REUTERS/Yves Herman

Fahndung nach den Attentätern

Das Terrornest in Brüssel

von Fabian Fellmann / 17.11.2015

Brüssels Stadtteil Molenbeek gilt als Brutstätte islamistischer Terroristen. Auch die Attentate von Paris sollen dort vorbereitet worden sein. Die Bewohner misstrauen jedoch den Angaben der Behörden.

Die Spannung ist mit Händen zu greifen auf dem Rathausplatz von Molenbeek, dem berüchtigten Viertel von Brüssel. Vor dem Haus an der Nummer 30 hat sich an diesem Montagabend eine Meute von Journalisten mit Kameras und Mikrofonen in Stellung gebracht. In dem Haus lebt die Familie Abdeslam, zwei der vier Kinder waren laut den Ermittlungsbehörden an den Terroranschlägen in Paris beteiligt.

„Was soll die Familie denn schon sagen?“, ruft ein Mann, dessen Bruder in dem Haus wohnt. Er wettert gegen die Medien, die Molenbeek nun wieder negativ in die Schlagzeilen brächten. In der Tat ist es schon wieder die Gemeinde im Westen der belgischen Hauptstadt, auf die ein schlechtes Licht fällt. Knapp 100.000 Menschen leben hier, 39 Prozent von ihnen sollen Muslime sein. Bei mehreren Anschlägen in den vergangenen Jahren führten Spuren nach Molenbeek. Der Attentäter des Jüdischen Museums in Brüssel vom Mai 2014 hatte hier gewohnt, im Februar verhaftete die belgische Polizei in dem Viertel mehrere Mitglieder einer islamistischen Terrorzelle. Auch die Attentate von Paris soll ein Mann aus Molenbeek organisiert haben: Abdelhamid Abaaoud. Der 27-Jährige soll sich derzeit in Syrien aufhalten und ein Jugendfreund der Abdeslam-Brüder sein. In Molenbeek fanden Extremisten wie er ein fruchtbares Terrain: Sie profitierten vom Wegschauen der Behörden – und der Bevölkerung.

Selbst jetzt wollen viele in Molenbeek nicht wahrhaben, dass Terroristen unter ihnen wohnten, obwohl die Folgen davon im ganzen Viertel zu spüren sind. An der Rue Delaunoy, einige hundert Meter vom Rathaus entfernt, hat die Polizei mehrere Straßen abgeriegelt. Sie bereitet einen Zugriff auf ein Haus vor, in dem sich Salah Abdeslam versteckt haben soll. Der 26-Jährige wird seit Freitag gesucht; sein Bruder Brahim hatte in Paris einen Sprengstoffgürtel gezündet.

In Molenbeek argwöhnt ein Zuschauer der Polizeiaktion, die Bürgermeisterin stecke dahinter: Sie wolle sich für die nächsten Wahlen in Stellung bringen. „Sie inszenieren das alles nur, um unsere Religion zu beschmutzen“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sonst werde er von den Behörden verfolgt.

Nach mehreren Stunden geht der Polizeieinsatz am frühen Nachmittag ergebnislos zu Ende – Salah Abdeslam ist immer noch auf der Flucht. Sein Bruder Mohamed tritt am frühen Abend vor das Haus der Familie und erklärt, er wisse nichts über den Verbleib des Gesuchten. „Wir wissen nicht, was wirklich passiert ist“, sagt er in die Mikrofone. „Wir sind eine normale Familie.“ Er selbst sei Angestellter der Gemeinde Molenbeek und habe nie Probleme gehabt. „Auch mein Bruder ist hier aufgewachsen und hat hier studiert, ein ganz und gar normaler junger Mann“, sagt Mohamed Abdeslam.

So reden viele im Viertel, auch wenn einige ihre Trauer über die Anschläge von Paris kundtun. Er kenne die Brüder persönlich, nie hätte er gedacht, dass sie mit Terrorismus etwas am Hut hätten, sagt Rachid, ein 33-Jähriger mit marokkanischen Wurzeln. Irgendetwas sei faul an der Geschichte. Auch den Journalisten misstrauen viele hier. „Sie wollen Molenbeek schaden“, sagt eine belgische Frau, die in 38 Jahren im Quartier nie ein Problem gehabt haben will. Doch dann erzählt sie, es stehe nicht zum Besten hier. „Die Bärtigen gehen auf die Jungen zu und versuchen sie in die Moschee zu locken. Dort werden sie radikalisiert“, ruft sie aufgebracht. „Die kann man doch überwachen, wenn man wirklich will.“

Den Vorwurf der Untätigkeit weist die liberale Bürgermeisterin von Molenbeek, Françoise Schepmans, in Interviews zurück. Sie habe eine Spezialeinheit gegen Radikalisierung gegründet, doch arbeiteten die verschiedenen Brüsseler Polizeieinheiten zu wenig zusammen. Ob sich das nun ändert, wird sich weisen: Innenminister Jan Jambon hat angekündigt, in Molenbeek „persönlich aufzuräumen“.