Wo die britische Wirtschaft schwächelt

von Gerald Hosp / 01.05.2015

Die Wirtschaft ist im britischen Wahlkampf das beherrschende Thema, das wichtige Problem der Produktivitätsschwäche fristet jedoch ein Schattendasein in der politischen Diskussion, berichtet Gerald Hosp, NZZ-Wirtschaftskorrespondent in London.

Im britischen Wahlkampf gibt es zwei Erzählstränge zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, die sich auf den ersten Blick ausschließen. Die Konservativen, die eine Koalition mit den Liberaldemokraten bilden, betonen das „Job-Wunder“ auf der Insel. Die Arbeitslosenquote beträgt weniger als sechs Prozent, das Konsumentenvertrauen ist zurückgekehrt. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft Großbritanniens mit einer Rate von 2,8 Prozent – mehr als alle anderen großen Industriestaaten. Auf der anderen Seite zeichnet die oppositionelle Labourpartei ein Land der Suppenküchen und der lange Zeit sinkenden Reallöhne. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf hat immer noch nicht das Vorkrisenniveau erreicht, was heißt, dass der Aufschwung nicht bei jedem angekommen ist.

Ökonomen vor einem Rätsel

Das Verbindungsglied zwischen diesen zwei Ansichten ist die Produktivität oder vielmehr der Mangel daran. Seit der Finanzkrise stagniert die Arbeitsleistung pro Person oder pro eingesetzte Stunde. Der ansteigende Trend für die Arbeitsproduktivität knickte nach 2007 ein. Auch im internationalen Vergleich hinkt Großbritannien den anderen hinterher: Das BIP pro Arbeitsstunde ist nach den jüngsten Daten um 17 Prozent niedriger als der Durchschnitt anderer großer Industriestaaten – wobei vor allem die USA alle anderen abhängen. Schwache Produktivität ist aber nicht nur ein britisches Problem.

Die meisten Ökonomen sind sich dabei einig, dass die mangelhafte Entwicklung der Arbeitsproduktivität das größte wirtschaftspolitische Problem ist. Viele Sorgen würden gelöst, wenn mehr geleistet würde: Die Löhne und die Lebensstandards würden steigen, und die Haushaltskonsolidierung würde wesentlich erleichtert.

Im Wahlkampf spielt aber die Arbeitsproduktivität so gut wie keine Rolle. Auch wenn in den Programmen der großen Parteien Hinweise darauf gegeben werden, wie Großbritannien produktiver werden soll, die politische Debatte dreht sich hauptsächlich um Steuererhöhungen für Reiche, Steuererleichterungen für alle anderen, Austerität oder Zuschüsse für junge Leute, die ein Haus kaufen wollen.

Ganz kann man es den Politikern nicht verübeln. Auch die Ökonomen sind sich nicht einig, was die Gründe für die schwachen Daten zur Arbeitsproduktivität sind. In der wirtschaftspolitischen Diskussion wurde das Phänomen mit dem Namen „Produktivitäts-Rätsel“ betitelt. Grob lassen sich die möglichen Ursachen in zwei Gruppen einteilen: Zum einen könnte die Schwäche zyklisch sein. Dass die Produktivität in einer Rezession zurückgeht, ist nicht ungewöhnlich. Unternehmen zögern zunächst, Leute zu entlassen. Die Nachfrage könnte ja wieder anspringen. Zudem ist es möglich, dass mehr Arbeit in eine zunächst weniger produktive Tätigkeit wie die Kundenakquisition gesteckt werden muss. Diese Erklärungen mit der Nachfrage sind aber unbefriedigend, wenn die Beschäftigung zunimmt.

