Yuya Shino / Reuters

Straftätern in Japan

Das Urteil ist lebenslänglich

von Nina Belz / 22.07.2016

Wer einmal im Gefängnis sass, hat es schwer, in der japanischen Gesellschaft einen Platz zu finden. Freiwillige Bewährungshelfer sollen den Häftlingen dabei helfen. Trotzdem werden viele rückfällig.

Es sind Kondo Aitos Hände, die so viel über sein Leben verraten: rau, verbraucht, prankenhaft. Sie passen nicht zu seinem jugendlichen, freundlichen Gesicht. Auf dem rechten Handrücken über den Knöcheln hat Aito zudem zwei Tattoos. Tattoos hat in Japan eigentlich nur, wer Verbindungen zur Yakuza hat, der mächtigen wie gefürchteten Mafia. Aito, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht haben will, sagt dazu lediglich: „Ich hatte die falschen Freunde.“

Aito, 25 Jahre alt, wacher Blick, kräftige Statur, hat eine bewegte Zeit hinter sich. Dafür ist er überraschend fröhlich geblieben, lacht viel. Er habe Jugendliche um Geld erpresst und gestohlen, erzählt er. Sein Lächeln verschwindet, als er von den drei Jahren erzählt, die er im Gefängnis verbracht hat: Redeverbot, kaum eine Möglichkeit für Kontakte nach aussen und viel Gewalt unter den Häftlingen. Für junge Männer sei es besonders hart, da sie unten in der Hackordnung stünden. Japanische Gefängnisse sind bekannt für ihre straffe Führung. Nichtregierungsorganisationen kritisieren etwa die häufige Anwendung von Einzelhaft; oder die gefängnisinternen Strafen, im Zuge deren Häftlinge sich nicht waschen oder bewegen dürfen.

Doch für Aito war die harte Zeit nicht zu Ende, als er die Gefängnismauern hinter sich liess. Zurück in den Alltag zu finden, ist schwierig, denn seine Vergangenheit klebt wie ein Schatten an ihm. Kaum ein Unternehmen möchte Menschen mit einem Eintrag im Strafregister anstellen – selbst wenn Drogenkonsum der Grund dafür ist. Neulich habe man ihm nicht einmal ein Fahrrad ausleihen wollen, erzählt Aito. Er hatte insofern Glück, als seine Familie ihn nicht verstiess. Sein Vater, selbst ein ehemaliger Häftling und inzwischen verstorben, habe ihn sogar einmal im Gefängnis besucht. Und nun, nach seiner Entlassung, hat er bei der Grossmutter einziehen dürfen. Aito weiss, dass das nicht die Regel ist. Meistens möchten die Angehörigen nichts mehr mit ihren kriminellen Verwandten zu tun haben. Er erzählt von einem Bekannten, dessen Vater sich das Leben nahm, als er von der Verurteilung seines Sohnes erfuhr.

Die Stigmatisierung von Straftätern ist in der auf Konformität bedachten japanischen Gesellschaft besonders stark. Deshalb kommt Menschen wie Teruka Nakazawa eine wichtige Rolle zu. Der elegant gekleideten Frau sieht man nicht an, dass sie sich in ihrem Alltag mit „bösen Jungs“ herumschlägt. Nicht ohne Stolz erzählt sie von ihren „mehr als hundert Kindern“, die sie in den vergangenen 17 Jahren auf dem Weg zurück in einen geregelten Alltag begleitet hat. Dabei müsste die 74-Jährige längst nicht mehr arbeiten.

