Christine Brand

Flüchtlingslager in Griechenland

Das Ende der Hoffnung in Idomeni

von Christine Brand / 29.05.2016

Die griechische Regierung hat das Flüchtlingslager bei Idomeni geräumt. Sie ist mit der Situation überfordert. Ohne private Hilfe aus anderen Ländern ginge gar nichts.

„Wir konnten nicht mehr.“ Rashid, 28, Mathematiker aus dem Osten Syriens, sitzt auf dem Betonboden in Zelt Nummer 8 in Halle D. „In Idomeni hatten wir nichts mehr zu essen, kaum mehr zu trinken, wir hatten keine Kraft mehr.“ Jetzt teilt sich Rashid ein Armeezelt mit vier anderen Männern, die wie er bis zum Schluss im Flüchtlingslager bei Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze ausgeharrt haben. In jener improvisierten Zeltstadt, in der seit der Schließung der Grenze im März zeitweise bis zu 14.000 Personen festsaßen, die aus Syrien, dem Irak und Afghanistan geflohen waren.

Die Zustände in Idomeni waren prekär. Ohne die Hilfe internationaler und privater Organisationen hätte es kein Überleben gegeben. Es mangelte an allem, jede einzelne Banane war ein wertvolles Gut, um ein paar Schuhe oder um einen Beutel mit Fladenbrot wurde gestritten oder gekämpft. Fast die Hälfte der Flüchtlinge waren Kinder. Sie spielten vor dem Stacheldrahtzaun, hinter dem einsatzbereit der mazedonische Panzer stand. Idomeni war ein Ort, den es so nie hätte geben dürfen, ein Ort der Schande für Europa – aber auch ein Ort der letzten Hoffnung darauf, doch noch weiterziehen zu können, aus Griechenland wegzukommen, das mit der Situation maßlos überfordert ist.

Aushungern lassen

Diese Woche wurden Tausende von Hoffnungen zerstört. Zuerst verweigerte die Polizei den freiwilligen Helfern den Zutritt, die Essen, Schuhe, Kleider oder Benzin für die Generatoren ins Idomeni-Lager bringen wollten. Dann stellten die Behörden das Wasser ab. Aushungern lassen, lautete die Taktik der Regierung. So stiegen die Menschen schließlich in die Polizeibusse und fuhren, eskortiert von Streifenwagen, in die neuen Lager.

„Hier fühle ich mich wie ein Gefangener“, sagt Rashid. „Nicht mehr wie ein Mensch, eher gehalten wie ein Tier.“ Der Mathematiker ist im Lager Karamanlis gelandet, in einem Industriegebiet an der Autobahn nördlich von Thessaloniki, 50 Fußminuten vom nächsten Dorf Sindos entfernt. Er ist zu einer Nummer auf einem visitenkartengroßen Zettel geworden. Der Sicherheitsapparat hat übernommen. Polizei und Militär machen die Regeln. Selber kochen? Verboten. Den Falafel-Stand aufstellen, den man in Idomeni betrieben hatte? Verboten. Ein Verlängerungskabel ins Zelt ziehen? Verboten.

Das offizielle Flüchtlingslager besteht aus vier Fabrikhallen, in denen die Armee reihenweise 12 Quadratmeter große Zelte aufgestellt hat. 129 Zelte für 620 Personen. Etwas mehr als ein Drittel sind Kinder, 50 von ihnen sind noch keine zwei Jahre alt. Zwei Frauen sind im neunten Monat schwanger. Fünf bis acht Personen teilen sich ein Zelt. Es gibt 40 Plastiktoiletten, 14 Duschboxen, ein Dutzend Spülbecken ohne Trinkwasser.

Es werden noch mehr Menschen kommen. Nicht nur im inzwischen vollständig geräumten Lager Idomeni hausten Flüchtlinge, sondern überall in der Grenzregion, so etwa auf den Autobahnraststätten. Diese werden derzeit von der Polizei geräumt.

Betroffen sind Menschen wie Rashid, der vor dem Einzug in den Krieg und der Terrormiliz IS geflüchtet ist. Menschen wie Aboud, der mit neun Kindern aus dem bombardierten Aleppo geflohen ist. Menschen wie Mohammed, 22, Koch, der es mit seinem zwölfjährigen Bruder bis nach Deutschland geschafft hat, aber zurückgekehrt ist, um seine Schwestern und seine Mutter im Lager zu unterstützen, nachdem der Vater auf der Flucht gestorben war.

Rashid: „Wie ein Gefangener.“
Credits: CHRISTINE BRAND

Und Menschen wie Methaq, 40, einst Polizist in Bagdad. Er sitzt in seinem Zelt, offeriert Kaffee, obwohl er selbst fast nichts mehr hat. Drei Mordanschläge hat Methaq überlebt. Er zeigt auf seinem Handy Fotos seines toten Babys, das zwei Tage alt war, als eine Bombe Methaqs Auto in die Luft sprengte. „Für mich und meine Frau habe ich keine Hoffnung mehr“, sagt er. „Aber ich möchte, dass die Kinder ein besseres Leben haben.“ Methaq zeigt auf seine drei Söhne, die neben ihm auf dem Boden schlafen.

Auch der Elektroingenieur Diab aus Damaskus verließ die Heimat mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Mädchen, als eine Bombe sein Haus traf. „Das Lager ist nicht menschlich, aber wir akzeptieren es, wir haben keine Wahl“, sagt Diab. Er probiere, seine Situation Tag für Tag zu verbessern.

Schmutz und kaum Essen

Das versuchen auch die freiwilligen Helfer, die das vom Militär geführte Lager unterstützen. Wobei von Führung keine Rede sein kann: Als die ersten Flüchtlinge hergebracht wurden, lag der Staub in den Fabrikhallen der einstigen Ledergerberei teppichdick. Die Zelte waren dreckig, ihr Boden teilweise nass. Die Matratzen der Armee sind dünne Yogamatten. Das Essen des Militärs – meist ein Sandwich oder lauwarme Pasta aus der Alufolie – ist mangelhaft. Die einzigen Vitamine gibt es per Fruchtsaft aus dem 2,5-Deziliter-Tetrapack. „Wir müssen Befehle ausführen, mehr können wir nicht tun“, sagt einer der Soldaten, fast entschuldigend. Bald soll ein Catering-Service das Essen liefern.

Es ist das Freiwilligenteam des Berners Michael Räber, das die Zelte gefegt hat, bevor die Ersten einzogen, das Gemüse, Milch, Joghurt, genügend Wasser für die Lagerbewohner einkauft, das Damenbinden, Seife, Shampoo, Windeln und Putzmaterial verteilt. „Mit solchen Camps auf europäischem Boden verlieren wir unsere Würde“, sagt Räber. „Europa hat den Menschen, die aus dem Krieg kommen, mehr zu bieten als ein Zelt für sieben Personen ohne Privatsphäre.“ Räber glaubt, dass die Flüchtlinge die nächsten 8 bis 20 Monate in diesen Hallen leben müssen.

Rashid hat sich auf langes Warten eingestellt: „Meine Hoffnung für die Zukunft ist, überhaupt eine Zukunft zu haben.“