REUTERS/Alkis Konstantinidis

Tote Flüchtlingskinder

Das Trauma von Lesbos

von Marco Kauffmann Bossart / 09.11.2015

Die Ägäis ist für Kinderflüchtlinge zu einer Todesfalle geworden. Ihr Schicksal löst Betroffenheit aus – aber keine Änderung der Migrationspolitik.

Das Kind mit der Nummer 147 ertrank am 21. Oktober 2015. Ein weißlicher Marmorstein, an den Rändern zerfranst, bedeckt das Grab auf dem Friedhof von Mytilene. „Anonym“, steht darauf mit schwarzer Farbe, nebenan eine Steintafel mit der Aufschrift „unbekanntes Kind“. Nach Schätzung der Ärzte war der Säugling 14 Monate alt. Er ertrank auf der Überfahrt von der türkischen Küste nach Lesbos, als ein mit Flüchtlingen überfülltes Schlauchboot kenterte. „Big problem“, sagt Christos von der Friedhofsverwaltung, bevor er auf Griechisch wechselt. Er weiß von 63 weiteren Leichen, die im Spital der Inselhauptstadt untersucht werden. Rund ein Drittel sollen Kinder sein, auch solche ohne Angehörige.

Gummiringe statt Schutzwesten

Das Bild des leblosen Aylan Kurdi, der am 2. September an den türkischen Badeort Bodrum angeschwemmt wurde, erschütterte die Welt. Seither sind laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mindestens 110 Kinder in der Ägäis ertrunken. Zum einen hat die Zahl der Flüchtlinge insgesamt stark zugenommen, selbst im Herbst, wenn die See rauer wird und das Unfallrisiko steigt. Zum anderen sind immer mehr Familien auf der Flucht. Wegen der geografischen Nähe zum türkischen Festland landen die meisten in Lesbos.

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Wieso die Schwächsten auf dem Flüchtlingstreck praktisch keine Chance haben, wenn die Boote in Schwierigkeiten geraten, zeigt sich an der Ostküste von Lesbos. Die Nacht ist sternenklar, das Thermometer zeigt 10 Grad an. Über eine zwei Meter lange Böschung klettert eine Gruppe von Syrern zur Küstenstraße hinauf. In das Gummiboot, das wohl kaum für mehr als fünf Passagiere vorgesehen ist, waren 30 Flüchtlinge gepfercht. Statt Schutzwesten tragen die Mädchen Schwimmringe. „Für Bootsfahrten ungeeignet“, kann man auf der Weste eines Knaben lesen.

Die Familie aus Damaskus hatte Glück. Sie war nur eine Stunde auf dem Meer. In der Ferne schimmert die Lichterkette der türkischen Riviera. Wenn der Motor spuckt oder die Strömung die Boote vom Kurs abbringt, treiben die Flüchtlinge manchmal fünf Stunden umher. Sie frösteln, husten, umarmen einander. Freiwillige, griechische Inselbewohner und Ausländer, wickeln die Kinder in Thermofolien. Reis mit gehacktem Fleisch und Wasserflaschen stehen bereit. Ein Engländer mit Rastazöpfen verteilt die Neuankömmlinge auf Privatfahrzeuge. Syrische Familien kommen ins Camp Kara Tepe, alle andern – syrische Männer, Afghanen, Iraker, Eritreer – ins Camp Moria, wo sie registriert werden. Danach dürfen sie ihre Reise mit einer Fähre auf das griechische Festland fortsetzen.

Im Lager Moria, einer ehemaligen Militäranlage mit Stacheldraht und Wachtürmen, gibt es zu wenig Platz. In den umliegenden Olivenhainen wächst daher ein inoffizielles Lager heran. Junge Männer, aber auch Alte und Mütter mit Kindern liegen auf Kartonschachteln, einige rollen Schlafsäcke aus, andere basteln aus Tüchern und Holzstecken Unterstände. Täglich wird im Camp Moria eine Mahlzeit ausgegeben. Für mehr reicht das Budget der ausländischen Hilfswerke nicht, die dafür aufkommen. Ein Euro pro Mahlzeit, rechnet ein Freiwilliger vor, der Fladenbrot mit Reis verteilt. Überall brennen Feuer gegen die Kälte, in den Baumästen hängt Wäsche zum Trocknen. Im Oktober setzte Dauerregen Teile des Camps unter Wasser.

