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Rücktritt Davutoğlus

Der Abgang des Hodschas

Meinung / von Daniel Steinvorth / 06.05.2016

Ahmet Davutoğlu schwor Präsident Erdoğan bis zuletzt die Treue. In dessen Welt haben Untergebene mit eigener Meinung aber keinen Platz.

Hat Ahmet Davutoğlu tatsächlich einen Machtkampf verloren? Erschien er dem übermächtigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan als zu eigenständig, unkontrollierbar, potenziell gefährlich? Oder fiel der türkische Ministerpräsident einfach nur in Ungnade? Der Universitätsprofessor stand seit Beginn seiner politischen Karriere in Erdoğans Schatten. Er war für das jubelnde AKP-Volk stets nur so etwas wie ein Einpeitscher, bevor der eigentliche Pop-Star, Erdoğan, die Bühne betrat. Es gehört viel Phantasie dazu, ihn sich als Königsmörder vorzustellen.

In Erdoğans Welt aber fehlte offenbar nicht mehr viel, bis auch Davutoğlu sich ihm – wie so viele frühere Weggefährten – als Gegner offenbart hätte. Paranoid, sagen Beobachter, sei der Präsident inzwischen. Unfähig, zwischen Ratschlag und Arglist zu unterscheiden. Allein schon eigene Akzente seiner Untergebenen müssen da wie Vorboten einer Verschwörung erscheinen.

In Wahrheit gehörte der „Hodscha“ („ehrwürdiger Lehrer“), wie seine Bewunderer Davutoğlu nennen, zu den loyalsten Gefolgsleuten Erdoğans. Nicht nur verteidigte er dessen harten Kurs in der Kurdenpolitik oder die Knebelung der freien Presse. Auch trug Davutoğlu aus vollem Herzen die Hexenjagd gegen die Anhänger der Gülen-Bewegung mit, deren größtes Vergehen es war, die Korruption im Umfeld der Regierung und von Erdoğans Familie aufzudecken und gegen sie zu ermitteln. Ein Königsmörder sieht anders aus.

In der Europapolitik profilierte sich Davutoğlu. Er vermochte anders als der barsch auftretende Erdoğan die EU-Staatschefs mit Jovialität für sich einzunehmen. Als das ewig lächelnde Gesicht einer Regierung, deren autoritäre Politik Brüsseler Werten spottet, trotzte er den Europäern die Visafreiheit ab. Dass er sich damit für Erdoğans Empfinden zu proeuropäisch verhielt, wie Kommentatoren meinen, mag bezweifelt werden, denn ohne dessen Zustimmung hätte er sich wohl kaum auf das Flüchtlingsabkommen eingelassen.

Schon eher muss den Präsidenten gewurmt haben, dass Davutoğlu nicht ausreichend euphorisch hinter seinen Plänen stand, die Türkei in ein Präsidialsystem umzuwandeln – der politische Lebenstraum Erdoğans. Doch was auch immer Davutoğlu zu Fall brachte: Man merkte es dem mit zitternder Stimme sprechenden Hodscha bei seiner Rücktrittsrede an, wie ihn die Ungnade seines Ziehvaters getroffen haben muss.

Was nun für die Türkei folgt, verspricht nichts Besseres: Drei glühende Parteisoldaten und ein Schwiegersohn Erdoğans sind im Gespräch für die Nachfolge. Mit Widerspruch aus den eigenen Reihen wird sich der Präsident vorerst nicht mehr plagen müssen.