Das Geschäft mit dem Exodus

von Nicole Anliker / 24.04.2015

Hunderte Flüchtlinge werden fast täglich von Schlepperbanden nach Europa gebracht. Die Menschenschmuggler sind nicht nur skrupellos und gut organisiert, sie verdienen angesichts des großen Ansturms auch viel Geld. Eine Reportage von NZZ-Redakteurin Nicole Anliker.

Auf der Suche nach einem besseren Leben haben am vergangenen Wochenende rund 800 Flüchtlinge ein Boot bestiegen und damit ihr Schicksal in die Hände von Schleppern gelegt. Doch ihr Boot, das sie von Libyen nach Europa bringen sollte, kenterte. Nur 28 Personen überlebten die Katastrophe. Es sei klar gewesen, dass es nicht genügend Platz für alle geben würde, sagte ein Überlebender später. Die Schlepper hatten das Boot überfüllt – einmal mehr. Nicht die Sicherheit der Menschen war ihnen prioritär, sondern das Geld, das sie mit diesen verdienten.

Hohe Geldsummen

Dass Monat für Monat mehr Flüchtlinge den gefährlichen Weg nach Europa auf sich nehmen, liegt nicht nur an den Krisenherden, die immer mehr Menschen zur Flucht zwingen, sondern auch an einem großen und gut organisiertes Schlepper-Netzwerk. In den vergangenen Wochen ist die Zahl der tödlichen Bootsunglücke gestiegen: Mindestens 1.720 Flüchtlinge sind im laufenden Jahr im Mittelmeer umgekommen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) rechnet mit mehr als 30.000 Toten in diesem Jahr.

Im Zusammenhang mit diesen Zahlen stehen laut Katharina Pesche von der Abteilung Menschenschmuggel vom UNO-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) neue, skrupellosere Methoden von Schlepperbanden. Man beobachte in letzter Zeit vermehrt, dass Schlepper auf der Hälfte der Strecke mit einem anderen Boot umkehrten und die Flüchtlinge führerlos zurückließen. Oder aber sie bestimmten bereits in Libyen einen Flüchtling zum Kapitän und schickten diesen mit den Bootsinsassen alleine übers Mittelmeer. Auf diese Weise entgingen sie dem Risiko einer Festnahme, erhöhten aber jenes eines Unglücks.

Laut diversen Studien ist dieses Verhalten bezeichnend für Schlepperbanden, die sich durch hohe Flexibilität auszeichnen. Denn sie bewegen sich in einem Umfeld, in dem ihr Vorgehen immer wieder an veränderte Umstände und neue Gesetzesmaßnahmen angepasst werden muss. So soll der große Flüchtlingsdruck mittlerweile dazu geführt haben, dass es den Schleppern an Booten fehlt. Laut Pesche können sie zwar solche kaufen oder stehlen, doch gibt es wohl nicht genug davon, um den Andrang zu bewältigen. Dies erkläre auch, weshalb die italienische Küstenwache zuletzt vermehrt von Schleppern mit Waffengewalt dazu gezwungen worden sei, die Boote zurückzugeben.

Gestärkte Netzwerke

Es gibt für die Flüchtlingsboote verschiedene Wege, das Mittelmeer zu überqueren. Das Schiff, das in der Nacht auf Sonntag kenterte, war auf der vielbefahrenen zentralen Mittelmeer-Route unterwegs. Sie führt von Nordafrika nach Italien und Malta, Libyen ist dabei das Transitland. Die Route wird vor allem von Afrikanern und Syrern benutzt.

Die 2.000 Kilometer lange Mittelmeerküste Libyens hat für die Schlepper in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Seit der Diktator Muammar Gaddafi 2011 gestürzt und getötet wurde, ist Libyen zum strategischen Basislager vieler Schlepper geworden. Das Land versinkt im Chaos, und die schlecht ausgerüstete Küstenwache funktioniert kaum mehr. Die Regierung in Tripolis will in der politisch instabilen Situation neue Konflikte um jeden Preis verhindern. Sie lässt die Schlepper gewähren.

Die Schmuggler-Branche konnte sich in Libyen so immer mehr einnisten. Das Geschäft wachse stark, sagt der Missionschef für Libyen der IOM, Othman Belbeisi. Er stellt fest, dass die Netzwerke gestärkt sind. Die Schlepper seien inzwischen erfahren und verdienten viel Geld. Das führe dazu, dass sie besser organisiert und bewaffnet seien als die libysche Polizei. Wo das viele schmutzige Geld hinfließt, bleibt unklar. Gerüchte, dass sich libysche Milizen damit aufrüsten, gibt es.

