Massimo Sestini

6500 Migranten gerettet

Das Kalkül der Menschenhändler geht auf

von Andres Wysling / 30.08.2016

Vor Libyens Küste haben Retter eine Rekordzahl von Menschen aus nicht seetüchtigen Booten aufgenommen. Auch die Zahl der Toten im Mittelmeer erreicht eine neue Rekordmarke.

In der Meerenge von Sizilien haben Rettungsschiffe allein am Montag 6500 Migranten aus Seenot gerettet, wie die Küstenwache mitteilte. Diese hohe Zahl stellt dieses Jahr einen neuen Tagesrekord dar. In letzter Zeit hat man sich an Grössenordnungen von etwa 1000 Rettungen pro Tag gewöhnt. An den 40 Rettungseinsätzen vom Montag waren ausser Schiffen der italienischen Küstenwache solche der Marine, des EU-Grenzschutzes Frontex und der EU-Flottille Eunavfor Med (Operation Sophia) sowie privater Organisationen beteiligt.

Nach Angaben italienischer Medien erfolgten die meisten Rettungseinsätze etwa 20 Kilometer vor der libyschen Küste bei Sabratha. Ein Schiff von Médecins sans Frontières (MSF) war an der Rettung von etwa 3000 Leuten beteiligt. Wie die Organisation in einem Communiqué mitteilt, trieben die Migranten in rund 20 Gummibooten und mehreren Holzschiffen im zentralen Mittelmeer. In einem der Holzboote hätten sich allein zwischen 600 und 700 Menschen befunden. Das MSF-Schiff „Dignity I“ konnte gut 400 Menschen aufnehmen, seine Besatzung verteilte ferner 700 Schwimmwesten und half den Migranten mit einem Beiboot beim Umsteigen auf andere Schiffe.

Flottille des Elends

Von den 435 geretteten Migranten auf dem Schiff von Médecins sans Frontières sind 353 männlich und 82 weiblich. 13 Kinder unter fünf Jahren wurden gezählt und 110 Minderjährige. 92 von ihnen waren ohne Begleitung unterwegs. Besondere Erwähnung findet eine Mutter, die mit fünf Tage alten Zwillingen reiste. Manche Migranten befinden sich gesundheitlich in einem schlechten Zustand; sie leiden laut dem Communiqué unter Erschöpfung, blutigem Durchfall, Fieber, Unterkühlung und Hauterkrankungen. Solche Erscheinungen sind wohl nur zum Teil auf die Strapazen der Bootsfahrt zurückzuführen, zum andern aber auf die oft miserablen Lebensbedingungen, denen viele Migranten in Libyen während Wochen oder Monaten ausgesetzt sind.

Aus den vorliegenden Berichten lässt sich schliessen, dass eine ganze Flottille von Migrantenbooten von Sabratha aufs Meer hinausfuhr. Die Boote wurden von den Rettungsschiffen aus Europa praktisch erwartet, die Insassen werden jetzt nach Italien gebracht. Die Migranten sind – das ist das allgemeine Muster – auf überfüllten und seeuntüchtigen Booten unterwegs. Sie haben nur wenig Treibstoff und kaum Lebensmittel an Bord. Ohne Hilfe könnten sie Sizilien kaum erreichen. Absichtlich herbeigeführte Seenot gehört zum zynischen Kalkül der Menschenhändler in Libyen, und dem ist schwer entgegenzutreten – jedenfalls, solange man die Menschlichkeit nicht über Bord wirft und nicht in Kauf nehmen will, dass Menschen in grosser Zahl einfach ertrinken.

Die Pläne der EU, den Menschenhändlern an der libyschen Küste selbst das Handwerk zu legen, sind nicht weit gediehen. Man möchte im Rahmen einer Polizeimission das Auslaufen von Booten verhindern. Doch dazu brauchte es eine Einladung der libyschen Regierung. Zudem droht eine Verwicklung ins dortige Kampfgeschehen.

Zahl der Toten steigt

Die Zahl der Migranten, die in diesem Jahr nach Italien gelangt sind, liegt jetzt wieder fast gleich hoch wie im letzten Jahr. 106 461 Ankünfte meldet die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Genf für die Periode vom Jahresanfang bis zum 28. August. Hinzu kommen noch die schätzungsweise 6500 am Montag Geretteten (siehe Grafik). Im Vorjahr wurden in Italien in derselben Periode 116 147 Ankünfte registriert. Doch hat bei etwa gleichbleibender Zahl der Ankünfte die Zahl der registrierten Toten zugenommen. 2016 sind nach Angaben derselben Stelle bereits 3165 Menschen bei der Überfahrt übers Mittelmeer umgekommen. Das sind 509 Todesopfer mehr, als in den ersten acht Monaten des Vorjahres registriert wurden.