Nick Ansell / Reuters

Britisches Bildungswesen

Theresa May will Gymnasien wiedereinführen

von Markus M. Haefliger / 10.09.2016

In Grossbritannien steht einem elitären privaten Bildungssystem ein für die Staatsschulen geltendes egalitäres Dogma entgegen. Premierministerin Theresa May will daran rütteln.

Die britische Regierung hat am Freitag die teilweise Wiedereinführung eines selektiven Bildungssystems auf Sekundarschulstufe angekündigt. Als Kernstück der Reform sollen lokale Schulbehörden befähigt werden, wie früher sogenannte Grammar Schools zu gründen, das sind Mittelschulen mit höheren Ansprüchen ähnlich Gymnasien. Der Schultyp und die damit zusammenhängende Selektionsprüfung im Alter von elf Jahren war seit einer Reform vor fünfzig Jahren durch Gesamtschulen ersetzt worden.

Verpönte Grammar Schools

Die Bildungsinitiative hatte schon im Vorfeld einen Sturm der Entrüstung bis weit in die Reihen der regierenden Tories ausgelöst. Die Kritiker werfen Premierministerin Theresa May vor, sie rede einer rückwärtsgewandten Auslese das Wort, die die Kinder einkommensschwacher Schichten benachteilige. In einer Rede am Freitag widersprach May der Ansicht. Schulische Selektion fördere die Meritokratie, also eine Gesellschaft, die nicht Privilegien belohne, sondern Leistungen und Fähigkeiten. Ganz aus der bildungspolitischen Landschaft verschwunden waren die Grammar Schools nie. In einigen Schulbezirken überlebten sie alle Reformen der letzten Jahrzehnte. Sie erfreuen sich hoher Popularität unter Eltern, wenn auch nicht bei Bildungspolitikern und Erziehungsexperten. Derzeit existieren landesweit 163 Exemplare des Schultyps, die von 5 Prozent aller Sekundarschüler besucht werden. Aber seit 1998 war es den Schulbehörden verboten, neue Grammar Schools zu eröffnen. May will dieses Verbot abschaffen.

Neben allen anderen im Parlament vertretenen Parteien lehnen auch viele Tories die Grammar Schools aus Furcht ab, als reaktionär zu gelten. Erziehungsexperten führen Statistiken ins Feld, wonach mehrheitlich Kinder besser verdienender Familien die Schulen besuchen. Conor Ryan von dem auf Bildungsfragen spezialisierten Think-Tank Sutton Trust hält Grammar Schools für unzeitgemäss; besser sei es, das Angebot für begabte Kinder innerhalb der Gesamtschulen zu verbessern, sagt Ryan.

Die auch in den Medien mehrheitlich ablehnende Haltung erscheint paradox in einem Land, das für sein Klassensystem und dessen gesellschaftliche Etiketten bekannt ist – gerade bei der Bildung. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder in Privatschulen, die von 7 Prozent aller Schüler besucht werden. Die Grammar Schools sind freilich Staatsschulen. Das staatliche Bildungssystem der Nachkriegszeit war in den sechziger Jahren in Verruf geraten, weil aufeinanderfolgende Regierungen die übrigen Sekundarschulen mit Grundansprüchen oder handwerklicher Ausrichtung finanziell und pädagogisch vernachlässigten. 1965 wurden fast alle Mittelschulen in Gesamtschulen umgewandelt, sogenannte Comprehensive Schools. Ihre Qualität galt als schlecht, vor allem in Grossstädten.

Hohe Hürde im Parlament

Reformen der Labourregierung von Tony Blair stellten sich gegen den Negativtrend. Mit sogenannten Academies wurde ein Schultyp geschaffen, der dem Einfluss lokaler Schulbehörden und der Lehrergewerkschaft weitgehend entzogen war und den Rektoren unternehmerische und pädagogische Freiheiten in die Hand gab. Die Tories weiteten die Reform seither noch stark aus. Sekundarschulen in England und Wales zeigen heute ein vielfältiges Bild von mehr oder weniger unabhängigen Institutionen.

May, die als Mädchen selber in eine Grammar School ging, hält selektive Schulen für ein Instrument zur Förderung sozialer Mobilität, nicht für deren Hindernis. May versicherte am Freitag, es werde kein Zurück zu den starren Auswahlverfahren der sechziger Jahre geben; neue Grammar Schools sollen durchlässiger sein als früher und flexible Eintrittsalter anbieten. Eine Arbeitsgruppe soll Vorschläge ausarbeiten, wie sie zur Aufnahme von Kindern aus ärmeren Familien verpflichtet werden können. Im Parlament wird es die Reform schwer haben, zumal sie bei der letzten Unterhauswahl nicht Teil des konservativen Wahlprogramms war. Einen Zweck erfüllt sie in jedem Fall: Mit dem ersten sozialpolitischen Wurf seit dem Einzug in die Downing Street vor zwei Monaten lenkt May von den Fragen um den Brexit ab, von dem noch immer niemand weiss, was er bedeutet.