Auch über die Identität der Schlepper ist wenig bekannt. Klar sei, dass es vor allem junge Männer seien, die aus verschiedenen Ländern der Region stammten, erklärt Belbeisi. Es gibt Berichte über die Verwicklung diverser afrikanischer Volksgruppen wie der Tubu oder der Tuareg. Flüchtlinge berichten zudem, dass ehemalige Gaddafi-Milizionäre als Schlepper tätig seien. Belbeisi sagt, dass auch normale Bürger, vor allem jene aus der Küstenregion, inzwischen vom Menschenschmuggel lebten. Ihre herkömmlichen Einnahmequellen seien in dem kriegsgeschüttelten Land versiegt. Der Menschenschmuggel sei für sie eine lukrative Alternative.

Neue Einkommensquelle

Das Geschäft mit den Flüchtlingen funktioniert über die Grenzen hinweg und beginnt mit dem Kontakt eines Mittelmanns in den Heimatländern der Flüchtlinge. Dieser vermittelt die Menschen einem Schlepper, der sie auf einem Stück ihrer Route begleitet, bis sie dem nächsten Schlepper weitergereicht werden und nach diversen Stationen schließlich an der libyschen Küste ankommen. Dort werden sie in Lagerhallen oder verlassenen Häusern untergebracht, wo sie Tage, manchmal Wochen auf ihre Überfahrt warten.

In Italien eingetroffene Flüchtlinge berichten, dass ihnen die Handys abgenommen und jede Kommunikation mit der Außenwelt verboten worden sei. Auch von teilweise grausamen Gewaltanwendungen sowie vom Entzug des Essens ist die Rede. Ein Überlebender der Flüchtlingskatastrophe vom vergangenen Wochenende berichtete etwa, wie er mit anderen Flüchtlingen von Schmugglern mit Waffen an Bord gedrängt und in den Laderaum eingesperrt worden sei. Die Preise für einen Platz im Boot variieren zwischen 500 und 2.000 Euro pro Person und hängen von der Nationalität ab. Menschen aus Sierra Leone, Gambia oder Somalia bezahlen bedeutend weniger für die Überfahrt als etwa syrische oder eritreischen Flüchtlinge. Dies, weil die Schlepper davon ausgehen, dass Syrer mehr Ressourcen aufbringen können, da viele von ihnen Angehörige im Ausland haben. Syrer haben darum bessere Chancen, das Mittelmeer in stabileren Holzbooten zu überqueren. Viele afrikanische Flüchtlinge treten die Reise hingegen in nicht immer seetauglichen Schlauchbooten an und sind größeren Risiken ausgesetzt.

Wie viel die einzelnen Schlepper an einem Flüchtling verdienen, ist nicht bekannt. Im Buch „Bekenntnisse eines Menschenhändlers“ erklärt ein Schlepper aber, dass er bereits vor Jahren mit der Vermittlung eines Flüchtlings an ein Schmuggler-Netzwerk mehr verdient habe als in einem Monat in seinem Restaurant. Er wechselte danach die Branche.

Klare Aufgabenteilung

Anders als die streng hierarchisch organisierten Mafia-Clans ist das Schlepperwesen informell strukturiert. Zwar gibt es laut Berichten von UNODC einen unternehmerischen Überbau, der aus Geschäftsleuten besteht, die bis in Regierungskreise vernetzt sein sollen. Praktisch organisieren sich die Menschenschmuggler aber in kriminellen Netzwerken, in denen man sich gut kennt und jeder seine Aufgabe erledigt. Sie setzen darum auch auf eine klare Aufgabenteilung, bei der berufliche Erfahrungen und vorhandene Fähigkeiten eine wichtige Rolle spielen.

Neben den Mittelsmännern in den verschiedenen Herkunftsländern und den Schleppern entlang der Flüchtlingsroute gibt es innerhalb Libyens ein dichtes Netz von Personen, die von diesem Geschäft leben. Die einen sind für die Beschaffung, andere für die Bereitstellung der Boote und des Benzins zuständig. Dann gibt es solche, die sich um die Unterbringung der Flüchtlinge kümmern, sowie lokale Mittelsmänner, die als Ansprechpersonen fungieren und mit den jeweiligen Flüchtlingsgruppen die Herkunft teilen. Für alle diese Personen ist das Risiko klein, juristisch zur Rechenschaft gezogen zu werden. Der Gewinn, den sie dabei machen, ist aber groß. Verurteilt werden in den meisten Fällen die Steuermänner der Boote, die entweder selber Flüchtlinge sind oder nur das letzte Glied in einem großen Netzwerk.