Berlin plant für den „Grexit“ – und das ist gut so

von Bernhard Schinwald / 12.06.2015

Berichte über Planspiele der deutschen Bundesregierung für den Fall eines „Grexits“ sorgen neuerlich für Aufregung. Bedenklich wäre allerdings nur, wenn die Regierung nicht vorsorgen würde.

Seit einem halben Jahr liegt die Zukunft Griechenlands in der Eurozone neuerlich im Ungewissen. Eine der vielen Lehren, die man – spätestens – aus diesen sechs Monaten ziehen kann, ist die Tatsache, dass man Exklusivberichte der deutschen Bild-Zeitung nur mit äußerster Vorsicht genießen sollte.

Ende Februar wusste die Bild-Zeitung als einzige, dass das vorgeschlagene Reformpaket der griechischen Regierung etwa sieben Milliarden Euro bringen soll. Eine entsprechende Liste, in der die Reformen aufgelistet sind, traf in Brüssel erst nach der eigentlichen Deadline ein, weil Finanzminister Varoufakis laut Bild die Liste irrtümlich an eine falsche Adresse geschickt haben soll.

Es dauert nicht lange, dann lernt man die Qualität derartiger Exklusivberichte einzuschätzen und gewisse Absender gegebenenfalls zu ignorieren.

In der Nacht auf Freitag kam aus der Bild-Redaktion dann aber eine Meldung, die es lohnt, aufzugreifen. Die deutsche Regierung plane bereits für den „Grexit“, will die Zeitung erfahren haben. Wie in den Monaten zuvor ging der Scoop über die Agenturen und wurde von zahlreichen Nachrichtenportalen aufgenommen.

Im Unterschied zu den Malen davor soll diese Meldung auch an dieser Stelle aufgegriffen werden. Denn ihr ist Glauben zu schenken – noch mehr: Man kann nur hoffen, dass sie stimmt.

Denn unabhängig davon, ob man den Griechen den Austritt aus der Eurozone gönnt oder nicht: Der „Grexit“ als mögliches Verhandlungsergebnis ist ein realistisches Szenario. Eine Regierung eines Eurozonen-Mitglieds, die am Tag X ohne Plan für umgehende Maßnahmen dasteht, wäre nicht nur verantwortungslos, sondern gemeingefährlich.

In den 16 Jahren, in denen es die Währungsunion nun gibt, hat noch kein Mitglied den Klub verlassen. Für die Auswirkungen, die dieser Schritt hätte, gibt es keinen Beispielfall. Fest steht aber, dass die Kapitalmärkte in ihrer Reaktion wohl kaum die Antworten der Politik abwarten werden. Die Finanzministerien und auch die Zentralbanken sind daher gut beraten, die Auswirkungen für den Rest der Eurozone abzuschätzen und mit den notwendigen Vorsichtsmaßnahmen – seien es Kapitalmarktkontrollen oder was auch immer – darauf zu reagieren.

Nicht zuletzt haben die Eurozonen-Mitglieder viel Geld in Athen liegen. Laut Standard & Poor’s belaufen sich etwa die deutschen Forderungen an Athen auf rund 84,8 Milliarden Euro. Das entspricht 2,9 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Österreich steckt mit etwa 8,8 Milliarden Euro (oder 2,7 Prozent des BIP) drinnen.

Insofern ist die Überraschung darüber, dass Beamte in Berlin, Brüssel, Frankfurt und dem Rest der Eurozone Pläne für den Tag X schmieden, nicht ganz nachvollziehbar. Die Aufregung wäre eher gerechtfertigt, wenn das Gegenteil der Fall wäre – wenn die Finanzministerien und Zentralbanken in den europäischen Hauptstädten blindlings über die griechische Zukunft im Klub ohne Pläne für den Fall eines Scheiterns verhandeln würden.