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Polen

Beata Szydlo: Die neue polnische Ministerpräsidentin im Portrait

von Meret Baumann / 26.10.2015

Nach dem Wahlsieg der nationalkonservativen PiS ist Beata Szydlo Polens designierte Ministerpräsidentin. Wie unabhängig ist sie vom mächtigen Parteichef Jaroslaw Kaczynski?

„Mein Name ist Szydlo. Beata Szydlo.“ Im Stile des Geheimagenten James Bond präsentierte sich die Wahlsiegerin vom Sonntag im vergangenen Juni am Parteitag der nationalkonservativen Recht und Gerechtigkeit (PiS), nachdem Parteichef Jaroslaw Kaczynski die 52-Jährige überraschend als Spitzenkandidatin präsentiert hatte. Beobachter rätselten damals, was sie damit aussagen wollte. Ihr Image des biederen, wenig charismatischen Landeis karikieren? Oder sich etwa von Kaczynski emanzipieren, dem Gründer und unbestrittenen Führer der PiS?

Szydlo erklärte später in Interviews, James Bond schaffe das Unmögliche, daran müsse man auch in Polen glauben. Sie habe aber schon auch andeuten wollen, dass sie unabhängig vom mächtigen Parteichef politisieren wolle. Diese Betonung erfolgt nicht ohne Grund, denn kaum jemand in Polen zweifelt daran, dass sich Kaczynski gerne wieder selber als Regierungschef gesehen hätte, einem Amt, das er 2006 bis 2007 innehatte. Doch der oft radikal auftretende Populist polarisiert in Polen wie kaum ein Politiker. Von den klerikalen und nationalkonservativen Stammwählern wird er zwar verehrt. Für gemäßigtere Kreise ist Kaczynski jedoch ein rotes Tuch, und so verzichtete er wie bereits bei der Präsidentenwahl darauf, selbst für das Amt zu kanditieren. Damals gewann der zuvor fast unbekannte Europaabgeordnete Andrzej Duda, am Sonntag nun machte Szydlo den Triumph der Rechtspopulisten perfekt.

Wie Duda und die scheidende Regierungschefin Ewa Kopacz gehört auch Szydlo einer neuen Generation von Politikern an, die nicht in der Gewerkschaft Solidarnosc gegen das kommunistische Regime gekämpft hat – ein Grund, weshalb ihr die Unversöhnlichkeit Kaczynskis fehlt. 1963 in Oswiecim (Auschwitz) in eine Familie von Grubenarbeitern geboren, studierte Szydlo zur Zeit der Wende in Krakau zunächst Ethnografie und dann Kulturmanagement. 1998 wurde sie Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt Brzeszcze, einer vom Bergbau geprägten Gemeinde in der Woiwodschaft Kleinpolen. Sie hatte das Amt sieben Jahre lang inne, und die Sorgen in der polnischen Provinz, wo der wirtschaftliche Aufschwung die Menschen kaum erreicht, beeinflussten ihre politische Haltung. Brzeszcze befindet sich im Stammland der PiS, Szydlo selbst schloss sich der Partei aber erst 2005 an und wurde in den Sejm (Parlament) gewählt. Kaczynski förderte sie und machte sie 2010 zur stellvertretenden Parteichefin. Sie dankte es ihm durch bedingungslose Loyalität und dieses Jahr schließlich durch die erfolgreiche Wahlkampagne für Duda, die sie leitete. Es war das Bravourstück, das sie für Höheres empfahl.

Zu Szydlo selbst mag der Wahlkampf im amerikanischen Stil, den sie für Duda inszenierte, gar nicht recht passen. Sie pflegt ihren Ruf der braven Schafferin geradezu. Die Mutter zweier Söhne betont, dass sie eine traditionelle Ehe und nebenbei den Haushalt führe. Die Zeit der Politstars sei vorbei, nun komme jene der Handwerker in der Politik, sagte sie bei ihrer Präsentation. Was von ihren Gegnern als langweilig abqualifiziert wird, verfängt derzeit in Polen. Die Abhöraffäre des vergangenen Sommers hat die Warschauer Elite im Volk als völlig abgehoben erscheinen lassen. Diese Gefahr besteht bei Szydlo nicht.

Als gläubige Katholikin, Verfechterin der Rechte Polens und mit großzügigen Versprechungen wie der Einführung eines Kindergelds oder der Senkung des Rentenalters politisiert Szydlo stramm auf Parteilinie, doch in gemäßigtem Ton. Politische Gegner und Beobachter bezeichneten sie im Wahlkampf oft als Marionette Kaczynskis, die bei Bedarf ausgewechselt werde wie 2006 der kurzzeitige PiS-Regierungschef Kazimierz Marcinkiewicz. Wie unabhängig sie wirklich ist, wird sich erst weisen. James Bond jedenfalls handelt jeweils im Dienst Ihrer Majestät.