Bessere Wachstumsaussichten für den Euroraum

von René Höltschi / 05.05.2015

Der tiefe Ölpreis und der schwache Euro geben der konjunkturellen Erholung im Euroraum Rückenwind. Die EU-Kommission hat ihre Wachstumsprognosen nach oben korrigiert, aber für Griechenland stark zurückgenommen. NZZ-Korrespondent René Höltschi berichtet aus Brüssel.

Die wirtschaftliche Erholung im Euroraum dürfte sich in diesem Jahr etwas stärker beschleunigen als noch bis vor kurzem erwartet. In ihrer am Dienstag veröffentlichten Frühjahrsprognose geht die EU-Kommission für 2015 von einem Wachstum des realen Bruttoinlandprodukts (BIP) um 1,5 (i. V. 0,9) aus, das sich 2016 auf 1,9 Prozent beschleunigen könnte. Im Vergleich zu ihrer im Februar publizierten Winterprognose hat sie die Projektionen für das laufende Jahr um 0,2 Prozentpunkte nach oben korrigiert und jene für das nächste Jahr unverändert gelassen. Für die ganze EU erwarten die Brüsseler Auguren ein BIP-Wachstum von 1,8 Prozent in 2015 und 2,1 Prozent in 2016, was gegenüber der Winterprognose eine Korrektur um 0,1 Prozentpunkte nach oben für das laufende Jahre bedeutet.

Kurzfristige Faktoren

Den Hauptmotor des Aufschwungs bildet nach Einschätzung der Brüsseler Auguren die Binnennachfrage, die zunächst vor allem von einer Beschleunigung des privaten Konsums und 2016 von mehr Investitionen profitieren dürfte. Eine Reihe von kurzfristigen Faktoren beflügle den andernfalls nur leichten Aufschwung, hielten sie weiter fest. So sind die Ölpreise nach wie vor tief und der Euro hat weiter nachgegeben, was die Exporte fördert. Zudem wirkt sich laut Kommission die quantitative Lockerung (QE) der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) signifikant auf die Finanzmärkte aus. Dies trage zu niedrigen Zinssätzen und positiven Erwartungen hinsichtlich günstiger Kreditbedingungen bei. Der EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici sprach vom „erfolgreichsten Frühjahr seit mehreren Jahren“ für die europäische Wirtschaft.

Die Kommission erwartet für das laufende Jahr in allen EU-Staaten mit Ausnahme von Zypern (–0,5 Prozent) ein positives BIP-Wachstum. Die höchsten Zuwächse sollen mit Werten zwischen 3,4 und 3,6 Prozent Luxemburg, Malta und Irland erzielen. Deutschland wird ein BIP-Zuwachs um 1,9 Prozent prognostiziert, Frankreich ein solcher von 1,1 Prozent, Italien hingegen nur 0,6 Prozent.

Für Griechenland hat die Kommission die Prognose markant nach unten korrigiert: Ging sie im Februar noch von einem BIP-Zuwachs um 2,5 in diesem und 3,6 Prozent im nächsten Jahr aus, erwartet sie nun selbst unter der Annahme einer Einigung mit den Gebern nur noch 0,5 und 2,9 Prozent. Moscovici begründete die Korrektur vor den Medien mit der anhaltenden Unsicherheit.

Hartnäckige Arbeitslosigkeit

Trotz des Aufschwungs dürften die Arbeitslosenquoten nur langsam sinken. Im Euroraum erwartet die Kommission einen Rückgang von 11,6 Prozent im letzten auf 11,0 Prozent in diesem und 10,5 Prozent im nächsten Jahr, in den EU-28 einen solchen von 10,2 Prozent über 9,6 auf 9,2 Prozent.

Die Inflationsrate dürfte in der ersten Jahreshälfte 2015 wegen der tiefen Energiepreise bei nahezu null bleiben, aber im zweiten Halbjahr wieder anziehen. Für das ganze laufende Jahre geht die Brüsseler Behörde gemessen an den Konsumentenpreisen im Euroraum von einer durchschnittlichen Inflationsrate von 0,1 Prozent aus, die 2016 auf 1,5 Prozent anziehen soll.

Griechenland fällt zurück

Die Aussichten für die öffentlichen Finanzen der Mitgliedstaaten würden sich dank den Konsolidierungsanstrengungen der letzten Jahre, dem Aufschwung und den tiefen Zinsen aufhellen, hält die Kommission weiter fest. Für den ganzen Euroraum geht sie von einem kumulierten Staatsdefizit von 2,0 (i.V. 2,4) Prozent des BIP im laufenden und 1,7 Prozent im nächsten Jahr aus. Die Einschätzung der Haushaltslage hat sich gegenüber der Winterprognose im Fall Frankreichs verbessert, im Fall Griechenlands hingegen deutlich verschlechtert. Die griechische Schuldenquote dürfte im laufenden Jahr einen Spitzenwert von 180 Prozent des BIP erreichen, während die Brüsseler Winterprognose noch von 170 Prozent ausgegangen war.