Vadim Ghirda / AP

Grenzsturm in Idomeni

Das mysteriöse „Kommando Blüm“

von Ivo Mijnssen / 16.03.2016

Der Versuch, die griechisch-mazedonische Grenze zu überwinden, war orchestriert. Medien und Mazedonier beschuldigen linke Fluchthelfer.

„Wir treffen uns am Montag um 14 Uhr am Camp-Ausgang und überqueren die Grenze gemeinsam“, stand auf dem Flugblatt, das hundertfach im griechischen Idomeni verteilt wurde. 2.000 verzweifelte Männer, Frauen und Kinder fanden sich ein für den „Marsch der Hoffnung“, der sie über Schleichwege und einen reißenden Grenzfluss nach Mazedonien führte – direkt in die Arme des Militärs und der Polizei. Drei Personen ertranken. Die Mazedonier verhafteten fünfzig Fluchthelfer und Journalisten, die den Treck begleiteten, und trieben die Asylsuchenden mit rabiatesten Mitteln und offenbar ohne Absprache mit Athen zurück nach Griechenland.

„Spiel mit Menschenleben“

Nun zeigt sich, dass der Ausbruchsversuch orchestriert war – womöglich aus Deutschland. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras erklärte, Aktionen wie diese spielten mit Menschenleben und müssten sofort aufhören. Er meinte das mysteriöse Flugblatt, das in drei arabischen Dialekten im Lager zirkulierte. Dieses hatte die Flüchtenden angestiftet und Falschinformationen mit sehr präzisen Ortsangaben kombiniert. So zeigte eine Detailkarte die Schleichwege an die Grenze und den Übergang, wo der Fluss sicher überquert werden könne. Die Stelle entpuppte sich aber als lebensgefährlich.

Weiter rief das Flugblatt zu Widerstand gegen die Staatsgewalt auf: Die Polizei könne Asylsuchende nur in kleinen Gruppen stoppen. Wenn hingegen Tausende gemeinsam losmarschierten, seien sie nicht aufzuhalten. Dies sollte sich als Fehleinschätzung erweisen. Um zudem Unruhe unter den Festsitzenden zu erzeugen, betonten die Verfasser auch, dass Idomeni bald geräumt werde. Daraufhin würden die Migranten in die Türkei zurückgeschafft. Schlügen sie sich hingegen illegal bis nach Mazedonien durch, könnten sie in Europa bleiben. „Deutschland nimmt noch immer Flüchtlinge auf.“

Wer das Flugblatt verfasst hat, ist unklar. Unterschrieben ist es auf Deutsch, von einem „Kommando Norbert Blüm“. Bei Blüm handelt es sich um einen ehemaligen CDU-Arbeitsminister. Der Achtzigjährige hatte am Wochenende in Idomeni in einem Zelt übernachtet – aus Solidarität mit den Festsitzenden. Er kritisierte das Lager scharf und sprach von einer „Kulturschande“ für Europa. Dass Blüm allerdings hinter der Aktion steht, gilt als ausgeschlossen. Am Dienstag erklärte er, dass er nichts davon gewusst habe.

Spur in linke Kreise

Die mazedonischen Behörden und zahlreiche Medien beschuldigen hingegen linksgerichtete Flüchtlingshelfer, primär aus Deutschland und Österreich. Beweise legen sie allerdings keine vor. Tatsächlich halfen diese den Asylsuchenden, etwa indem sie ein Seil über den reißenden Fluss spannten. Sie schlachteten die Aktion unter dem Hashtag #marchofhope auf den sozialen Netzwerken aus. Allerdings verwahrte sich die Gruppe Forgotten in Idomeni, zu der viele der Verhafteten gehören, auf Facebook in aller Form gegen den Vorwurf, Urheber des Flyers zu sein. Man habe lediglich geholfen, als der Treck bereits in Bewegung gewesen sei. Auch die These eines UNHCR-Vertreters, dass Schlepper hinter der Aktion stecken könnten, ist spekulativ. Deren Geschäfte können von der Schließung der organisierten Balkanroute und vom rechtsfreien Raum, der in der Grenzregion entstanden ist, nur profitieren. Das verschlammte Elendslager von Idomeni, in dem der Staat nicht präsent ist, bietet aber den idealen Nährboden für weitere Verzweiflungstaten im Stil des „Marsches der Hoffnung“.