Mohammed Badra / EPA

Barkultur in Damaskus: Des Krieges lange Nächte

von Monika Bolliger / 04.08.2016

In Kriegsgebieten trifft man nicht selten auf ein pulsierendes Nachtleben. In Syriens Hauptstadt schiessen neue Bars wie Pilze aus dem Boden.

„Schau dir all die Leute auf der Tanzfläche an. Jeder von ihnen hat eine Geschichte, jeder hat Probleme.“ Muatasim* lächelt, seine Augen folgen den Tango tanzenden Paaren, die in sich versunken über die Tanzfläche wirbeln. „Für ein paar Stunden tanzen sie und vergessen alles.“ Muatasim kommt seit Jahren zum Tango hierher. Aber er hat aufgehört, Bilder von den Tanzabenden auf seinem Facebook-Account zu veröffentlichen. Die Leute hätten ihn kritisiert: Es ist Krieg, und du postest Fotos von Feiernden? Viele hätten dafür kein Verständnis. Dabei sei das Bedürfnis gerade jetzt grösser denn je, der unwirtlichen Realität, den Sorgen des Alltags für ein paar Stunden zu entkommen.

„Endlich wieder atmen“

„Fünf Jahre Krieg haben alle verändert. Das Schlimme ist, dass es schon so lange dauert, wir können gar nie aufatmen“, sinniert Muatasim, ein Ingenieur um die vierzig. Er sagt, etwa die Hälfte der Tanzenden hier sei für das Regime, die andere Hälfte dagegen. Am Anfang hätten sie gestritten. Manche hätten das Land verlassen. Jetzt spreche niemand mehr darüber. Nada*, eine junge Alawitin aus Homs, meint, das Tanzen tue ihr gut. Sie sprüht vor Lebensfreude, lacht viel, macht Witze. In einem Nebensatz erwähnt sie die Bombenanschläge in ihrer Heimatstadt. „Einmal war eine Explosion direkt hinter uns, ein Freund von mir kam ums Leben. Ich habe viele Freunde verloren“, bemerkt sie beiläufig. Dann wechselt sie das Thema.

„Nach fünf Jahren Krieg haben die Leute die Nase voll. Sie wollen endlich wieder atmen“, sagt Said, der Besitzer einer Bar in der Altstadt von Damaskus, die vor einigen Monaten eröffnet hat. Wer heute die Altstadt durch das östliche Stadttor (Bab Sharki) betritt, findet sich in einer Ausgehmeile wieder. Vor dem Krieg gab es an dieser Strasse nur Abu George, einen kleinen Laden mit einer Theke, wo sich Leute auf einen Arak oder Whiskey trafen. Das Viertel ist christlich, aber getrunken wurde auch hier nicht auf offener Strasse. Jetzt sind hier dreizehn Bars, manche haben Stühle draussen und laute Musik, selbst unter der Woche sind die Gäste zahlreich.

Wenige Kilometer von hier in den belagerten Vororten fehlt es den Leuten an Nahrungsmitteln und Medikamenten. Immer wieder hört man Explosionen, der aufständische Vorort Darayya wird bombardiert. Damaskus ist voll von Vertriebenen, die alles verloren haben und von Hilfsorganisationen abhängig geworden sind. Said meint: „Wir helfen den Armen, wo wir können. Aber wir wollen auch leben. Es ist doch besser, wir bleiben hier und amüsieren uns, als auszuwandern, oder?“

Sehnsucht nach früher

Er sehnt sich nach dem alten Syrien zurück: „Es ging uns gut. Jetzt ist es unsicherer geworden, die Nächstenliebe hat abgenommen, alles wegen dieses Krieges und der ‹Freiheit› – zur Hölle mit denen, welche Freiheit wollten.“ Said findet, es gebe ein ziemlich grosses Segment der syrischen Gesellschaft, das ungebildet und ignorant sei. „Diese Leute haben lange geschwiegen und hätten weiter schweigen sollen“, meint er. Der Aufstand, der 2011 begonnen hat, entzündete sich vor allem in den armen Vororten und auf dem Land.

Während in den Rebellengebieten eine religiöse Radikalisierung stattgefunden hat, ist in Teilen von Damaskus das Gegenteil passiert. Hier wird auf offener Strasse getrunken, manche Frauen tragen kurze Röcke und arbeiten an Bars, Junge haben offene Beziehungen. Einer der Gäste meint, es finde eine gesellschaftliche Öffnung statt. Aber diese beschränkt sich auf ein paar Inseln in der Stadt, wie das christliche Viertel der Altstadt. Nicht alle sind erfreut: Die Nachbarn haben begonnen, sich über den Lärm zu beschweren, und ein Pater zerstritt sich mit den Besitzern einer Bar, die vor seiner Kirche eröffnet hat. Nach Gesetz dürfte 100 Meter im Umkreis einer Kirche oder Moschee kein Alkohollokal sein. Aber wie so oft gilt auch in diesem Fall, wer Beziehungen und Geld hat, kann sich über das Gesetz hinwegsetzen.

Die Kinder von Ministern

Die erste der neuen Bars, die seit einigen Monaten wie Pilze aus dem Boden schiessen, eröffnete vor etwa einem Jahr mit einer anderen Idee. „Wir waren ein paar Freunde, Theaterstudenten, die nach einem Treffpunkt suchten, wo wir ein Bier trinken können, ein Ort für Filmvorführungen oder Kulturveranstaltungen“, erklärt Nizar*, einer der Mitbegründer. Sein Pub hat die anderen inspiriert, aber nicht in einer Weise, wie er es gern hätte. Nizar ist wütend. Das Publikum seien Kinder von Ministern und Leute, die vom Krieg profitierten. Wer sonst könnte es sich leisten, so viel Geld für Drinks auszugeben?

Nizar redet sich in Fahrt. „Du siehst sie tagsüber im ‹Sheraton›, sie essen Sushi zum Mittagessen, und am Abend klappern sie hier die Bars ab. Sie kommen in teuren gepanzerten Autos und spielen sich auf.“ Die Leute hätten keine Kultur und verstünden gar nicht, was die Pinocchio-Zeichnungen und das Bild von Jim Morrison an den Wänden seines Pubs sollten. Es sei doch mehr als ironisch, wenn eine Frau mit aufgespritzten Lippen und operierter Nase, die Finger zum Victory-Zeichen erhoben, ein Selfie vor dem Porträt Kafkas mache.

Ein Grossteil der syrischen Intelligenzia ist im Ausland, manche flohen, weil ihr Leben bedroht war, andere, weil sie in Syrien keine Zukunft sahen. Nizar will trotzdem nicht weg. Er habe nicht das Geld, um auszuwandern, den erniedrigenden Weg des Asyls wolle er nicht gehen. Er verabschiedet sich und geht zurück hinter die Bar. Draussen hat die Dämmerung eingesetzt, erste Barbesucher trudeln ein. Am Checkpoint machen sich Soldaten Tee und bereiten sich auf die Nachtschicht vor.

*Namen geändert.