Amoklauf in München

Der Amokläufer: „Ich musste eine Waffe kaufen, um euch abzuknallen“

von Christian Weisflog / 23.07.2016

Beim 18-jährigen Täter von München handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen klassischen Amokläufer. Der Deutsch-Iraner beschäftigte sich intensiv mit früheren Irrsinnstaten, eventuell auch mit Breiviks Massenmord vor fünf Jahren.

Auch wenn zeitlich alles sehr nahe liegt, die Gewalttat von München steht sehr wahrscheinlich nicht in einer Reihe mit Würzburg und Nizza. Der 18-jährige David S., der im Münchner Olympia Einkaufszentrum (OEZ) neun Personen erschoss, handelte vermutlich aus reiner persönlicher Verzweiflung über sich und die Welt. Dafür spricht bisher vor allem ein Video von Anwohnern, das den mutmaßlichen Täter auf einem Parkhaus des OEZ zeigt.

Die Anwohner beschimpfen David S. als „scheiß Kanake“ und „scheiß Türke“. So einem wie ihm gehöre der „Schädel heruntergeschnitten“. Der Amokläufer antwortet akzentfrei: „Ich bin Deutscher, ich bin hier geboren worden, in einer Hartz-IV-Gegend, ich war in stationärer Behandlung.“ Die Antworten des mutmaßlichen Amokläufers auf dem Dach sind nicht immer eindeutig zu verstehen. Laut deutschen Medien soll er aber noch dies gesagt haben: „Wegen euch bin ich sieben Jahre lang gemobbt worden. Und jetzt musste ich mir eine Waffe kaufen, um euch alle abzuknallen.“

David S., der sowohl einen deutschen als auch einen iranischen Pass besitzt, hatte offenbar Probleme mit seinen Mitschülern und womöglich eine depressive Erkrankung. „Wir haben einige Hinweise dafür, dass eine nicht unerhebliche psychische Störung bei dem Täter vorliegen könnte“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

Der Täter wohnte mit seinen Eltern und einem Bruder in einer Wohnung in München. Die Eltern, die in den 90er Jahren nach Deutschland gezogen sein sollen, sind tief getroffen von den Ereignissen und waren bisher nicht vernehmungsfähig. Bei der Durchsuchung der Wohnung fand die Polizei aber Hinweise darauf, dass sich David S. seit längerem auf seine Tat vorbereitet hatte. Er beschäftigte sich intensiv mit früheren Amokläufen. Unter anderem las er ein Buch mit dem Titel „Amok im Kopf – warum Schüler töten“.

Wie aus Sicherheitskreisen bekannt wurde, spielte David S. offenbar häufig „Ego-Shooter“-Spiele auf dem Computer und verherrlichte den Amokläufer von Winnenden. 2009 hatte ein 17-Jähriger an seiner früheren Realschule in Winnenden und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst getötet. Er benutzte dabei eine Pistole der österreichischen Marke Glock. Auch David S. benutzte nun eine Glock-Pistole und führte in seinem Rucksack 300 Stück Munition mit sich.

Mit welchen anderen Amokläufen sich der Täter von München sonst noch beschäftigte, ist noch unklar. Polizeipräsident Hubertus Andrä hält es aber für wahrscheinlich, dass David S. auch durch den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik inspiriert worden war. Dessen Tat jährte sich am Freitag zum fünften Mal. Eine Verbindung liegt auf der Hand, sagte Andrä an einer Pressekonferenz am Samstag.

Wie bei vergleichbaren Amokläufen könnte auch David S. seine Tat kaltblütig geplant haben. Laut der Polizei spricht vieles dafür, dass der Täter mit einem Aufruf auf einem gefälschten Facebook-Profil möglichst viele Jugendliche in den McDonald’s am OEZ zu locken versuchte. David S. – so die derzeitige Vermutung – legte unter dem Fantasienamen „Selina Akim“ auf Facebook eine Seite an. Dort schrieb er nur Stunden vor seinem Verbrechen: „Kommt heute um 16 Uhr zu Meggi am OEZ. Ich spendiere auch was, wenn ihr wollt, aber nicht zu teuer.“

Nachdem er neun Personen getötet hatte, richtete sich David S. selbst hin. Auch dies deutet auf einen Amoklauf mit der Absicht eines erweiterten Suizids hin. Ein Islamist hätte versucht, noch möglichst viele weitere Personen zu töten, um schließlich durch eine Polizeikugel zu sterben und zum Märtyrer für Allahs Sache zu werden. Personen, die einen erweiterten Suizid begehen, geht es hingegen darum, ihren inneren Schmerz und ihren Hass auf die Welt in einem letzten, schockierenden Akt öffentlich zu inszenieren.