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Aus Angst vor dem Brexit suchen Anleger sichere Häfen

von Eugen Stamm / 19.06.2016

Ein kollektives Aufatmen wird zu hören sein, Stoßseufzer der Erleichterung. Anleger weltweit fassen wieder ein bisschen mehr Mut. Das ist zu erwarten, wenn die Briten nächsten Donnerstag entscheiden, dass das Vereinigte Königreich nicht zur einsamen Insel werden soll, sondern weiterhin Teil der Europäischen Union bleibt. Das ist immer noch das wahrscheinlichere Szenario als ein Austritt. Aber das Brexit-Lager hat in den vergangenen Tagen gemäß Umfragen zugelegt. Das hat den Finanzmärkten zugesetzt, denn damit ist die Unsicherheit über den Ausgang des Referendums deutlich gestiegen.

Diese Entwicklung hat nicht nur den Wert des Pfundes Sterling und den britischen Aktienmarkt belastet, sondern auch den gesamten europäischen Markt. Britische Firmen haben einen Anteil von rund 30 Prozent am Aktienindex MSCI Europe. Der Goldpreis hat seit Anfang Jahr deutlich zugelegt, ein Zeichen dafür, dass sich die Anleger in sichere Werte flüchten.

Um die Auswirkungen der zwei möglichen Resultate auf die Finanzmärkte besser fassen zu können, muss man kurz- und langfristige, direkte und indirekte Folgen voneinander unterscheiden.

Wettbüros veranschlagen die Wahrscheinlichkeit eines Austritts auf etwa 40 Prozent. Am raschesten würde in diesem Fall der Devisenmarkt reagieren. Das Pfund könnte sich innert kurzer Zeit um 10 Prozent oder mehr abschwächen, britische Aktien kämen noch mehr unter Druck.

Am meisten gelitten haben in der jüngsten Zeit auf den Binnenmarkt ausgerichtete Konsumwerte wie etwa die Supermarktkette Sainsbury’s. Die großkapitalisierten Rohstofffirmen hingegen haben sich sehr gut gehalten.

Kursverluste als Kaufgelegenheit

Die Verluste an der britischen Börse stellen für manche Beobachter eine gute taktische Kaufgelegenheit dar. Auch ein Brexit verringert die Verunsicherung, so argumentieren sie.

Andere hingegen betonen die mittelfristig negativen Folgen für die Wirtschaft Großbritanniens, die wohl in eine Rezession abgleiten würde. Die Bank of England würde die Leitzinsen wohl senken müssen, statt sie erhöhen zu können, wie man noch vor kurzem erwartet hat. Ausländische Direktinvestitionen würden zurückgehen, in der City von London, im Finanzsektor, wären Zehntausende von Arbeitsplätzen bedroht.

Für die EU wären die wirtschaftlichen Folgen eines Austritts überschaubar. Schließlich gehen nur 7 Prozent der Exporte nach Großbritannien. Gravierender wäre, dass die politische Unsicherheit zunehmen würde. In Spanien stehen bereits am 26. Juni Wahlen an, in Frankreich und Deutschland sind sie für 2017 geplant. Italien steht vor einer Verfassungsreform im Oktober. Über ein Auseinanderbrechen der EU würde nach einem Brexit wohl ernsthaft diskutiert, die fragile Erholung der Wirtschaft in Europa wäre bedroht, die Europäische Zentralbank müsste noch mehr tun, nur was? Wenn diese Büchse der Pandora tatsächlich geöffnet werden sollte, gewännen sichere Häfen wie der Dollar, der Schweizerfranken und lang laufende Staatsanleihen nochmals an Wert.

In stürmischen Zeiten sein Boot ruhig zu halten, das braucht Disziplin. Genau das empfiehlt Daniel Egger, Anlagechef der Privatbank Maerki Baumann & Co., den Anlegern. Wer jetzt, nach Kursverlusten in der jüngsten Zeit, Aktien verkauft, verpasst die Erholung an den Märkten, mit der zu rechnen ist, wenn das wahrscheinlichere Szenario eintritt und die Briten sich für den Status quo entscheiden.

Erholungs-Rally erwartet

Viele Beobachter rechnen mit einem Erleichterungs-Rally an den Märkten. Das Pfund sowie britische Aktien dürften zulegen. Entscheidend ist aber, dass es ganz generell zu einer Verschiebung von Geldern hin zu risikoreichen Anlagen, sprich Aktien, kommen dürfte, sobald die Unsicherheit verfliegt.

Das würde auch anderen Börsenplätzen positive Impulse verleihen, der Deutsche Aktienindex (DAX) könnte etwa seine erheblichen Verluste der vergangenen Tage wieder wettmachen. Je größer die Verunsicherung und die Kursverluste im Vorfeld eines Entscheides sind, desto heftiger muss die Gegenbewegung im Nachhinein ausfallen. Das ist zumindest anzunehmen. Wenn die Anleger wieder das Risiko suchen, dann werden die Kurse der Staatsanleihen erneut sinken und ihre Renditen wieder ansteigen.

Vor einigen Monaten war der Brexit noch ein recht unwahrscheinliches Ereignis. Sich dagegen abzusichern, schien fast schon übervorsichtig. Die Kursbewegungen der jüngsten Zeit haben aber gezeigt, dass der Einfluss politischer Risiken auf die Börsen sich nicht auf ein Ja oder ein Nein an einem bestimmten Tag beschränkt. Schon das Ansteigen der Wahrscheinlichkeit des Brexit von 30 Prozent auf 40 Prozent hat zu großen Wertverlusten bei Aktien geführt.

Man kann sich über negative Renditen von Staatsanleihen ärgern oder diese Papiere als Versicherung gegen politische Risiken ansehen. Diese werden in Europa, solange kaum über die Vorteile der EU diskutiert wird, nicht abnehmen. Wer es vergessen hat, den erinnern nun die Finanzmärkte vehement daran, dass ein instabiles Europa alle ärmer macht.