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Implantierte Datenträger

Der Chip in mir

von Marie-Astrid Langer / 13.09.2016

Sie ersetzen den Wohnungsschlüssel oder die Metro-Karte: Unter die Haut implantierte Chips sind besonders im trendbewussten Schweden in Mode. Datenschützer warnen jedoch vor einer Massenüberwachung.

Johan hat sich für die linke Hand entschieden. In der rechten halte er häufig sein Handy, erklärt der grossgewachsene Schwede mit Dreitagebart, da sei die andere Hand wohl besser geeignet. Etwas zögernd streckt er dem Tätowierer den Arm entgegen und atmet noch einmal tief ein und aus. Nein, nein, nervös sei er nicht, beteuert der 38-Jährige. Wenige Augenblicke später bohrt der Tätowierer erst eine Nadel in Johans Handrücken, dann schiesst er durch die Kanüle den Chip unter die Haut.

180 Franken pro Implantat

„Ich wurde gechippt“, ruft Johan. Er ist einer von vielleicht 40 Gästen, die an diesem Abend zur „Beer and Chips“-Party im Stockholmer Startup-Center gekommen sind. Es gibt Gratisgetränke, Snacks und für 1500 schwedische Kronen, umgerechnet 180 Franken, einen Datenträger unter die Haut. Gut 25 der Gäste werden sich am heutigen Abend „chippen“ lassen – sich also einen Reiskorn-grossen Datenträger in die Hand setzen lassen. Die Chips nutzen die sogenannte Nahfeldkoppelung, bekannter unter der englischen Abkürzung NFC („near field communication“) – eine Technologie für den kontaktlosen Datenaustausch über kurze Distanzen.

Heutzutage werden NFC-Chips häufig in Kundenkarten, Firmen-Badges oder Bankkarten verwendet – und nun eben auch als Datenträger implantiert. Statt des Badges hält man seine Hand an ein Lesegerät und erhält so Zugang zu einem Gebäude. Theoretisch ist mit NFC-Chips in der Hand noch mehr möglich, so könnten sie etwa den Autoschlüssel oder die Metro-Karte ersetzen. Doch für derartige Anwendungen braucht es etwas mehr Technologie-Verständnis, weil man dafür die Chips erst über das Smartphone entsprechend programmieren muss.

Obwohl die Einsatzmöglichkeiten noch beschränkt sind, sind die Chip-Implantate besonders in Schweden zunehmend beliebt. das nordische Land ist als „first mover“-Nation, also als sehr technologiegläubig bekannt. Das zeigt sich auch an diesem Abend auf der „Beer and Chips“-Party: Zahlreiche Gäste geben auf Nachfrage an, sie würden sich chippen lassen, weil das „die Zukunft“ sei. Wie viele Personen in Schweden schon solche Implantate tragen, erfasst niemand; Schätzungen reichen von 500 bis 1000 Personen. Die amerikanische Firma Dangerous Things, die zu den grossen Verkäufern der Chips zählt, hat laut eigenen Angaben in den vergangenen 18 Monaten etwa 10 000 Stück weltweit verkauft – die eine Hälfte in den USA und Kanada, den Rest in ganz Europa und Australien.

„Ich mache es, weil es cool ist, und nicht so sehr, weil ich es nutzen kann“, gibt auch Johan zu. Die Technologie der implantierten Chips steht erst am Anfang, das weiss er: Die Speicherkapazität ist noch sehr begrenzt, knapp ein Kilobyte passt derzeit darauf, weniger als ein leeres Word-Dokument. Auch ist die Antenne so klein, dass man die Hand oft mehrfach an ein Lesegerät halten muss, bis die Daten übertragen werden. Irgendwann aber ersetze der Chip in der Hand hoffentlich seinen Büro-Badge oder den Wohnungsschlüssel, hofft Johan, „das wäre komfortabel“. Neue Technologien interessieren ihn auch aus beruflichen Gründen: Als Manager bei einem internationalen Telekommunikationskonzern sei es Teil seines Jobs, sich mit solchen Trends auseinanderzusetzen. Sind implantierte Chips nur ein Randphänomen unter Technologie-Fanatikern – oder tatsächlich „the next big thing“, die nächste IT-Revolution? Befürworter der Implantate verweisen gerne darauf, dass in der Medizin schon heute die Grenzen zwischen Technologie und Biologie verschwimmen, etwa bei Herzschrittmachern oder bei Sensoren, die den Zuckerspiegel von Diabetikern messen.

