Café Clash

von Florian Leu / 22.04.2015

Tief im Süden von Malta, zwischen Fabriken und Flüchtlingslagern, steht Lia Balzans Imbissbude. Seine Stammkunden sind Chauffeure, Arbeiter, Rentner, Neonazis und Flüchtlinge. Manchmal geraten sie aneinander.

Der Tagelöhner aus Ghana besucht manchmal Freunde, die drüben in den Asbeströhren schlafen. Der Rentner mit dem Cabrio will alle Schwarzen in die Röhren stecken und ins Meer werfen. Der Kistenschlepper stellt sich beim Bestellen immer auf die Zehenspitzen, er ist klein wie ein Erstklässler und hat den Spitznamen Mali Number One. Der Mann mit dem Hakenkreuztattoo kann kein Englisch, dafür fliegt er auf dem Teerplatz nebenan kühne Loopings mit seinem Modellflugzeug.

Das „Lia Café“ ist Imbiss, Bar, Kiosk, Treffpunkt, Stammtisch, Durchgangsheim, Wartesaal, Stellenbörse, Malta en miniature. Für Lia Balzan, der jeden Tag hier arbeitet und im Rauch des Grills steht, von sechs bis sechs, ist die Bude das Zuhause, und für ein paar seiner Gäste ist sie das auch. Sie sind da, bevor die Sonne aufgeht. Und immer noch, wenn es dunkel wird. Sie kommen, wenn sie hungrig sind oder ein Red Bull brauchen. Meistens wollen sie einfach sehen, wer sonst noch da ist. Das „Lia Café“ ist ein Container auf Rädern und steht an der Hal Far Road. Hier im Süden gibt es sonst nur Fabriken, Baracken, Mülldeponien, den Playmobil-Funpark, die Container der Flüchtlingslager. Die Leute kommen zu Lia, weil sie in dieser Gegend keine Wahl haben. Weil sie ihn schon als Kind kannten. Oder weil sie rauchen wollen, sich aber keine Schachtel leisten können. Eine Marlboro kostet dreißig Cent, Feuer gibt es gratis. Auch wenn Lia das Feuerzeug immer verlegt und lange suchen muss, bevor er sich aus der Bude lehnt und den Gästen die Zigarette anzündet.

Lia hilft nicht, weil er sich als Samariter sieht. Sondern weil es gut ist für das Geschäft. Er ist ein Helfer, aber auch ein Nutznießer. Er kennt fast alle, die auf dem Weg in die Fabriken vorbeifahren, und er kennt fast alle, die in den Lagern leben. Wenn er hört, dass eine Firma Tagelöhner sucht, weiß er fast immer jemanden. Er kommt seit sechsundzwanzig Jahren hierher, zumindest im Winter. In der Badesaison steht seine Bude am Strand von Birzebugia, wo er als junger Mann seine Frau kennengelernt hat und noch heute mit ihr wohnt, in einem Haus an der Zebra Road. Früher arbeiteten Patricia und er gemeinsam hinter der Theke, doch im Frühling ist sie hinter der Bude gestürzt. Seither hinkt sie und sagt, ihre Beine könne man wegwerfen. Wenn im Herbst niemand mehr an den Strand kommt, stellt Lia den Wagen ins Niemandsland zwischen den Lagern. Viele seiner Kunden haben nicht viel, aber sie sind viele. Nur am Sonntag fährt Lia etwas weiter zum Teerplatz, wo die Modellflugzeugpiloten ihre Maschinen steigen lassen. Er arbeitet zwar, aber weil die Bude dann weiter draußen steht als sonst, kommen fast nur Malteser, und Lia hat zwischendurch Zeit, um auf einem Schemel auszuruhen und einen seiner Burger zu essen. Er kaut mit verzerrtem Gesicht, ihm sind fast alle Zähne ausgefallen. Der Hamburger kostet drei, der Chickenburger vier Euro. Sonst hat Lia noch Thunfischbrötchen für zwei fünfzig im Angebot, Teigtaschen für siebzig Cent und Donuts, die auch bei Sonnenaufgang schon lange in der Vitrine zu liegen scheinen.

