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Boris Johnson

Der „Brexit“ als Vehikel in die Downing Street

Meinung / von Peter Rásonyi / 23.02.2016

Mit Boris Johnson erhält die Kampagne für einen Austritt Großbritanniens aus der EU endlich ein äußerst populäres Zugpferd. Doch die Glaubwürdigkeit Johnsons ist angeschlagen. Ein Kommentar von Peter Rásonyi, Leiter der NZZ-Auslandsredaktion.

Ausgerechnet Boris Johnson. Ausgerechnet der Superstar der britischen Politik, der so viel Medienaufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermag wie kein anderer Politiker, ausgerechnet Londons konservativer Bürgermeister, der sich gewöhnlich als emsiger Vertreter der City-Interessen in Szene setzt, hat sich am Montag zum Zugpferd eines Austritts Großbritanniens aus der EU gemacht. Die zahlreichen erbitterten EU-Gegner in Johnsons Partei jubelten, große Teile der Presse feierten ihren Liebling, der seine Karten bis zuletzt bedeckt gehalten hatte.

Johnsons Einstieg in den Abstimmungskampf hat der bisher an internen Rivalitäten und einem Mangel an etablierten Anführern leidenden „Brexit“-Kampagne einen kräftigen Schub verpasst. Zusammen mit dem konservativen Justizminister Gove, einem brillanten Strategen und Vertrauten von Premierminister Cameron, haben die „Brexit“-Befürworter nun zwei hochgradig etablierte Figuren aus dem innersten Machtzirkel an der Spitze, welche die Kampagne aus dem Ruch des Rück- und Randständigen heben. Wer könnte den Ausstieg aus der EU dem Volk besser verkaufen als Boris Johnson, der selbst im linken London zweimal die Bürgermeisterwahl gewann und es trotz seiner elitären Herkunft als etwas älterer Kommilitone Camerons in Eton und Oxford stets versteht, allen Bevölkerungsgruppen das Gefühl zu vermitteln, er sei einer von ihnen?

Cameron ist mit Johnsons Outing ein ernsthaftes Problem erwachsen, das er bis zuletzt mit intensivem Werben und, wie in London gemunkelt wird, dem Angebot höchster Ministerämter zu vermeiden versucht hatte. Doch verloren ist für die Befürworter einer fortgesetzten EU-Mitgliedschaft noch nichts. Allzu durchsichtig ist Johnsons Kalkül, den „Brexit“ als persönliches Vehikel nach Downing Street zu nutzen. Eine Abstimmungsniederlage Camerons im Juni könnte gemäß dieser Logik die Parteiführung und damit das Premierministeramt für seinen prominentesten Gegenspieler freiräumen, nach denen der von unbändigem Ehrgeiz getriebene Johnson schon lange die Hand ausstreckt. Seine ursprüngliche Hoffnung, von der vielseits prognostizierten Niederlage Camerons bei der Parlamentswahl im vergangenen Mai zu profitieren, hatte sich im überraschenden Wahlsieg der Tories zerschlagen. Seither war es um den vielfach talentierten Selbstinszenierer, Komiker und Kommunikator ziemlich ruhig geworden. Das begehrte Amt schien langsam, aber sicher in den Hafen des Schatzkanzlers und gefährlichsten Rivalen George Osborne davonzuschwimmen. Der „Brexit“ taucht da als letzter Rettungsring Boris Johnsons auf.

In dieser Konstellation überrascht nicht, dass Johnson sogleich ein Defizit an politischer Glaubwürdigkeit vorgehalten wurde. Warum ignoriert er plötzlich die Finanzinteressen der Londoner City, die sich mehrheitlich für einen Verbleib in der EU ausspricht? Warum hat er sich so lange bedeckt gehalten, wenn er doch ein derart grundsätzlicher EU-Gegner ist, wie er am Montag in seiner Zeitungskolumne des Daily Telegraph erklärt hat? Der Vorwurf dürfte an Johnson haften bleiben und seiner Out-Kampagne Schaden zufügen.