Es ist eine Besonderheit des japanischen Justizsystems, bei Bewährungshelfern hauptsächlich auf Freiwillige zu setzen. Im ganzen Land stehen knapp 50 000 Personen unentgeltlich im Dienst des Justizministeriums und sind damit deutlich in der Überzahl gegenüber den 800 verbeamteten Bewährungshelfern. Viele der Freiwilligen haben das Rentenalter bereits überschritten. Das hat auch damit zu tun, dass das Ministerium für das Amt unter anderem „einen hochgeschätzten Charakter, finanzielle Stabilität und ein hohes Mass an freier Zeit“ verlangt. Der Gedanke dahinter: Durch die Begleitung von gut vernetzten, akzeptierten Mitgliedern der Gesellschaft soll die Wiedereingliederung von Straftätern besser gelingen – und die Rückfallquote sinken. Obwohl Japan im internationalen Vergleich eine tiefe Kriminalitätsrate hat, werden viele der ehemaligen Delinquenten ein weiteres Mal straffällig. 2013 waren 60 der Häftlinge Wiederholungstäter.

In all den Jahren habe sie noch nie eine negative Erfahrung gemacht, erzählt Nakazawa. Angst habe sie darum nicht. Mit Mördern oder Vergewaltigern haben es die freiwilligen Bewährungshelfer auch nicht zu tun – sie kümmern sich eher um ehemalige Diebe oder Drogenkonsumenten, die für den Löwenanteil der Delikte stehen. Nakazawa ist in ihrer Siedlung im Osten von Tokio bekannt dafür, dass sie zum Rechten schaut. Regelmässig ist sie zudem in den Grundschulen des Quartiers zu Gast, wo sie den Schülern erklärt, was passieren kann, wenn sie gegen das Gesetz verstossen. Das reicht allerdings nicht, um Bewährungshelferin zu sein. Nakazawa hat dafür Kurse des Justizministeriums besucht, mehrmals im Jahr frischt sie zudem ihr Wissen auf. Die ehemaligen Delinquenten sind verpflichtet, Nakazawa mindestens zweimal im Monat zu treffen. Sie begleitet sie beim Gang auf Ämter, hilft bei der Bewerbung oder hört einfach zu. Die meisten Menschen, die straffällig würden, hätten ein Problem in der Familie, meint Nakazawa. Sie versuche ihnen nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis Strukturen zu bieten, die ihnen gefehlt hätten. Dazu zählen etwa die Rituale, die sie mit all ihren „Kindern“ macht: ein feierliches Essen, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen werden, und eine kleine Feier, wenn die letzte Sitzung zwischen den beiden vorbei ist.

Aito hat auch noch einen Bewährungshelfer an seiner Seite. Einmal im Monat besucht er zudem eine Selbsthilfegruppe für ehemalige Häftlinge. Die Anwältin Hiroko Kotake hat das Treffen ins Leben gerufen, weil ihre Arbeit ihr vor Augen führte, mit welchen Widerständen ehemalige Straftäter zu kämpfen haben. Sie ist überzeugt, dass die Probleme bei der Reintegration schon im Gefängnis beginnen: Die Häftlinge würden mit psychischen Problemen oft alleine gelassen und zu sehr von der Aussenwelt abgeschottet. Das verstärke den Schock, den sie erlebten, wenn sie entlassen würden. Neben Rechtshilfe ist Kotake auch daran gelegen, für die mehrheitlich jungen Männer eine Arbeit zu finden. Dazu nutzt sie auch ihr grosses Netzwerk. Die Zahl der sogenannten kooperativen Arbeitgeber sei noch viel zu gering, sagt sie, obwohl diese vom Justizministerium unterstützt würden. Die Vorurteile seien oft stärker.

Im Fall von Aito hatte Kotake eine glückliche Hand. Ein Bekannter von ihr, ein Restaurantbesitzer, hat Aito vor kurzem eingestellt – als Fischer. Nun steht Aito täglich in der Bucht von Tokio und fängt Fische für die Gäste, die ein Barbecue im Freien gebucht haben. Mit anderen Mitarbeitern hat er wenig Kontakt, und Kotake konnte dem Chef auch das Versprechen abringen, dass er seinem Team nichts über Aitos Vergangenheit erzählt. Auch Aito schaut lieber in die Zukunft. Sein Ziel sei es, genug zu sparen, um ein Haus kaufen zu können, sagt er entschlossen. Mit Lift, damit seine Grossmutter weiter mit ihm leben kann.

Die Recherche wurde ermöglicht durch das Japan-Programm der Robert-Bosch-Stiftung.