Manchmal geraten die Leute vor dem Lia Café aneinander und streiten sich. Oft schweigen sie auch einfach. Meistens achten sie nicht aufeinander. Manchmal stehen die Malteser auf der einen, die Flüchtlinge auf der anderen Seite der Bude. Sie kommen aneinander vorbei, auch wenn sie nur ein paar Quadratmeter haben. Als ich zum ersten Mal zum Lia Café kam, tauchte auf der Straße bald ein neongelber Punkt auf, ein Mann auf einem Fahrrad, in Malta eine bedrohte Spezies. Malta ist einer der dichtestbesiedelten Orte der Welt. 350.000 Autos fahren umher. Viele Straßen sind vierspurig. Die Luft hat wenig mit Mittelmeer zu tun. Dieselgeruch kitzelt die Nase, ein schöner Gestank.

Als der Mann mit dem Velo vor dem Lia Café hielt, standen zwei Lastwagenfahrer am Tresen. Mike Grech, einer davon, fluchte und redete sich so in Rage, dass ihm fast der Donut aus dem Mund flog. „Diese Scheißkerle“, rief er. Der Kollege nickte. Dann wandte sich Mike an den Mann in der neongelben Weste, Flughafenarbeiter bei SR Technics, Flüchtling aus Mogadischu, Ibrahim Abdalla.

MIKE: Wir geben euch Baracken, ihr lasst sie verlottern. Wir geben euch Reis, Karotten, Hühnchen. Ihr werft alles weg. Wir geben euch Kleider, und hier liegen sie im Gestrüpp herum. Als ich heute zur Garage kam, lagen Steine vor der Ausfahrt. Gib zu, dass ihr sie hingelegt habt. Ihr wollt, dass ich euch Jobs vermittle. Und wenn ich mal nichts habe, pöbelt ihr mich an.

IBRAHIM: Das stimmt nicht. Du redest dummes Zeug.

MIKE: Ja, vielleicht bin ich dumm. Ich war so blöd, euch zu helfen. Aber ihr könnt nicht mal Paletten stapeln, ihr wart nie in der Schule.

IBRAHIM: Du hast keine Ahnung, was auf der Welt los ist. Wenn ich nicht hätte fliehen müssen, wäre ich heute Arzt in Mogadischu.

MIKE: Deshalb hast du wohl auch den Anspruch, hier richtig Geld zu machen. Ihr arbeitet von acht bis halb drei, dafür wollt ihr fünfzig Euro haben. Ihr spinnt!

Ibrahim schwang sich auf sein Velo und rief mir zu: „Hör nicht auf ihn. Wir reden später.“ Mike biss in seinen Donut und schaute zornig durch die getönte Brille. In Malta, sagte er, gebe es eine Tradition. Wenn einer Hilfe brauche, könne er an jede Tür klopfen. Wenn die Leute nicht helfen könnten, sagten sie: Entschuldige, versuch es nebenan. Auch bei Lia sei es so gewesen. „Nicht wahr, Chef?“ Lia nickte knapp, sagte aber nichts. Er ist als Halbwaise aufgewachsen. Seine Mutter, regelmäßig pleite, schickte ihn oft zu den Nachbarn, die ihm Brot und Tomaten gaben. Aber diese Mistkerle, sagte Mike, die hätten kein Maß, die wollten immer mehr. Malta sei doch zu klein. Es lebten doch sowieso zu viele Leute hier. Er hielt sich den Kopf, als würde er platzen. Dann wandte er sich an seinen Kollegen und tätschelte ihm zum Abschied den Bauch. Ächzend stieg er in die Führerkabine seines Camions, dann war er weg.