Am nächsten Tag wird hoher Besuch erwartet: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras und der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz. Der Straße vom Flughafen bis zum Camp Moria nehmen sich vorher mehrere Putzteams an. Eine halbe Stunde vor dem Eintreffen der Gäste spritzt eine Maschine die Zufahrtsstraße des Camps mit Wasser ab, und NGO-Mitarbeiter mit gelben Westen sammeln eifrig Abfall ein. Zwei Polizistinnen mit Sonnenbrillen und tadellos gebügeltem T-Shirt marschieren geschäftig umher.

Tsipras und Schulz fahren mit ihrem schwarzen Mercedes direkt zum unteren Teil des Lagers, wo weiße Container aneinandergereiht sind und die EU-Bürokratie Ordnung in das Flüchtlingschaos zu bringen versucht. Von den tristen Notunterkünften in den Olivenhainen und dem Gestank der Fäkalien bekommen sie nichts mit. Als ein Afghane dem Regierungschef über eine Abschrankung hinweg zuwinkt, geht Tsipras auf ihn zu. „Wir haben Hunger, und meine drei Kinder sind krank“, ruft der Mann vor den Fernsehkameras auf Englisch. Tsipras wirkt perplex. Er hat vermutlich mit einem herzhaften Händeschütteln gerechnet. Jetzt steckt er in der Falle. Tsipras tätschelt den Arm des Afghanen und sagt: „Wir tun unser Bestes.“

Alternativlose Überfahrt

In einer Erklärung vor zwei Dutzend Journalisten beklagt der Ministerpräsident die menschlichen Tragödien, die sich in der Ägäis ereigneten. Verbrechen seien diese Unglücke. Das müsse gestoppt werden, sagt Tsipras, vor sich ein schüchterner Junge, der ihm gerade zur Brust reicht. Nur: Wie soll die Misere gestoppt werden? Der griechische Regierungschef sieht die Türkei in der Pflicht, das Nachbarland müsse die Menschenschmuggler ausschalten. Tsipras blendet die andere Seite aus. Griechenland riegelte die Landgrenze zur Türkei entlang des Flusses Evros mit meterhohen Zäunen und Gräben ab und trägt somit dazu bei, dass die Migranten in der Türkei in See stechen. Eine Öffnung dieser Grenze scheint aber ebenso ein Tabu zu sein wie eine Erlaubnis für Flüchtlinge, den Fährverkehr zwischen der türkischen Riviera und den Ägäisinseln zu benutzen. Zu groß ist die Angst, dass noch viel mehr in Richtung Mittel- und Nordeuropa aufbrechen würden. So werden trotz rauer See und winterlichen Temperaturen weiterhin Tausende ihr Leben riskieren und dafür 1.500 Dollar an Schmuggler bezahlen – 100-mal mehr als ein Billett für eine Fähre.

REUTERS/Alkis Konstantinidis

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Die Flucht lastet auch auf jenen schwer, welche die gefährliche Überfahrt überlebt haben. Mahnaz, eine zehnjährige Afghanin, träumt immer wieder, dass sie ertrunken sei. Ihr Boot war vom hohen Wellengang kräftig durchgeschüttelt worden. Das Mädchen mit den hellbraunen Sommersprossen steigt achtsam über einige der anderen ungefähr 100 Kinder, die im Spielraum der Hilfsorganisation Save the Children am Boden sitzen. Sie türmen Klötzchen auf, reihen Dominosteine aneinander und malen – jeder freie Fleck im Container ist besetzt. Am Rand schauen einige Mütter zu. Das Spielzimmer im Flüchtlingscamp, das Kindern einige unbeschwerte Stunden ermöglichen soll, geht normalerweise um 10 Uhr auf, heute erst mit Verspätung. Die Betreuer blieben stecken, weil die Polizei wegen Tsipras’ Besuch Zufahrtsstraßen absperrte.