Zum anderen könnte die Stagnation auch einen permanenten Rückgang der Arbeitsproduktivität bedeuten, was wesentlich bedrohlicher wäre. Mit der Finanzkrise nahmen Investitionen ab, Kapital wurde teilweise durch Arbeit ersetzt. Damit wurde die erhöhte Beschäftigung – und die Attraktivität Großbritanniens für Immigranten – zur Kehrseite einer niedrigeren Produktivität. Unternehmen konzentrierten sich auf Tätigkeiten, die relativ viel Beschäftigte, aber wenig Kapitalmittel benötigen. Seitdem die Investitionen angezogen haben, sticht dieses Erklärungsmuster aber weniger. Geringere Produktivität könnte auch ein Resultat der Bankenkrise sein, die zu einer schlechteren Vergabe von Krediten geführt hat, bei der weniger produktive Firmen gegenüber jungen Unternehmen mit frischen Ideen bevorzugt werden. Die Belege für dieses Argument sind aber rar.

Unzweifelhaft haben der – jedoch schon seit langem beobachtbare – Rückgang der Erdölförderung in der Nordsee und der Einbruch im Finanzsektor mit einer geringeren Produktivität zu tun. Auch der Umstand, dass der Produktionssektor, in dem vor der Krise ein großer Teil des Produktivitätszuwachses stattfand, in Großbritannien ein relatives Schattendasein fristet, ist hinderlich. Wenig untersucht ist, ob der dominante Dienstleistungssektor per se produktivitätshemmend sein kann und welche Auswirkungen starke Branchen wie der Finanzsektor auf andere haben.

So unklar noch die Gründe sind, so einig sind sich die Ökonomen, dass das langfristige Produktivitätswachstum durch die Politik in Bereichen wie Investitionen, Ausbildung, Regulierung, Forschung und Innovation beeinflusst werden kann. Ebenso sind sich die größeren Parteien in vielem einig, auch wenn die einzelnen vorgeschlagenen Maßnahmen unterschiedlich aussehen können: In der Bankenbranche soll mehr Wettbewerb eingeführt werden, Klein- und Mittelunternehmen sollen mehr Unterstützung erhalten, die Investitionen in die Infrastruktur müssen erhöht werden, und Forschung und Entwicklung sind zu fördern. Die Pläne scheinen aber mehr Stückwerk als kohärente Strategie zu sein.

Mangel an Reformen

Nicholas Crafts, Ökonomieprofessor an der Universität Warwick, argumentiert, dass die Politik der Koalitionsregierung einen geringen Einfluss auf das Potenzialwachstum gehabt habe – im Guten wie im Schlechten. Dabei wurden die Stärken und Schwächen des britischen Wirtschaftsmodells weitergezogen, das unter Margaret Thatcher in den 1980er Jahren seinen Anfang nahm und später von Tony Blair mit New Labour fortgeführt wurde. Die Stärken sind der relativ flexible Arbeitsmarkt sowie die offenen Gütermärkte, die Schwächen die geringen Investitionen in die Infrastruktur und der Fachkräftemangel.

Die Regierung nutzte laut Crafts nicht die Möglichkeit für radikale Reformen. Ein Beispiel für die Zögerlichkeit der Politik insgesamt sind Raumplanung und langfristige Programme für die Infrastruktur. Die Raumplanung gilt als Hindernis für die effiziente Nutzung von Land und als Grund für das zu geringe Angebot an Wohnraum. Damit zusammen hängt auch die Verzögerung von Infrastrukturvorhaben, die häufig nicht unter mangelnder Finanzierung, sondern unter langwierigen Planungsprozessen leiden. Auch eine Steuerreform, wie im sogenannten Mirrlees-Bericht vorgeschlagen, die auf geringeren Einkommens- und Unternehmenssteuern sowie höheren Konsum- und Grundsteuern beruht, wurde nicht wirklich in Angriff genommen.

In diesen Punkten gebärdet sich auch Labour nicht wachstumsfreundlicher, zumal die Partei unter der Führung von Ed Miliband interventionistischer und mehr auf Umverteilung gepolt als früher wirkt. Die in den vergangenen Tagen vorgebrachten Wahlzuckerln beider Großparteien lassen nicht darauf schließen, dass die Produktivitätsschwäche tatsächlich bekämpft werden soll. Dennoch wird dieses Problem bestimmend für die nächste Regierung sein – wer auch immer sie stellen wird.