Eine Viertelstunde später stand ein Mann in Anzug und Aftershavewolke vor mir, den ich fast nicht wiedererkannte. Ibrahim Abdalla plant zwei Reisen, für die eine hat er auch schon das Ticket. Seit drei Monaten fährt er am Flughafen einen Gepäckwagen, verdient knapp tausend Euro und wohnt noch immer im Camp, weil es schwierig wäre, nach einem Auszug wieder hineinzukommen. Dafür zahlt er etwas mehr als dreißig Euro im Monat. Er hat versucht, bei der Bank of Malta ein Konto zu eröffnen. Weil die BOV nur Leute mit mehr als fünftausend Euro als Kunden haben will, ging er zur HSBC. Bald wird er Schwester und Onkel in Göteborg besuchen, das Ticket nach Schweden trägt er immer bei sich. Es war schon zerfranst und fleckig vom Herumzeigen, ein Statussymbol aus Papier, das ihn als anerkannten Flüchtling auswies. Irgendwann will er zurück nach Mogadischu, wo er letzten Januar noch Medizinstudent vor dem Abschluss war, Fachgebiet Pädiatrie, aufgeblähte Kinderbäuche wegen der Hungersnot. Die Reise nach Somalia will er unternehmen, um von dort wieder Richtung Malta aufzubrechen. Er will einen Dokumentarfilm über die Wüste drehen. „Was dort passiert, wissen wenige. Wenn es heiß ist, schwitzt der Körper jede Stunde einen Liter. Zusammengedrängt auf der Ladefläche eines Pick-ups hast du Mühe zu denken, bekommst Krämpfe in den Beinen, musst dich übergeben vor Durst. Wäre es nicht so eng, würdest du vor Schwindel vermutlich umfallen.“ Ibrahim hat während der Reise Leute kennengelernt, die zum dritten oder vierten Mal versuchten, durch das Meer aus Sand zu gelangen. Versuche, bei denen andere ums Leben kamen, nachdem sich ihre Haut rot verfärbt hatte und sie nicht mehr gewusst hatten, wohin sie unterwegs waren. „Ich will das festhalten“, sagte Ibrahim. „Europa sollte das einfach wissen.“ Er schwieg eine Weile, dann schaute er Lia an.

IBRAHIM: Er ist ein guter Mann. Wir lieben ihn.

LIA: Der da ist der Einzige, den ich nicht mag. Der redet mir zu viel.

IBRAHIM: So spricht er mit allen. Er ist einer der wenigen, die sich uns gegenüber nicht herablassend verhalten. Wir sind einfach seine Kunden.

LIA: Übertreib nicht. Noch einen Kaffee?

IBRAHIM: Und er will immer allen etwas andrehen.

Ibrahim setzte sich wieder auf sein Fahrrad, ein Mountainbike für Kinder, auf dem er an einen Zirkuskünstler erinnerte. Mehr Zeit habe er heute nicht, entschuldigte er sich. Er treffe noch seine Freundin. Sie arbeitet bei einem Hilfswerk. Er hat sie kennengelernt, als er noch Übersetzer war. Er spricht neben Somali auch Arabisch, was bei den Flüchtlingen aus Syrien und Libyen nützlich ist. Darum versteht er auch, was die Leute in den Straßen über ihn sagen, Maltesisch gehört zur selben Sprachfamilie. Am häufigsten beklagen sie sich über seinen Körpergeruch. Ibrahim stieg auf sein Kindervelo, dann kurvte er in Anzug und Aftershavewolke davon.

Die schwarzen Migranten sind Gepäckarbeiter am Flughafen, fahren auf dem Trittbrett der Müllabfuhr, kehren das Trottoir, hantieren mit Pressluftbohrern, stehen am Rand der Verkehrskreisel und hoffen auf einen Job für einen Tag. Die weißen Migranten, sehr viel zahlreicher, sind weniger sichtbar. In Saint Paul’s Bay, wo einst der Heilige gestrandet sein soll, der Migrant aus der Bibel, leben heute Menschen aus über hundert Ländern. In Saint Julian’s steht man alle paar Schritte vor einem Geschäft mit Spezialitäten aus Bulgarien. In Sliema hört man oft Serbisch auf den Gassen. In Floriana reden die Leute in den Cafés ein so britisches Englisch, als hielten sie sich daran fest. Beamte, die einmal hier gearbeitet haben und jetzt zurückgekehrt sind, man nennt sie Sunshine Migrants.

Die Leute aus Afrika sind in diesem Land der Autofahrer oft die einzigen Fußgänger. Viele können sich auch den Bus nicht leisten. Einige tragen den weißen Bauhelm nachts auf dem Heimweg, damit die Autofahrer sie besser sehen. Es ist, als lebten sie hinter Glas. Zu Begegnungen mit Maltesern kommt es selten, wenn man von den Ämtern absieht. Das gilt vor allem im dünn besiedelten Süden. Obwohl die Insel klein ist, nur etwas größer als der Kanton Schaffhausen, gibt es ein Gefälle zwischen Nord und Süd. Je nördlicher, desto weißer. Je südlicher, desto ärmer.

