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Beobachtungen zum Terrorismus: Die Strategie der moralischen Vernichtung

Gastkommentar / von Ralph Janik / 27.07.2016

Terrorismus hat sich im Laufe seiner Geschichte maßgeblich verändert. Diverse Zahlenspielereien und Vergleiche mit früheren Terrorismuswellen gehen daher mit einer dementsprechenden Verkürzung einher. Die jüngsten Anschläge richten sich nicht mehr gegen ausgesuchte Einzelpersonen, staatliche Einrichtungen oder Zivilisten als Mittel zum Zweck, sondern gegen die Zivilbevölkerung als solche.

Der moderne Terrorismus lässt sich mit David Rapoport in vier „Wellen“ unterteilen, die jeweils unterschiedliche Ziele und Strategien verfolgten. Als Geburtsstunde sieht er die russischen Anarchisten der späten 1870er Jahre und ihre gezielten Ermordungen führender politischer und wirtschaftlicher Persönlichkeiten. Sie fanden in den darauffolgenden Jahren zahlreiche Nachahmer im Ausland (man denke an die Bombenattentate der Gruppe rund um Luigi Galleani in den USA); eine Vorgehensweise, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach der Ermordung Franz Ferdinands zunehmend in Verruf geriet.

Es folgten der Kampf gegen den Kolonialismus und Angriffe lokaler Akteure auf polizeiliche und militärische Einrichtungen der Kolonialmächte in den betroffenen Ländern. Damit ging auch eine terminologische Veränderung einher, die verschiedenen Gruppen wollten sich als Freiheitskämpfer verstanden wissen – „one man’s terrorist is another man’s freedom fighter.“

Vom westlichen, linken Terrorismus bis zum islamistischen Terror

Insbesondere durch den Vietnamkrieg entfacht entstand in den 1970er Jahren – sozusagen als Nebenprodukt des Kalten Krieges – der neue westliche linke Terrorismus, oft geprägt durch strategische Allianzen mit Gruppierungen in anderen Teilen der Welt und teilweise auch unter staatlicher Duldung bis Förderung (neben der Sowjetunion etwa Uganda unter Idi Amin oder Libyen unter Gaddafi): So ernannte sich die RAF gewissermaßen zum Anwalt der leidenden Massen in der „dritten Welt.“ Symbolische Ziele (man denke an das Verlagshaus Axel Springer) oder auch bedeutsame Einzelpersonen wie der damalige Haft- und Ermittlungsrichter Wolfgang Buddenberg rückten neben militärischen (US-Stützpunkte in der BRD) in den Vordergrund. Ebenfalls in diese Phase fallen die unzähligen Flugzeugenführungen wie jene der „Landshut“ nach Mogadischu. Allgemein stellten Geiselnahmen von Zivilisten ein probates Mittel zur Forderung von Freilassungen oder dem Lukrieren von Lösegeld dar.

Ideologische Desillusionierung, zunehmende internationale Kooperation und immer entschiedeneres staatliches Vorgehen brachten das Ende der dritten Welle, die durch religiösen und hier wiederum in erster Linie islamistischen Terrorismus abgelöst wurde. Historischer Eckpfeiler ist das Jahr 1979, das den israelisch-ägyptischen Friedensschluss, die Revolution im Iran und den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan brachte. Als Hauptfeind galten und gelten die USA, die sich aus dem Nahen und Mittleren Osten, insbesondere Saudi-Arabien, zurückziehen sollen. Auch andere Regierungen, die als ungläubige koloniale Überreste und Handlanger der westlich-zionistischen Imperialisten gelten, gerieten ins Visier.

Bei allen notwendigen weiteren Differenzierungen hinsichtlich der jeweiligen Erscheinungsformen liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Terrorismus von heute und jenem der Vorgängergenerationen in der Auswahl der Ziele: Der Fokus verlagert sich von bekannten und einflussreichen Einzelpersonen oder bestimmten staatlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen auf das sensible Nervenkostüm westlicher Gesellschaften. Der gegenwärtig dominante Terrorismus richtet sich gegen die Zivilbevölkerung als solche. Dabei geht es um die Verbreitung des Gefühls, dass es jeden überall und jederzeit treffen kann. Die dadurch ausgelösten Dynamiken sollen die wechselseitige Entfremdung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen weiter vorantreiben, die jeweilige Regierung zu einem bestimmten Tun oder Unterlassen (beispielsweise die Beendigung der Angriffe auf die Stellungen des „Islamischen Staats“) nötigen oder letzten Endes gar den Zusammenbruch des jeweiligen Staates herbeiführen.

Neue Muster

Der (freilich unsägliche) Staats- und Völkerrechtler Carl Schmitt sprach 1963 in seiner Theorie des Partisanen im Zusammenhang mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen vom moralischen Zwang, die Gegenseite „auch moralisch zu vernichten.“ Jene, die von solchen Mitteln Gebrauch machen, „müssen die Gegenseite als Ganzes für verbrecherisch und unmenschlich erklären, für einen totalen Unwert. Sonst sind sie eben selber Verbrecher und Unmenschen. Die Logik von Wert und Unwert entfaltet ihre ganze vernichtende Konsequenz und erzwingt immer neue, immer tiefere Diskriminierungen, Kriminalisierungen und Abwertungen bis zur Vernichtung allen lebensunwerten Lebens.“

Diese Ausführungen lassen sich mutatis mutandis auch auf die momentane ideologische Konfrontation völlig konträrer Welt- und Gesellschaftsbilder übertragen. Im Schmitt’schen Freund-Feind-Schema stehen sich nicht nur absolute, sondern auch generalisierte Feinde gegenüber. Gruppen wie der „Islamische Staat“ stellen das westliche Gesellschaftssystem und überhaupt die gesamte moderne Staatenordnung in Frage. Bei der Errichtung eines weltweiten Kalifats bleibt für Kompromisse und Verhandlungen kein Platz.

Aus diesem Ordnungsmuster heraus sind die aktuell kursierenden Vergleiche zum Terrorismus vergangener Zeiten mit entsprechender Vorsicht zu genießen. Bei der Suche nach der geeigneten Reaktion und der Beantwortung der Frage, ob das gefühlte und tatsächliche Bedrohungspotenzial heute größer ist als früher, bleibt die Abgrenzung des gegenwärtigen Terrorismus von anderen Erscheinungsformen essentiell.