Gemeinschaft der „Biohacker“

Klare Antworten auf diese Fragen sind schwierig zu geben. Doch mögliche Hinweise auf die künftigen Entwicklungen finden sich im Startup-Zentrum in Stockholm. Hier arbeitet der Mann, der diese wie auch viele andere Implantat-Partys organisiert hat. Hannes Sjöblad ist ein gefragter Redner dieser Tage, gerade spricht er in Wien an einer Konferenz über Zukunftstechnologien und ist deswegen an diesem Abend nicht zugegen. Doch ein paar Tage zuvor noch sass Sjöblad in der Cafeteria des Stockholmer Startup-Centers und erklärte im Gespräch, warum sich die Menschheit Datenträger unter die Haut jagen lassen sollte. Sjöblad – Jeans, Blazer, Seitenscheitel – ist tagsüber Event-Manager für das staatlich geförderte Startup-Center, er organisiert Redner und moderiert Diskussionsrunden zu neuen Technologien. Die Grenzen sind fliessend zu dem, was er nach Feierabend macht: Als selbsternannter „Biohacker“ tüftelt er mit Kollegen an Möglichkeiten, die Grenzen zwischen Biologie und Technologie verschwimmen zu lassen. Gemeinsam haben sie den Verein Bionyfiken gegründet: Mal züchten sie Pflanzen, die im Dunkeln leuchten, mal implantieren sie Käfern Mikrochips.

2014 las Sjöblad zum ersten Mal von der Möglichkeit, sich NFC-Chips unter die haut zu implantieren. Er war begeistert, bestellte gleich zehn Stück, die er und andere Freiwillige sich unter die Haut setzten. Sjöblad zeigt auf das kaum sichtbare Glasröhrchen, das in dem weichen Gewebe zwischen seinem Zeigefinger und seinem Daumen sitzt; es fühlt sich hart an, unter der Haut lässt es sich hin und her schieben. Über Facebook-Gruppen und Internetforen teilen er und andere „Gechippte“ ihre Erfahrungen, testen Anwendungsmöglichkeiten und die Grenzen der neuen Technologie. Die Geschwindigkeit, mit der immer mehr Menschen der Community beigetreten sind, habe ihn selbst verblüfft, sagt Sjöblad.

In der Tierhaltung werden NFC-Chips bereits seit Jahren verwendet, etwa um Nutz- und Haustiere zu identifizieren, oder auch bei Brieftauben-Wettbewerben, um die genaue Flugstrecke und -zeit zu bestimmen. Auch die Idee, Menschen Chips einzusetzen, ist nicht neu – Ende der Neunziger hatte sie schon ein englischer Wissenschafter (siehe Interview). Es sollte aber noch Jahre dauern, bis solche Implantate mehr Menschen interessierten.

Dass die Chips jetzt erst ein Trend sind, erklärt Sjöblad damit, dass nun „das Timing richtig“ sei: Das Internet der Dinge verknüpfe Alltagsgegenstände, auch gebe es nun mehr Anwendungsbereiche für die NFC-Technologie. Tatsächlich nutzt heute fast jedes Geschäft und fast jedes Kartenlesegerät diesen Standard; auch die meisten Firmen-Badges nutzen ihn.

Sjöblad selbst gibt an, nichts mit der Nachfrage nach den implantierten Chips zu verdienen; ihm gehe es darum, Bürger über die Vor- und Nachteile der Chips zu informieren. Denn er ist davon überzeugt, dass es irgendwann einen Google- oder einen Facebook-Chip geben wird und dass Regierungen versuchen werden, ihre Bürger zur Massenüberwachung zu chippen. Seit den ersten Medienberichten der BBC und des Magazins „Wired“ über die Implantate in Schweden habe er Anfragen von saudiarabischen Firmen, israelischen und russischen Militärausrüstern sowie verschiedenen Parteien erhalten. Solche Gespräche habe er aber abgelehnt, aus moralischen Gründen, wie er sagt.

Die Vernetzung der Welt

Unterstützung findet Sjöblad beim IT-Sicherheitsunternehmen Kaspersky. Marco Preuss, Leiter des europäischen Forschungs- und Entwicklungsteams, leitet das gemeinsame Forschungsprojekt mit dem Verein Bionyfiken. Die Experten von Kaspersky steuern die Expertise im Bereich Sicherheit bei, Sjöblad und seine Kollegen die Erkenntnisse und Anliegen der Nutzergemeinde. Preuss nennt diese Mitbestimmung den „demokratischen Ansatz der Technologieentwicklung“. „Es muss sichergestellt sein, dass die Chips nicht zu einem Mittel der Massenüberwachung werden, wie es heute die Handys sind“, sagt Preuss. Im Vergleich zu anderen Europäern seien Schweden besonders experimentierfreudig. Derzeit seien implantierte Chips noch ein Randphänomen. Doch der Trend gehe klar Richtung Chip-Implantat: „Früher standen unsere Computer auf dem Schreibtisch, dann trugen wir sie als Laptops herum, nun führen wir Smartphones und Fitness-Tracker ständig mit uns“, sagt Preuss. Der Chip werde die digitale Schnittstelle zum eigenen Körper.

