Die von starkem Korpsgeist geprägte Gruppe der Tschekisten, wie sich Russlands Geheimdienstler nennen, hat das demokratische Zwischenspiel der neunziger Jahre bestens überstanden. Überlebt haben damit auch ihre repressiven, manipulativen Methoden und ihre paranoide Sicht auf die Aussenwelt. Dass Jelzin nach seinem Sieg über die Putschisten diesen KGB-Staat im Staat nicht zerschlug, sondern – wie er später zugab – nur kosmetisch umformte, erweist sich als tragisches Versäumnis.

Nicht überraschend ist vor diesem Hintergrund, dass die Helden von 1991 heute entweder verachtet werden – namentlich Jelzin – oder vergessen sind. Die Namen Dmitri Komar, Wladimir Usow und Ilja Kritschewski kennt in Russland kaum jemand noch. Die drei hatten in der letzten Putschnacht bei der Auseinandersetzung mit Panzertruppen ihr Leben verloren. Der heutige Kremlherr hat kein Interesse, an die Fähigkeit des Menschen zum selbstlosen Einsatz für die Freiheit zu erinnern – er fürchtet sie vielmehr. Passivität und Zynismus mögen die Haltung vieler Russen zur Politik prägen. Doch in jenem historischen August konnte man miterleben, wie ein Ruck durch die Bevölkerung ging und selbst unpolitische Leute ihre Gleichgültigkeit abstreiften. Auch die Angst war mit einem Mal gebannt. Niemand weiss, wann ein solcher Moment erneut kommen wird. Aber den Geschmack der Freiheit wird auch Russland früher oder später wieder kosten wollen.