Von der Chemie weht ein beißender Geruch herüber. Straßen, die plötzlich im Gestrüpp enden. Am Wochenende lärmen Go-Karts über die Plätze, die unter der Woche verwaist sind. Überall Müll, ausgeblichene Bierdosen am Straßenrand, zerfetzte Kleider im Gebüsch, verrostete Schiffscontainer der „Líneas Mexicanas“. Der Wind spielt mit den Styroporbechern, in denen Lia Tee und Kaffee für fünfzig Cent verkauft, manchmal mit einem Schuss Anisschnaps versetzt. Vor einem der Lager liegen Abwasserröhren aus Asbest, die selbst zu einem Lager geworden sind. Ein Ort für jene, die es nicht geschafft haben. Besonders die Nigerianer fürchten, abgeschoben zu werden. Sie sorgen sich vermutlich ohne Grund, denn Malta wird das Rückschaffungsabkommen, das die beiden Regierungen ausgehandelt haben, wahrscheinlich nicht umsetzen. Andere harren in den Röhren aus, weil sie einfach auf keinen Fall zurückwollen. Man würde sie zu Hause als Versager sehen. Wieder andere, ständig betrunken, scheinen gar nicht mehr recht zu wissen, warum sie eigentlich hier sind. Hin und wieder geht jemand auf dem Trampelpfad zwischen den Röhren auf Lias Bude zu. Einmal sah ich dort einen Mann mit Baseballmütze. Er hielt eine Scherbe in der Hand, die immer wieder aufblitzte, und kam langsam auf Lias Wagen zu.

Lia sprach mit ein paar Mechanikern, der Mann mit der Baseballmütze setzte sich mit ein paar Zigaretten hinter die Bude. Als ich fragte, ob ich mich dazusetzen könne, schaute er sich gerade in der Spiegelscherbe an, die vor ihm auf dem Plastiktisch lag wie ein Glücksbringer. Während ich einen Cheeseburger aß, sah der Mann schläfrig in den Himmel, immer wieder dröhnten Flugzeuge über uns hinweg. Von Lias Bude ist es nicht weit bis zur Landebahn, gleich dahinter steht der Radarturm, und neben dem Turm verlottert ein Hangar, der früher ebenfalls ein Lager war. Assis Issah ist Ghanese und kam vor einem halben Jahr im Flugzeug hier an. Dass er aussieht wie ein Rapper, hat einen Grund. Unter dem Dach der Mütze fällt er weniger auf. „Seit ich mich so kleide, gehe ich in der Menge unter. Ich könnte auch ein Tourist aus den USA sein.“

Während er erzählte, lachte er manchmal, wie man über etwas lacht, was seinen Schrecken verloren hat. „Als ich zu arbeiten anfing, war ich zehn. Ich half einem Mann, der einen Lebensmittelstand hatte. Ein Mann wie Lia. Ich war stolz auf das Geld, das ich verdiente. Ich mochte das Gefühl, für mich selbst zu sorgen. Mit zwanzig bin ich aus Ghana abgehauen. Ich habe niemandem etwas gesagt. Gott wollte es so. Erst in Niger rief ich meine Mutter an. Über Algerien, Marokko und Fuerteventura kam ich nach Murcia, wo ich fast zehn Jahre blieb und auf dem Bau arbeitete. Ich hab auch Toiletten geputzt. Ein Kollege dort hat etwas gesagt, woran ich oft denke. No hay trabajo que deshonre al hombre, es gibt keine entwürdigende Arbeit. In Ghana ist die Krise ein Dauerzustand, darum dachte ich, dass ich mit der Krise in Spanien zurechtkommen würde, ich sehe mich als Krisenexperten. Aber ich konnte keine Arbeit mehr auftreiben. Vor einem halben Jahr sagte einer, auf Malta würde ich was finden, weil sie hier so viele Hotels bauen. Aber ich komme nicht über Jobs für drei Tage hinaus. Wenn ich in der Gegend bin, besuche ich die Freunde, die in den Röhren leben. Ich kehre gern bei Lia ein und denke über die Zukunft nach. Ich mag ihn, seine Geradlinigkeit. Dank ihm konnte ich schon ein paar Mal auf Baustellen aushelfen. Ich habe auch schon im Funpark von Playmobil gearbeitet, das ist nur fünf Minuten von hier. In einer der Farbfabriken war ich auch, dort ist mir immer schwindlig geworden. In den anderen Fabriken kannst du dich kaum gegen die Konkurrenz aus Asien durchsetzen. Manche Firmen fliegen für ein paar Monate Leute aus Thailand ein, die dann in der Fabrik schlafen. Über meine Pläne kann ich dir nichts sagen. Ich spreche nie darüber. Ich versuche einfach, sie umzusetzen. Ich darf keine Kraft verlieren.“