Das glaubt auch Jan Gulliksen, Professor für Computerwissenschaften an der Königlich Technischen Hochschule Stockholm: Es sei ganz natürlich, dass sich die Technologie von „auf der Haut“ zu „unter der Haut“ entwickle. Gulliksen, der auch Vorsitzender der schwedischen Digitalisierungs-Kommission ist, welche die Regierung in Technologoe-Fragen berät, sieht Vorteile etwa in der Betreuung älterer dementer Menschen. Mit implantierten Chips sei es einfacher, diese zu überwachen und ihnen im Notfall zu helfen. Aus persönlichen Erfahrungen kenne er die Probleme.

Mit Besorgnis verfolgt hingegen Simone Fischer-Hübner, Professorin für Computerwissenschaften an der Universität Karlstad, die Entwicklung. Die gebürtige Deutsche lebt seit 16 Jahren in Schweden und sieht die Technologiegläubigkeit der Schweden skeptisch. „Ich verstehe nicht, warum man die NFC-Chips gleich implantieren muss, statt sie in einem Armband am Handgelenk zu tragen“, sagt sie im Gespräch. Sie warnt vor zu lockerem Datenschutz: Die Chips ausreichend stark zu verschlüsseln, sei schwierig, weil die Datenträger so klein seien und eine beschränkte Kapazität hätten.

Tatsächlich soll die nächste Generation von Chips, die wohl ab Herbst verfügbar sein wird, etwas grösser sein und bessere Verschlüsselungsmöglichkeiten sowie mehr Speicherplatz bieten. Hannes Sjöblad ist bereits gespannt – er will sich dann noch einmal chippen lassen.

1998 liess sich Kevin Warwick, damals Professor für Cybernetics an der britischen University of Reading, einen NFC-Chip in den Arm setzen. Damit konnte er Türen öffnen oder Lichter an- und ausschalten, die zuvor mit NFC-Lesegeräten ausgestattet worden waren. In verschiedenen Folgetests verknüpfte er den Chip auch mit dem Nervensystem in seinem Arm und testete so neue Möglichkeiten der Kommunikation mit Maschinen.

Interview: Der erste „Cyborg“

NZZ: Herr Warwick, warum hat es so lange gedauert, bis sich mehr Menschen wie Sie Chips implantieren liessen?

Kevin Warwick: Das weiss ich auch nicht. Vielleicht ist die Grösse ausschlaggebend: Die neuen Chips sind so gross wie ein Reiskorn, meiner war 2,5 Zentimeter lang, weil die Antenne grösser war. Das hatte aber auch den Vorteil, dass ich Türen aus mehreren Metern Entfernung öffnen konnte. Dafür gibt es heute mehr Anwendungsmöglichkeiten für NFC-Chips als vor vor zwanzig Jahren.

Sind implantierte Chips die Zukunft?

Die Chips bringen bis jetzt ausser Komfort noch keinen echten Vorteil mit sich. Um eine kritische Zahl an Nutzern zu erreichen, brauchte es erst eine grosse Firma, eine Universität oder ein Land, das die Implantate unterstützte. Wenn etwa ein Staat die Chips als Identitätsträger akzeptierte anstelle von Reisepässen, dann könnte es über Nacht einen Wandel geben.

Wären denn die Menschen bereit für einen solchen Wandel?

Erst muss sich das Bewusstsein der Gesellschaft ändern. Wir nehmen alle möglichen Chemikalien zu uns, ohne zu wissen, was sie wirklich in unserem Körper anrichten. Aber bei Elektronen sind wir noch gehemmt. Dabei böten sich grossartige Möglichkeiten, um unsere Leistungsfähigkeit zu verbessern. Dann würde eine echte Cyborg-Bewegung starten, die steht uns noch bevor.
Ich sehe den Nutzen nicht, ich kenne das ja bereits. Was mich wirklich reizt, ist ein Gehirn-Implantat, mit dem ich mich mit einem Computernetzwerk verbinden könnte. Dafür bin ich im Gespräch mit Chirurgen, aber noch haben wir nichts Konkretes geplant.