An den Wänden hängen Zeichnungen mit Sternen, ein Herz in den Farben der kurdischen Flagge und eine ausgemalte Biene Maja. Zwei Motive fallen auf: Lastwagen mit Strichmännchen im Laderaum. „So brachten uns die Schmuggler ans Meer“, erzählt Mahnaz, das afghanische Mädchen. Und schmale mehrstöckige Häuser, auf jedem Stock ganz viele Figürchen – die Schmuggler-Hostels in Izmir, wo Flüchtlinge wie Gefangene gehalten werden, bis die Schlepper grünes Licht für die Überfahrt geben. „Wir wollten nicht einsteigen – sie schickten viel zu viele Menschen in das Boot“, erinnert sich Zahra, eine der Mütter. Doch die Schmuggler zückten Messer und trieben die Gruppe ins Boot. Ihr dreijähriger Sohn, den sie auf der Schulter hält, schreit plötzlich: „Hör auf mit dieser Geschichte.“ Mit dem Händchen versucht er, ihren Mund zuzusperren. Ein Betreuer erzählt von psychisch angeschlagenen Kindern, die sich abweisend in eine Ecke zurückzögen, und von solchen, die einander unverhofft mit Steinen attackierten. Ungeachtet der psychischen und physischen Strapazen der oft monatelangen Flucht gelingt es aber vielen Kindern, zumindest vorübergehend in eine Art Normalität einzutauchen.

Drei fahrtüchtige Ambulanzen

Helen Zahos, eine auf Notfallmedizin spezialisierte Krankenpflegerin, kümmert sich um Eltern, die auf der Flucht ein Kind verloren haben. Die griechischstämmige Australierin leistet Freiwilligenarbeit für Doctors of the World. 2013 half sie auf den Philippinen, als der Tropensturm Haiyan die Stadt Tacloban in ein Massengrab verwandelte. Und im vergangenen April versorgte sie in Nepal Überlebende eines schweren Erdbebens. Der Einsatz auf Lesbos belastet Zahos am meisten: „Nach einer Naturkatastrophe geht es allmählich aufwärts, hier sehe ich kein Ende.“

An diesem Vormittag wird sie ein syrisches Paar nach Mytilene begleiten, das die Leiche seines einjährigen Sohnes identifizieren muss. Die Eltern würden von Schuldgefühlen gequält, erzählt die Australierin. „Sie wollten ihren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen.“ Psychiatrischen Beistand leistet im Camp Moria ein spanischer Arzt, auch er ein Freiwilliger. Das griechische Gesundheitswesen ist nach der jahrelangen Finanz- und Wirtschaftskrise am Anschlag. Es fehlen Spezialärzte, und auf der 45 Kilometer langen Insel mit 86.000 Einwohnern funktionieren bloß drei Ambulanzen. Selbst diese genügen nur rudimentären Ansprüchen.

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Erst der Tod des syrischen Kurden Aylan Kurdi rückte das Kindersterben in der Ägäis ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Begonnen hatte es schon viel früher, wie man auf dem Friedhof von Mytilene sieht. Christos, der seit sechs Jahren auf diesem Friedhof arbeitet, deutet auf ein Grab, in dem 2008 eine Mutter mit zwei Kindern bestattet wurde. Gräber für Muslime, das hatte es in Mytilene zuvor nicht gegeben. Nicht allen auf der mehrheitlich christlich-orthodoxen Insel ist die Entwicklung geheuer, wie Christos andeutet. Inzwischen erstrecken sich die Gräber der Flüchtlinge über mehrere Reihen, im hintersten Teil der 300 Jahre alten Anlage, einige sind mit dürren Wiesenblumen bedeckt. Christos weist auf die Steinmauer, die den Friedhof begrenzt. Man müsse sie bald versetzen, um mehr Platz zu schaffen, sagt er.