Schon seit längerer Zeit war ein dünner Mann mit rastlosen Augen um den Tisch geschlichen, einmal hatte er murmelnd um eine Zigarette gebeten. In einer der Vordertaschen seiner Jacke hatte er einen Tetrapak Rotwein. Der Mann sprach mit sich selbst. Er kickte Steinchen herum. Manchmal pfiff er auch. Ich konnte nicht mehr über ihn erfahren, als dass er Libyer und seit zwei Jahren hier sei. Assis schaute ihm zu, ohne etwas zu sagen. Dann erklärte er, was der Mann falsch mache. „Du darfst nicht an die Vergangenheit denken, sonst wirst du wahnsinnig. Irgendwann sehen dir die Leute an, ob du ein Kämpfer bist. Doch was rede ich hier? Man kann all das nicht recht in Worte fassen. Zumindest ich kann es nicht, und ich versuche es seit Jahren. Ich habe auch versucht, es aufzuschreiben. Aber es geht weder auf Englisch, noch auf Spanisch, noch auf Akan.“

Die Tagelöhner, die Angestellten, die Arbeitslosen: Meistens achteten sie peinlich auf ihr Aussehen. Viele schienen direkt vom Friseur zu kommen. Einige trugen Anzüge, die im Sonnenlicht glänzten. Die Flüchtlinge, die ich traf, sahen sich nie als Opfer. Viele schienen stolz zu sein, dass sie es geschafft hatten. Was sie erzählten, waren Heldengeschichten, an denen Drehbuchratgeber Freude hätten. Der Ruf zum Abenteuer, der Übertritt der Schwelle, die Begegnung mit einem Mentor, die Überwindung von Hindernissen, das Bestehen von Prüfungen, das Lernen von Lektionen fürs Leben, das war alles drin. Wenn sich jemand als Opfer sah, dann die Malteser. Aber auch hier gab es Ausnahmen.

Henry Balzan, ausgebleichtes Poloshirt, riesige Sonnenbrille, trank einen Kaffee und hörte der Musik zu. Es dudelte wie immer so aufdringlicher Europop aus den Lautsprechern, dass man am liebsten die Flucht ergriffen hätte.

Im Hintergrund das Bellen der Fabrikhunde und die Schüsse vom Übungsgelände des Militärs. Henry sagte, dass er die Fremden früher gehasst habe. Als er in den fünfziger Jahren aufwuchs, war Malta eine Kolonie. Er fuhr oft zum Hafen und winkte seinen Cousins nach, die Richtung Australien auswanderten; zwischen 1948 und 1967 haben 140.000 Leute die Insel verlassen, jeder Dritte. Die meisten kehrten nie zurück, außer in den Ferien. Als Malta die Unabhängigkeit erlangt hatte, versiegte das Geld aus England. Henry sah, wie mit Geld von Gaddafi die erste Moschee im Land der dreihundert Kirchen gebaut wurde, etwas später auch ein Fußballstadion. Wenn Henry die Leute aus Libyen sah, hielt er sie für hochnäsig. „Sie traten auf, als würden sie die Insel übernehmen. Sie schnitten mir immer den Weg ab. Einmal fing ich fast eine Prügelei an.“

In den neunziger Jahren begann Henry bei einer Kleiderfirma zu arbeiten, kümmerte sich dort um die Finanzen. 2002 strandete ein Boot mit hundertvierzig Leuten aus Eritrea. Henrys Firma stellte einen von ihnen als Chauffeur und Handlanger ein. Heute lebt der Mann in Las Vegas und steht vor dem Abschluss als Elektroingenieur, nachts fährt er Taxi. Als der Mann Malta verließ, besorgte er einen Nachfolger, wieder einen Eritreer, so ging es weiter. „Hasan, Ermias, Lidia, Abram und Zaid. Wir hatten nie Probleme“, sagte Henry. Der Chauffeur fuhr im Geschäftsauto jeweils auch nach Hause, eins der wenigen schwarzen Gesichter hinter einem Steuer.

