AFP / Andrew Milligan

Britisches EU-Referendum

Britische Wirtschaft warnt vor Alleingang

von Martin Alioth / 22.02.2016

Für viele Briten wird das eigene Portemonnaie darüber entscheiden, ob sie die EU verlassen wollen. Welche Folgen ein Austritt hätte, ist heftig umstritten.

Die britische Automobilindustrie produziert jährlich über 1,5 Millionen Fahrzeuge, die Exporterlöse machen über zehn Prozent aller Warenexporte aus. Mehr als die Hälfte aller exportierten Vehikel werden in Länder der Europäischen Union verkauft. Doch die Herstellerfirmen sind fast ausnahmslos in ausländischem Besitz, mit Japan (Nissan, Toyota, Honda), Indien (Land Rover, Jaguar) und Deutschland (Mini, Rolls-Royce) an der Spitze. Werden diese auch künftig in die Modernisierung ihrer Anlagen investieren, falls das Vereinigte Königreich der Europäischen Union den Rücken zukehrt?

Die Antworten auf derartige Fragen entspringen einer komplexen Matrix von Annahmen, deren Bestimmung nicht selten von den politischen Vorlieben der Prognostiker oder ihrer Auftraggeber gefärbt wird. So kamen die deutsche Bertelsmann-Stiftung und das Münchner Ifo-Institut letztes Jahr zum Schluss, die reale Wirtschaftsleistung der Briten würde im Jahre 2030 – zwölf Jahre nach einem unterstellten Austritt aus der EU – zwischen 0,6 und 3 Prozent tiefer liegen als im Falle einer andauernden Mitgliedschaft.

Ohne direkten Zugang zum Binnenmarkt würde die Abwicklung der Exporte teurer. Die Prognostiker schlossen indessen einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um bis zu 14 Prozent nicht aus, falls die britische Wirtschaft wegen fehlender internationaler Konkurrenz an Produktivität einbüße. Besonders betroffen wären die Exporte von Chemikalien und Autos, da diese Branchen stark in die europäischen Wertschöpfungsketten integriert seien.

Natürlich würde das Königreich nach einem Austritt keine Beiträge mehr an die EU abführen – die Briten sind heute der drittgrößte Beitragszahler. Dadurch würden etwa 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung für andere Zwecke verfügbar. Da dieser Betrag indessen tiefer liegt als die Verluste im günstigsten Szenario, raten die deutschen Forscher von einem Brexit ab.

Abspaltung Schottlands droht

Zu einem weniger negativen Schluss kommt die euroskeptische Denkfabrik Open Europe in ihrer Studie. Im schlimmsten Falle, falls die Briten keinen offenen Zugang zum europäischen Binnenmarkt aushandelten oder gar selbst Zuflucht in protektionistischen Maßnahmen suchten, schrumpfe die Wirtschaftsleistung bis 2030 um 2,2 Prozent. Falls die Briten aber weiterhin frei mit der EU handeln könnten und zusätzliche Freihandelsabkommen mit anderen, wichtigen globalen Märkten abschlössen, könnte der Brexit sogar zu einer Zunahme der britischen Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent führen. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Briten ihren Heimmarkt stark liberalisierten. Das würde, so Open Europe, politischen Widerstand im Innern provozieren, weil gewisse Branchen erhöhter Konkurrenz von außen ausgesetzt wären.

Die angebliche Präzision dieser Prognosen – auf Zehntelsprozente über mehr als zehn Jahre hinaus – weckt Skepsis, doch die Größenordnungen bieten immerhin Anhaltspunkte. Beide Prognosen vernachlässigen völlig die Konsequenzen eines schottischen Austritts aus dem Vereinigten Königreich – ein echtes Risiko, falls Schottland gegen den Willen seiner Bürger die EU verlassen müsste.

Übergewicht des Finanzsektors

Im Brennpunkt aller Projektionen stehen Vermutungen über die Effekte, die ein Austritt auf die britischen Handelsströme hätte. Die Struktur des britischen Außenhandels unterscheidet sich stark vom Grundmuster anderer Industrieländer. So verzeichnete das Vereinigte Königreich im Güterhandel mit dem Rest der Welt im vergangenen Jahr einen massiven Fehlbetrag von umgerechnet 162 Milliarden Euro. Dieses Defizit wurde nur teilweise von einem Überschuss bei den Exporten von Dienstleistungen in der Höhe von 116 Milliarden Euro kompensiert. Dabei handelt es sich überwiegend um die Leistungen des Londoner Finanzplatzes. Dieses Übergewicht des Finanzsektors lässt sich auch daraus ablesen, dass die verarbeitende Industrie im Königreich weniger als halb so viel zur gesamten Wirtschaftsleistung beiträgt als beispielsweise in Deutschland oder in der Schweiz.

Allerdings ist der britische Außenhandel weniger stark vom europäischen Binnenmarkt abhängig als vergleichbare Länder: Nur etwa 51 Prozent der britischen Warenexporte gehen an die EU; wenn auch die Dienstleistungen berücksichtigt werden, verringert sich dieser Anteil auf 45 Prozent. Träte die zweitgrößte Volkswirtschaft aus, würde die Wirtschaftskraft der EU um 16 Prozent schrumpfen.

Die wirtschaftlichen Interessen bestimmen denn auch die frühen Positionsbezüge der britischen Sozialpartner. Der wichtige Arbeitgeberverband CBI (Confederation of British Industry) setzt sich vorbehaltlos für den Verbleib in der EU ein, der Verband der Automobilhersteller äußert sich besonders begeistert. Auch die großen Banken wollen in der EU bleiben; HSBC kündigte die Verlagerung von 1.000 Arbeitsplätzen nach Frankreich an, falls es tatsächlich zum Brexit käme.

Bei den Gewerkschaften indessen gibt es durchaus skeptische Stimmen. Sie bezichtigen die EU, den Schutz von Arbeitnehmerinteressen zu vernachlässigen und sich einseitig für die Interessen multinationaler Konzerne einzusetzen. Diese Sorgen sind auch aus den Reihen der Labour-Partei zu vernehmen, namentlich im Umfeld des Vorsitzenden Jeremy Corbyn neigen viele dieser Position zu.