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Dänemark als Vorbild für die USA?

„Bitte nicht zu Hause versuchen!“

von Rudolf Hermann / 04.04.2016

Dänemarks Gesellschaftsmodell sei ein Vorbild für Amerika, meint der amerikanische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders. Doch dänische Experten raten von einer Nachahmung ab.

„Don’t try this at home!“, lautet der freundschaftlich warnende Rat, den der dänische Ökonom Otto Bröns Petersen in einem Aufsatz unlängst all denjenigen erteilt hat, die mit Interesse verfolgen, wie Dänemark zugleich reich, sozialstaatlich, egalitär und glücklich zu sein vermag. Zu den großen Bewunderern des „nordischen Modells“ zählt auch der demokratische amerikanische Präsidentschaftsanwärter Bernie Sanders. Wiederholt hat er Dänemark als Vorbild lobend hervorgehoben und deutlich gemacht, dass er die USA bei einem Sieg in den Wahlen auf einen ähnlichen Kurs bringen möchte. „Sie haben ein System entwickelt, das allen einen hohen minimalen Lebensstandard garantiert“, schrieb der Senator von Vermont in einem Aufsatz im Jahr 2013.

Egalität hat ihren Preis

Doch der Ökonom Petersen meint, das nordische Modell des Sozialstaats solle man erst zu kopieren versuchen, wenn man es verstanden habe. Manch ein dänischer Analytiker glaubt, bei Sanders sei das nicht der Fall. Um die Genese des nordischen Modells zu illustrieren, holt Martin Ågerup, Direktor der liberalen Kopenhagener Denkfabrik Cepos, in der Vergangenheit aus: Reich geworden sei Dänemark in der Zeit von 1870 bis 1930 durch die Industrialisierung, in einer Periode relativ starker sozialer Ungleichheit. Das sozialstaatliche Modell sei erst eingeführt worden, als man es sich habe leisten können. Die letzten zwei, drei Jahrzehnte hätten zudem gezeigt, dass das Prinzip der Egalität einen Preis in puncto Prosperität gefordert habe, wie sich bei einem Vergleich der Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens zwischen Dänemark und der Schweiz zeige.

Eine „Sozialstaat-Mentalität“ hat sich laut Ågerup in Dänemark erst in den letzten Jahrzehnten herausgebildet. Als vor rund 50 Jahren das Pensionssystem eingeführt wurde, sei vielen Dänen der Gedanke fremd gewesen, vom Staat Geld anzunehmen; man sei es gewohnt gewesen, selber vorzusorgen. Heute hingegen empfinde man es als logisch, angesichts der hohen Steuerbelastung auch die Hand aufzuhalten.

Was bei Sanders’ Betrachtung des dänischen Modells unter den Tisch gefallen zu sein scheint, ist die markante Trennung des gesellschaftlichen Raums in zwei Welten: Auf der einen Seite steht der private Unternehmenssektor, der nach verschiedenen Indikatoren „kapitalistischer“ ist als jener der USA; die Gewinnsteuern sind beispielsweise deutlich niedriger (23,5 gegenüber 39 Prozent). Auf der anderen Seite steht der umfangreiche und durch hohe Einkommenssteuern finanzierte öffentliche Bereich, der Wohlfahrtsleistungen und soziale Sicherheitsnetze gewährleistet.

Im Heritage-Index für ökonomische Freiheit stehen die USA und Dänemark zwar Schulter an Schulter auf den Rängen 11 und 12. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man Unterschiede: Mit Blick auf Eigentumsrechte und unternehmerische Freiheit ist Kopenhagen liberaler als Washington. Bei der Handelsfreiheit liegen die zwei Staaten praktisch gleichauf, und bei Staatsausgaben und steuerlicher Freiheit sind die Amerikaner weniger restriktiv. Verblüffend ist auch, dass Dänemark bei der Arbeitsmarktflexibilität nur unwesentlich hinter den USA liegt. Unterschiede zwischen den beiden Ländern existieren durchaus – nur teilweise in anderer Form, als man gemeinhin glauben mag.

Anders als sein republikanischer Konkurrent Trump will Sanders Amerika nicht „wieder groß machen“, sondern glücklich. Auch hier ist Dänemark die relevante Messlatte, hat das Land doch unlängst in der UNO-Statistik der Schweiz den Spitzenplatz als weltweit „glücklichstes“ Land wieder abgeluchst. Wie andere dänische Analytiker sieht auch Meik Wiking, der Direktor des Kopenhagener Happiness Research Institute, Probleme bei der Übertragung des dänischen Modells auf amerikanische Verhältnisse: Steuern würden in Dänemark bereitwillig bezahlt, sagt er, weil aus dem System etwas zurückkomme. Die Frage lautet, wie gut Amerikaner davon zu überzeugen wären, an den Staat bis hin zur Hälfte ihres Einkommens abzugeben. Einige von Sanders angestrebten Schritten gehen laut Wiking zwar in die richtige Richtung. „Doch was bei uns für eine sehr homogene Bevölkerung von knapp 6 Millionen ein gutes Rezept ist, muss es nicht auch für 320 Millionen Amerikaner und ihre sehr vielfältige Gesellschaft sein.“

Reformbedürftiger Sozialstaat

Diesen Aspekt betont auch der Cepos-Chef Ågerup. Amerika sei ein großes Land und stehe auf dem Fundament der Immigration. Zudem könne das dänische Glücksgefühl auch daraus resultieren, dass der Staat zwar in der Lage sei, die wichtigsten Grundbedürfnisse abzusichern. Darüber hinaus habe aber die Mehrheit der Bevölkerung vielleicht auch nicht allzu hohe Ansprüche ans Leben. In jedem Fall sieht Ågerup große Herausforderungen am Horizont für den dänischen Sozialstaat, dem Sanders so nacheifern will. Das Bildungssystem etwa, in das viel Geld fließt, bringe nicht die nötigen Resultate, wenn rund 20 Prozent der Jugendlichen bloß einen Volksschulabschluss ohne weiterführende Berufsausbildung oder ein Studium hätten. Immerhin sei im Bereich des Pensionssystems eine wichtige Weiche gestellt worden, indem der Staat ein durch die Lebenserwartung indexiertes Rentenalter eingeführt hat. „Wenn Sanders von Dänemark als Vorbild spricht“, sagt Ågerup, „dann wäre er bei genauem Hinschauen wohl überrascht, wie hoch der Bedarf an durchgreifenden und manchmal auch raschen Reformen ist.“