Wenn Henry am Wochenende am Meer spazierenging, kam manchmal ein Eritreer auf ihn zu und umarmte ihn. Hin und wieder ist Henry zu einem Essen eingeladen worden. Fladenbrot mit Fleischbällchen, das man von Hand isst und dabei auf dem Boden sitzt. Henry sagte, dass er nicht sicher sei, ob er selber zum Flüchtling tauge. „Ich weiß nicht, wie die das aushalten. Vielleicht will ich es gar nicht wissen.“ Wer schlecht über sie rede, habe keine Ahnung. Wer gegen sie Stimmung mache, käue die Phrasen der Rassisten wieder. Zu sagen, dass es zu wenig Platz gebe, sei sinnlos. Mehr als siebentausend Wohnungen stehen leer. Alle paar Monate verkauft die Regierung irgendwo ein Stück Land, wo dann ein Hotel gebaut wird oder ein Komplex mit Zweitwohnungen. „Warum sollte ich am Sonntag in die Kirche gehen, wenn ich nie helfe? Alle, mit denen ich zu tun hatte, sind Christen. Vielleicht hat das den Austausch erleichtert. Entscheidend war es nicht. Eritrea war eine italienische Kolonie. Möglich, dass sie auch deshalb die Kultur hier als nicht so fremd empfinden. Wir zahlen ihnen vier Euro die Stunde, Mindestlohn. Ich behandle sie wie meine Kinder. Sie nennen mich Papa. Das freut mich. Nur etwas macht mich bitter. Wir sind zu ihnen wie zu allen anderen. Trotzdem fühlen sie sich minderwertig.“

NATHANAEL: Erinnerst du dich an mich?

LIA: Nein.

NATHANAEL: Ich bin gestern von einem Soldaten hier vorbeigeführt worden, vom geschlossenen ins offene Lager.

LIA: Ja, vielleicht erinnere ich mich.

NATHANAEL: Heute ist mein erster Tag in Freiheit.

LIA: Und, was hast du so gemacht?

NATHANAEL: Ich war zum ersten Mal in Valletta. Es war schön.

Nathanael Mathew aus Nigeria trug trotz der Wärme eine Kunstlederjacke, die ihm gut stand. Er legte ein paar Münzen auf den Tresen. Lia schob ihm drei Zigaretten hin, zögerte kurz und schenkte ihm die Schachtel. Nathanael rauchte und lehnte so entspannt an der Theke, dass Lia ihn zurechtwies. Später aß er einen Hamburger, klaubte fast alles zusammen, was er dabeihatte. Er aß mit halbgeschlossenen Augen und schien erleichtert zu sein, nach anderthalb Jahren Einheitsbrei wieder interessante Kalorien zu sich nehmen zu können. Nathanael hatte die Jacke an, damit niemand seine Narben sah. Er hat auch immer den Kragen hochgeschlagen, so verbirgt er die dunklen Stellen an seinem Hals. „Als ich in Malta ankam, hatte ich von Anfang an ein böses Gefühl. Wir wurden gleich ins geschlossene Lager gebracht, achtzehn Monate war ich da. Länger dürfen sie dich eigentlich nicht drinbehalten. Aber ich habe viele kennengelernt, die schon seit zwei Jahren dort sind. Es ist ein Gefängnis, man kann es nicht anders sagen. Mir ist nie klar geworden, warum man uns einsperrt. Ich bin kein Verbrecher. Wenn jemand krank war, legten sie ihn in Handschellen, bevor sie ihn zum Arzt brachten. Ich habe zweimal versucht, mich umzubringen. Die Narben an meinem Hals stammen vom Strick.“

