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CETA und TTIP: Politik der Gefühle?

Gastkommentar / von Ralph Janik / 23.09.2016

Gegner und Befürworter der aktuellen Schlacht um den Freihandel werfen einander Zahlen, Grafiken und sonstige Fakten aller Art entgegen. Allerdings findet die Diskussion über weite Strecken auf der Gefühlsebene statt. Die Proponenten von CETA und TTIP sitzen hier am kürzeren Hebel.

In der großen Diskussionsarena rund um alles, was mit Globalisierung und Freihandel zu tun hat, stehen einander seit jeher zwei große Blöcke unversöhnlich gegenüber: auf der einen Seite das „Die Reichen werde immer reicher, die Armen immer ärmer“-Diktum. Auf der anderen wiederum werden die globalen Wohlstandsgewinne der letzten Jahrzehnte betont, von denen die wirtschaftlich am stärksten liberalisierten Länder am meisten profitierten. Und dazwischenliegen natürlich zahlreiche Nuancenrund um die zentrale Frage, welchen gesellschaftlichen Gruppen die Globalisierung tatsächlich nützt.

Das große Für und Wider

Globalisierungsgegner und -kritiker sehen darin oftmals einen grundsätzlich positiven Prozess, der allerdings anders gehandhabt werden muss. Die unterschiedlichen Forderungen reichen von der temporären Abschottung bestimmter wirtschaftlicher Sektoren über die Einführung, Erhöhung und Einhaltung globaler Mindeststandards bis hin zur Abschaffung der Entwicklungshilfe. Das Sammelsurium der Meinungen zum Thema Globalisierung ist schon lange so unübersichtlich wie die Globalisierung selbst.

Zahlen, so weit das Auge reicht

All diese Diskussionen werden von unzähligen Zahlen dominiert. Gerade Ökonomen sind ewig strebend bemüht, die Objektivität und Wissenschaftlichkeit ihrer Darstellung zu betonen. Es folgt ein Wechselspiel mit fachfremden Personen, die  die eigene Position nur allzu gerne mit einem großen Namen, einem namhaften Institut oder einer großen Organisation untermauern. Grafiken und sonstige Daten verkommen dabei oft zum Selbstzweck, den man gerne überblättert. Der Erfolg von Büchern wie Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ gründet sich eben darauf, einen bereits bestehenden Eindruck – man könnte gar von einem Paradigma sprechen – zu bedienen. Die hitzig diskutierte Frage, ob und inwiefern seine Ausführungen einer empirischen Überprüfung standhalten, tritt insofern in den Hintergrund.

Politik der Gefühle

Auch in Bezug auf TTIP und CETA wird natürlich viel von Wachstum und Wohlstand geredet. Je nachdem, wo man steht, soll es durch die Freihandelsabkommen zu Lohnzuwächsen oder -einbußen kommen, neue Arbeitsplätze geschaffen oder alte vernichtet werden. Wer letztlich recht behält, bleibt offen. Dem Laien fehlt das tiefergehende Wissen, aber auch Ökonomen haben spätestens seit der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 merklich an Reputation eingebüßt. Es fällt schwer, ohne ironischen Unterton von „wissenschaftlichen Studien“ zu sprechen. Wirklich interessant werden diese wohl erst Jahre später, wenn man alte Prognosen den tatsächlichen Entwicklungen gegenüberstellen kann.

Außerdem: Ab Erreichen eines gewissen Mindestniveaus sagt der materielle Wohlstand zunehmend weniger über das Wohlbefinden aus. Was bringt einem ein noch höheres BIP pro Kopf, wenn eine ganze Gesellschaft von kollektiver Abstiegsangst dominiert wird und unter dem Eindruck steht, dass CETA und TTIP zulasten der breiten Bevölkerung nur Konzerninteressen bedienen? Dass überhaupt früher einmal alles besser war?

Wohlstand anders denken

Proponenten der Freihandelsabkommen laufen schnell Gefahr, halbpaternalistisch wahrgenommen zu werden. „Aufklärungskampagnen“ riechen verdächtig nach Manipulation. Als müsse man den Leuten erklären, dass es ihnen eigentlich gut gehe und sie es nur nicht wahrhaben oder einsehen wollen.

Zahlenspiele stoßen dabei an ihre natürlichen Grenzen. So esoterisch es auch klingen mag: Wer in den Ring rund um den Freihandel steigt, muss auch bereit sein, abseits des oft lediglich scheinbar objektiven und neutralen Felds der kalten Zahlen auch über kollektive Gefühlslagen und Stimmungen zu reden.