Eine Volkszählung mit Sprengkraft

Bosniens Muslime sind in der Mehrheit

von Ivo Mijnssen / 04.07.2016

In Bosnien-Herzegowina lebt erstmals eine muslimische Mehrheit. Dies führt zu Ängsten bei den Serben und politisch möglicherweise zum Stillstand.

In Bosnien-Herzegowina droht eine Volkszählung die ethnischen Spannungen neu anzuheizen. Diese wurde letzte Woche mit dreijähriger Verspätung publiziert und zeigt, dass das Land zum ersten Mal auch über eine bosnisch-muslimische (bosniakische) Bevölkerungsmehrheit verfügt. Die Bosniaken machten 2013 50,1 Prozent der Einwohner aus und haben damit klar zugelegt. Leicht weniger zahlreich im Vergleich zu 1991 sind die ethnischen Serben mit 30,8 und die Kroaten mit 15,4 Prozent. Gesamthaft leben noch gut 3,5 Millionen Menschen im Bundesstaat auf dem Balkan – fast zwanzig Prozent weniger als vor einem Vierteljahrhundert. Fast 850.000 Menschen wurden im Bosnien-Krieg vertrieben oder getötet, oder sie verließen das Land.

Die Veröffentlichung der neuen Zahlen erfolgt erst nach einem jahrelangen Seilziehen. Die Teilrepublik Republika Srpska (RS) hatte sich vergeblich gegen eine Publikation gesträubt, da ihre Führer um den serbischen Einfluss auf der gesamtstaatlichen Ebene fürchten; die Vertretung der Volksgruppen wird nach ihrem Bevölkerungsanteil bestimmt. Zudem leitet sich daraus auch ein Anspruch auf EU-Fördermittel ab. Aus Furcht vor ethnischen Spannungen zögerten deshalb auch die nationalen Statistikbehörden. Die Freigabe geschah erst, nachdem die EU gedroht hatte, dem mausarmen Beitrittskandidaten Finanzhilfe zu entziehen, wenn Bosnien keine neuen Zahlen vorlege. Die Zählung war 2013 erst auf Druck der EU überhaupt durchgeführt worden, die ein Drittel der Kosten von 23,5 Millionen Euro übernahm.

Wie zu erwarten war, reagierten die serbischen Politiker heftig. Der Präsident der RS, Milorad Dodik, erklärte, seine Republik werde die Resultate nicht anerkennen. „Die Entscheidung zur Veröffentlichung wird die Situation im Land verschärfen“, warnte er. Dragan Čavić, der Chef der Nationalen Demokratischen Bewegung, kündigte an, die Resultate der Volksbefragung würden in der RS nicht angewendet, und man werde den serbischen Vertreter aus der nationalen Statistikbehörde abziehen.

Konkret dreht sich der Streit um die Frage, ob Bosnier, die im Ausland leben, mitgezählt werden oder nicht. Die Serben sind dagegen, da es sich dabei maßgeblich um Kriegsflüchtlinge und Vertriebene aus den einst multiethnischen Gebieten handelt. Die nationale Behörde hingegen zählte knapp 200.000 Menschen im Ausland mit, die aber in Bosnien-Herzegowina weiterhin über Besitztümer verfügen.

Durch die serbische Kampagne der „ethnischen Säuberung“ während des Kriegs von 1992–1995 wurden Kroaten und Bosniaken auch aus jenen Gebieten vertrieben, die heute in der Republika Srpska liegen. Die kroatische Operation „Sturm“ ihrerseits vertrieb die ethnischen Serben aus der Krajina. Die Resultate widerspiegeln sich in der Volkszählung: 92 Prozent der bosnischen Serben leben heute in der Republika Srpska, 91,4 Prozent der bosnischen Kroaten und 88,2 Prozent der Bosniaken in bosnisch-kroatischen Entität.

Auch wenn nicht unmittelbar mit ethnischen Spannungen gerechnet werden muss, vergrößert die Volkszählung die politische Unsicherheit. Das Staatsgebilde beruht auf einer fragilen Machtteilung zwischen den Serben, Kroaten und Bosniaken. In der bosnisch und kroatisch dominierten Entität Föderation Bosnien und Herzegowina stellen die Bosniaken acht von 16 Minister. Wenn sie nun in der Mehrheit sind, könnte dies einen Anspruch auf zusätzliche Posten begründen und so das austarierte System zum Minderheitenschutz aus dem Gleichgewicht bringen.

Das Problem ist allerdings, dass im Dayton-Abkommen von 1995, das den Staatsaufbau regelt, nichts über die politischen Konsequenzen demografischer Verschiebungen festgehalten ist. Deshalb droht ein Machtkampf unter den Ethnien, der die bereits heute schlecht funktionierenden Institutionen noch weiter lähmen könnte. Dies kann sich das Land, das bei den Reformen für die EU-Beitritt notwendig sind, weit zurückliegt und dessen Bevölkerung an wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit leidet, aber eigentlich nicht leisten.

Dass sich das Land allerdings zusammenrauft, scheint angesichts der ethnischen Polarisierung wenig wahrscheinlich. Wie weit diese fortgeschritten ist, hat auch die Volkszählung illustriert. Sie zeigt auch, dass die ethnischen Identitäten immer stärker mit religiösen verbunden werden: So bezeichneten sich praktisch alle Bosniaken auch als muslimisch, alle Serben als orthodox und alle Kroaten als katholisch. Darin manifestiert sich eine Verhärtung der Identitäten – etwas, das es im traditionell relativ areligiösen Bosnien vor dem Balkankrieg kaum gab. Zusätzlichen Sprengstoff birgt es allemal.