Nach zwei Stunden in Valletta ist Nathanael wieder nach Hal Far gegangen, vorbei am Royal Malta Golf Club, der sich neben dem Kreisel von Marsa befindet, wo immer die Tagelöhner stehen. Durch den Tunnel beim Flughafen, vorbei an einem weiteren Lager hinter drei Zäunen, zwei davon mit Stacheldraht gesichert. Ein Gast, der Nathanael zugehört hatte, sagte: „Du bist die ganze Strecke zu Fuß gegangen? Nimm doch am Marathon teil.“ Nathanael lächelte. Die Idee ist gut. Letztes Jahr hat ein Staatenloser den Halbmarathon gewonnen: Ibrahim Ahmeds Eltern stammen aus Eritrea, er ist im Sudan aufgewachsen, keines der Länder stellt ihm einen Pass aus. Er gewann, obwohl er eine Blessur an einem Bein hatte. In der Times of Malta schrieb jemand, die Flüchtlinge seien Maltas einzige Hoffnung bei Olympia.

NATHANAEL: Verkaufst du auch Schuhe?

LIA: Schau drüben auf dem Acker. Heute morgen lagen da welche.

NATHANAEL: Ich glaube, die hat schon einer genommen.

LIA: Dann musst du morgen halt früher kommen.

Als er kam, schauten alle hin. Sein Cabrio dröhnte aus allen Rohren. Die Gäste standen auf, gingen um den Wagen herum. Der Motor brummte noch immer, kleiner Kleber am Heck: Loud’n’proud. Denis Armanin hat sich vier Dinge auf Hände und Unterarme tätowiert. Auf den Armen verblassen ein Anker und ein Totenkopf, auf den Fingern fügen sich die Buchstaben zu den Wörtern Love und Hate. Er kam auf einen Chickenburger vorbei und weil er Lia wieder einmal sehen wollte, außerdem steht die Bude an einer der wenigen Straßen, auf denen man noch anständig beschleunigen kann. Denis schob sich die Sonnenbrille ins Haar, und trotzdem sah es so aus, als hätte er immer noch eine Brille auf. Sein Gesicht war gebräunt, nur die Haut unter der Brille war weiß geblieben. Denis sprach und wies mit dem Chickenburger Richtung Flüchtlingslager.

„Bald stellen sie sicher noch mehr Container hin. Dann kommt wohl bald auch ein Jacuzzi vor die Hütte.“ Denis hat vierzig Jahre in England gelebt, erst hat er bei Mars gearbeitet, dann eine Dönerbude in Windsor eröffnet. „Stell dir das mal vor. Meine Frau ist vor meinem eigenen Dönerladen von einem Schwarzen überfallen worden. Wir haben die Gewalt nicht mehr ausgehalten, darum kamen wir zurück. Jetzt sieht es hier aber aus wie in fucking Manchester. Ich sage es meiner Tochter immer wieder: Bleib fern von denen. Ich will nicht, dass ich ein Äffchen im Kinderwagen durch die Gegend schieben muss. Wenn sie einen Rumänen nimmt, okay. Sie kann von mir aus auch einen Bulgaren nehmen, einfach keinen dieser Affen.“ Denis wählt seit Jahren Norman Lowell von Imperium Europa, der Rechtspartei. Er zeigte auf die Rentner, die an den Tischen neben der Bude sitzen. Mit einer raumgreifenden Geste sagte er: „So denken alle in Malta, doch ich stehe dazu. Diese Afrikaner sind wie Tiere, einfach schlimmer. Tiere lassen nicht einfach ihre Kleinen im Stich. Die fressen sich gegenseitig auf da unten.“ Irgendwann redete Denis noch von der Welle aus Afrika, die Malta überrollte. Es schien ihn eine Lust am Untergang zu überkommen. „Würde mich reizen zu sehen, wie Malta endgültig vor die Hunde geht. Ich bin übrigens kein Rassist. Ich bin Patriot.“

Er schaute böse zu Boden, wo ein paar Jungs gerade ihren Müll liegengelassen hatten. Er bückte sich und las demonstrativ Servietten auf. „Die sollen ihren Scheiß in Afrika fortschmeißen.“ Während er den Abfall sammelte, wiederholte er es wie ein Mantra: „Drecksäcke, Drecksäcke, Drecksäcke.“ Die Jungs, die noch immer dasaßen, achteten nicht auf ihn. Sie hingen in ihren Aluminiumstühlen und spielten Games auf ihren Smartphones. Denis trug Trainerhosen, auch die Jungs waren im Trainer gekommen. Denis ging zu seinem Wagen zurück, der Motor lief noch immer. Ins Innere der Bude rief er: „Ciao, Lia!“ Lia machte wie immer keine Bewegung zu viel. Weil er gerade einen Hamburger briet und mit dem Rücken zu den Gästen stand, sprach er nur gegen die Wand: „Ciao!“ Denis ließ lange den Motor aufheulen, loud’n’proud, und als er davonfuhr, streckte er herzlich den Mittelfinger heraus. Lia winkte ihm nach.

