Peter Nicholls / Reuters

Wieder ein normaler Bürger

David Camerons Rücktritt in Raten

von Markus M. Haefliger / 14.09.2016

Der ehemalige britische Premierminister David Cameron wollte bis zu den nächsten Unterhauswahlen die Regierung von der Hinterbank aus unterstützen. Über die Ferien hat er es sich anders überlegt.

Der Premierminister, der den Briten den Brexit einbrockte, hat sich nach weniger als drei Monaten sang- und klanglos aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Die Zeitspanne fühlt sich noch kürzer an, denn während der (bezahlten) Parlamentarierferien im August ruht die Politik. Am Montag gab er seinen sofortigen Rücktritt aus dem Unterhaus bekannt. In seinem Wahlkreis bei Oxford wird eine Nachwahl fällig. Der Abgang lässt die Briten kalt, niemand weint Cameron eine Träne nach. Die im Europa-Plebiszit unterlegenen Anhänger der britischen EU-Mitgliedschaft kreiden Cameron an, dass er zu dem aus ihrer Sicht unnötigen Brexit-Referendum gegriffen hat. Die Sieger ihrerseits haben die Galle noch nicht verschluckt, die ihnen Cameron als Gegner des EU-Austritts hat hochkommen lassen.

Cameron trat schrittchenweise von der Bühne. Im Juni, vor dem EU-Referendum, hatte er versichert, unabhängig vom Ergebnis bis 2020 im Amt zu bleiben. Nach der Referendumsniederlage, am 24. Juni, kündigte er den Rücktritt als Premierminister „auf Oktober“ an. Als die Tories Anfang Juli Theresa May zur Nachfolgerin kürten, wurde daraus der sofortige Rücktritt als Regierungschef, Cameron wollte nun als Hinterbänkler die Regierung unterstützen. Doch er sass vor den Ferien genau einmal im Parlament – und dann wieder am Montag, um seinen neuesten Sinneswandel kundzutun.

Seine Freunde erklären, Cameron wolle nicht als Intrigant gelten, der vom Hintersitz aus alles besser wisse als der Chauffeur; ehemalige Regierungschefs könnten es als Parlamentarier ohnehin niemandem recht machen. Andere sehen den Schritt als Protest gegen die von May angekündigte Wiedereinführung von Gymnasien. Cameron hatte ein selektives Schulsystem abgelehnt. Aber vielleicht will es Cameron mit ein bisschen Verspätung nur Tony Blair nachmachen. Blair war 2007 fast gleichzeitig als Premierminister, Abgeordneter und Labourchef zurückgetreten. Seither hat er mit Vorträgen und Büchern ein Millionenvermögen angehäuft, ohne die Einnahmen einem Parlamentsausschuss deklarieren zu müssen.