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Londons Mayor Boris Johnson

Der Blondschopf der Nation

von Markus M. Haefliger / 02.05.2016

Boris Johnsons Bilanz als Bürgermeister der kosmopolitischsten Stadt Europas kann sich sehen lassen. Viele Londoner wundern sich, wie er im Brexit-Lager landen konnte.

Die Londoner werden die Auftritte ihres Bürgermeisters, wie es sie seit 2008 gegeben hat, vermissen. Boris Johnson hat die Lacher meistens auf seiner Seite, sogar linke Protestierende können ihre Sympathien nicht verbergen, wenn der Mann mit dem unfrisierten blonden Schopf vom Fahrrad steigt, die Berührungsängste eines Tory aus bestem Hause beiseiteschiebt und sich für einen Schwatz zu ihnen gesellt. Nach acht Jahren als Mayor of London hat „Boris“, wie ihn Anhänger, Kritiker und die Medien meistens nur nennen, genug. Er tritt bei der Wahl vom kommenden Donnerstag nicht mehr an.

Unpassendes Brexit-Kostüm

Der 51-jährige Johnson hat Größeres vor: Er investiert seine Popularität in die Kampagne für einen Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit). Viele Anhänger und Freunde, selbst seine Familie, verstanden nicht recht, warum er sich vor zwei Monaten auf die Seite des Brexit-Lagers schlug. Johnson hatte den Entscheid mediengerecht hinausgezögert und allen gezeigt, dass er damit rang. Sein Vater, ein liberalkonservativer Umweltexperte und ehemaliger Mitarbeiter der EU-Kommission, riet ihm, die EU-Befürworter zu unterstützen, ebenso Johnsons Geschwister, unter ihnen der jüngere Bruder, ein aufstrebender Tory-Hinterbänkler. Boris selber räumte ein, „seine“ Londoner teilten seine Meinung nicht – laut Umfragen stimmen die Hauptstadtbewohner beim Referendum im Juni für den EU-Verbleib, während sich die Stimmen im übrigen England die Waage halten oder dem Brexit zuneigen.

Laut Tony Travers von der London School of Economics sitzt Johnson das Brexit-Kostüm schlecht. „Es ist ihm nicht wohl bei der Sache“, sagt der Kenner der Londoner Politik. Johnson blühe auf in der Popularität, die er genieße, nun müsse er unangenehme Fragen beantworten. Als er kürzlich wegen flapsiger Attacken auf die EU dem Finanzausschuss des Unterhauses Red und Antwort stehen musste, fiel er peinlicherweise beim Fakten-Check durch. Seine Kritiker kennen diese Schwäche. Die Journalistin Ann McElvoy sagte einst, zu einem „Erwachsenen-Thema“ wie der Reform des Sozialstaats könne Johnson nichts beitragen.

Man könnte seinen Erfolg in den letzten Jahren damit erklären, dass Johnson zum intellektuellen Vergnügen auf der Insel beigetragen hat. Seine Schlagfertigkeit, oft gespickt mit Selbstironie, ist legendär. Wem es gelingt, ihn auf eine Podiumsveranstaltung zu bringen, der kann mit vollen Sälen rechnen. Wo andere Politiker einen Eiertanz vollführen, weil sie nichts Unkorrektes sagen wollen, liebt es Johnson zu provozieren. Er trägt gute Anzüge, aber sie sitzen meist schlecht. Zum verschrobenen Bild trägt bei, dass er einen Manierismus der englischen Oberschicht kultiviert und künstlich stottert oder Sätze abbricht, sobald klar ist, was er sagen will.

Förderer des Veloverkehrs

Wenn ihm bisher kaum etwas nachgetragen wurde, dann auch, weil er als Bürgermeister von London über wenig Macht verfügte. Die größte Stadt Europas finanziert ihre öffentlichen Ausgaben, 45 Milliarden Pfund pro Jahr, nur zu 15 Prozent mit eigenen Steuern und Gebühren, den Rest mit Zuschüssen der nationalen Regierung. Der Bürgermeister muss sich die Befugnisse außerdem mit 32 städtischen Gemeindebehörden teilen, welche die Staatsschulen betreiben und für den öffentlichen Wohnungsbau zuständig sind. In seine Kompetenz fallen dagegen öffentlicher Verkehr, Polizei, Feuerwehr und Sanität sowie übergreifende Planung.

In Bezug auf den Einfluss lässt sich Johnsons Bilanz sehen. In seiner Amtszeit wurde London zu einer velofreundlichen Stadt. In Hunderten von leicht zugänglichen Andockstationen werden insgesamt 11.000 Mietfahrräder angeboten. Neben signalisierten Velorouten entlang von Quartierstraßen setzte Johnson, der selber regelmäßig zur Arbeit radelt, sogenannte Bicycle-Highways durch, breite, blau markierte Fahrradstreifen auf Hauptstraßen, die den Automobilisten knappen Straßenraum entziehen – keine Maßnahme, die man von einem Tory erwarten würde. Der Ausbau der Buslinien und Untergrund- und Vorortsbahnen hielt unter seiner Ägide mit dem enormen Bevölkerungsdruck mit. Die Hauptstadt wächst jedes Jahr um 110.000 Einwohner.

Travers fasst Johnsons Bilanz in einem anekdotischen Vergleich mit Barack Obama zusammen. Während der amerikanische Präsident vor acht Jahren mit hohen Erwartungen gestartet und seither hart auf dem Boden der Realität gelandet sei, verlaufe die Kurve bei Johnson umgekehrt. Beim Amtsantritt als Clown belächelt, habe er sich Respekt verschafft. Die Frage ist, was er damit anfängt. Johnson will zweifellos hoch hinaus und strebt das Premierministeramt an, wenn David Cameron, wie versprochen, bei den nächsten Unterhauswahlen nicht mehr antritt. Ist der Brexit dafür eine taugliche Strategie? Möglicherweise. Stimmen die Briten im Juni für den EU-Austritt, gehört Johnson zu den Siegern, wenn nicht, ist Cameron auf großzügige Gesten gegenüber den Euroskeptikern angewiesen, um die Tory-Partei zusammenzuhalten. In dem Fall wäre ein Kabinettsposten für Johnson naheliegend.

Parteifreunde und Rivalen

Cameron selber sagte einmal in Anspielung auf Johnsons lockeren Umgang mit Zahlen und Fakten, er könne sich Boris in jedem Ministeramt vorstellen „außer als Schatzkanzler“. Bei dem Geplänkel unter Parteikollegen gibt Johnson das Kompliment gerne mit dem Hinweis zurück, dass Cameron vor seiner politischen Karriere Werber gewesen sei, während er, Johnson, die angesehene konservative Wochenzeitschrift Spectator zum Erfolg geführt habe. Die Rivalität mit Cameron und Schatzkanzler George Osborne, einem wahrscheinlichen Gegenspieler bei der Nachfolge Camerons, war früher kameradschaftlich, heute haftet ihr, auch wegen der EU-Debatte, Bitterkeit an. Johnson schreibt übrigens noch immer. Dank einer wöchentlichen Kolumne und dem Erlös aus Büchern, unter anderem einer erfrischend verehrungsvollen Biografie Winston Churchills, verdient er fürstlich und ist finanziell nicht auf Ämter angewiesen. In den Augen der Öffentlichkeit ist das im Vergleich mit den Berufspolitikern der Tories kein Nachteil.