LIA: Feuer?

MALI NUMBER ONE: Nein danke, ich habe mein eigenes.

Mohammed Fafnana, den sie hier nur Mali Number One nennen, trug seine Lieblingsschuhe, es waren die gleichen wie meine: federleichte Sneakers aus Japan. Er stellte sich zum Bestellen auf die Zehenspitzen, er misst etwa anderthalb Meter. Von Lias Großzügigkeit wollte er nichts wissen. Er zahlte jede Zigarette selber, und jene, die Lia ihm zusätzlich geben wollte, schob er zurück. Stolz zündete er sich eine Zigarette an, steckte das Feuerzeug sorgfältig in den Rucksack. Auf dem Smartphone zeigte er mir seine Fotos, eins war ein Porträt mit seinem Lieblingsfreund vom Gemüsemarkt, wo er als Kistenschlepper unter Vertrag ist. Der Freund ist Malteser, auf dem Bild sieht er aus wie ein Riese, Mali Number One sitzt auf seinem Schoß, hat einen Pullover mit Elfen an und schaut sehr ernst in die Kamera. Er hat sich das Bild als Hintergrund seines Handys eingerichtet. Mohammed ist aus dem Norden Malis, kam zusammen mit seinem älteren Bruder vor vier Jahren hier an. Er zeigte mir seine Helden, die Rapper Nelly und Lil Wayne, Männer mit gemeißelten Torsos, umgeben von einem halben Dutzend halbnackten Frauen. Mohammed führte mir ein Video vor, und mit halbgeschlossenen Augen tanzte er ein wenig dazu. Seit ein paar Tagen hatte er eine neue Frisur. Manchmal fuhr er sich tastend über den Kamm und lächelte scheu. Dann ging er, und weil er über seine Kopfhörer sehr lauten Hip-Hop hörte, hörte auch ich die Musik noch eine Weile.

Es war wieder einer dieser Abende, an denen der Himmel in ein Dutzend Rottöne getaucht war, Sonnenuntergänge sind Farbverschwendung hier. Der Asphalt vor der Bude war immer noch warm. Die Schatten waren surreal lang. Manchmal trottete ein Streuner vorbei. Manchmal wühlte ein Kätzchen im Müll. In der Bude flammte das Licht an. Der Hologramm-Jesus schimmerte an der Wand. Lia holte „Bestini Peanuts“ und „Cheesy Twistees“ aus den Vorratskisten und legte sie in den Schaukasten. Er hat jetzt dreißig Jahre lang als Koch gearbeitet, mit vierzehn hat er angefangen. Die Arbeit hat ihn zu dem gemacht, was er ist. Die Stimme ist rau, vielleicht vom Herumbrüllen, anders geht es nicht, wenn ein Dutzend hungriger Leute seinen Wagen umringen. Das Gesicht leuchtet rötlich, vielleicht weil er immer am Grill steht. Lia hat seine Bude selber gebaut, drei Monate hat er dafür gebraucht. Einmal wollte er auf dem Gelände ein Restaurant bauen, aber er bekam keine Bewilligung, sich endgültig an der Hal Far Road einzurichten.

Zwei Gäste standen noch immer vor dem Café, Hände in den Hosentaschen, Zigaretten im Gesicht. Dann noch der Libyer, der immer mit sich selbst spricht, und ein Sudanese, der vor Feierabend immer zwei Bier holt, weil er sonst nicht einschlafen kann. Das Gebäck hatte Lia schon lange verkauft. Aber auf dem Ofenblech lagen noch die Krümel. Er wischte sie zusammen. Die beiden Männer kamen sofort herbei. Lia ließ die Brosamen in ihre Hände rieseln. Er schloss den Wagen und rief noch in die Dunkelheit: „Bis morgen!“