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Nachruf

Der deutsche Vereinigungsminister

von Markus Ackeret / 02.04.2016

Hans-Dietrich Genscher war der deutsche Außenminister schlechthin, ein Symbol für das Ende der Konfrontation in Europa und die deutsche Einheit. Das prägte auch seinen Blick nach Russland.

Es gibt einprägsamere Bilder als dieses, aber für den Herbst eines Außenpolitiker-Lebens ist es von besonderem Gehalt. Kurz vor Weihnachten 2013 stand Hans-Dietrich Genscher auf dem Rollfeld des Flughafens Berlin-Schönefeld und nahm Michail Chodorkowski in Empfang, der eben von Präsident Putin begnadigt und aus der Strafkolonie entlassen worden war. Genscher hatte dank guten Kontakten im Hintergrund an der Freilassung des russischen Unternehmers mitgewirkt. Der langjährige deutsche Außenminister und Vorsitzende der deutschen Liberalen übernahm noch einmal die Rolle des Vermittlers, fast ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer und zwei Jahrzehnte nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik.

Wider die Teilung Europas

Was durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs zu Ost und West geworden war, durchzog Genschers Leben wie ein roter Faden: Als würde Herkunft verpflichten, stellte er sich – nicht immer ohne politische Gegenwehr – während 18 Jahren als Außenminister in den Dienst jener deutschen „Ostpolitik“, die als Erbe Helmut Schmidts, Willy Brandts und der sozialliberalen Ära der Bonner Republik bis heute nachwirkt. Sich nicht abfinden zu wollen mit der deutschen Teilung und dem Eisernen Vorhang in Europa, war für Genscher über Jahrzehnte eine Lebensaufgabe. Dass es kaum Überwältigenderes für einen Politiker geben kann, als im aktiven Dienst zu erleben, wie politische Beharrlichkeit, diplomatisches Geschick und das Nutzen des Momentums zur Realisierung dieses Lebensziels führen, hat Genscher selbst betont – im Rückblick auf seinen legendären Auftritt vor den in die deutsche Botschaft in Prag geflüchteten DDR-Bürgern am 30. September 1989 wie auch auf die Unterzeichnung des Einigungsvertrags (Zwei-plus-vier-Vertrag) in Moskau 1990.

Das politische Ziel war bei Genscher auch eine Funktion des Biografischen. 1927 bei Halle an der Saale geboren, hatte er noch die letzten Kriegsmonate in der Schlacht um Berlin erlebt. Als Liberaler der Sozialistischen Einheitspartei der DDR nicht zugeneigt, fand der Jurist, der Rechtsanwalt sein wollte, im Osten keine Entfaltungsmöglichkeit. 1952 reiste er über Westberlin in die Bundesrepublik aus und siedelte sich in Bremen an. Bald holte ihn der damalige FDP-Vorsitzende Thomas Dehler nach Bonn. 1965 wurde Genscher Bundestagsabgeordneter, 1969 in der ersten sozialliberalen Koalition Innenminister. Damals legte er den Grundstein für seine Beliebtheit in der Bevölkerung. Dass er sich 1972 den palästinensischen Terroristen in München als Geisel anbot, ist später meist vergessen worden.

Außenminister zu werden, war Genscher zunächst nicht zugetraut worden, bevor er 1974 das Amt in der zweiten Auflage der sozialliberalen Koalition übernahm. Englisch hatte er nie gelernt, sein politisches Feld war die Innenpolitik. Als Liberaler und im Wissen um die Gängelung jenseits der Mauer genuin der Freiheit zugetan, nutzte er seine neue Rolle jedoch so intensiv wie keiner vor ihm und verhalf Deutschland zu einer neuartigen Präsenz auf der diplomatischen Bühne.

Verständnis für Russland

Sowenig er sich mit dem geteilten Kontinent abfinden wollte, so wenig hielt er von Aufrüstung und Konfrontation. Sein Wirken war auf die Entspannung zwischen Ost und West ausgerichtet, was den Geduldsfaden in anderen europäischen Hauptstädten mitunter stark dehnte. In diesem Geiste hat er bis zuletzt nach Russland geschaut, auch angesichts der tiefen Vertrauenskrise zwischen dem Westen und Moskau.

Die Zustimmung der Sowjetunion – und also Michail Gorbatschows und seines Außenministers Eduard Schewardnadse, zu denen Genscher ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte – war essenziell gewesen für die Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Daran wollte Genscher immer wieder erinnern, auch wenn dies für die Beurteilung der gegenwärtigen russischen Außenpolitik nur sehr bedingt eine Rolle spielen darf. Als einer, der durch die deutsche Einheit die eigene Heimat wiedererlangt hatte, erschien ihm das als eine Art moralische Verpflichtung. Er hatte über die Jahrzehnte und die Teilung hinweg den Kontakt nach Halle nie abgebrochen und fuhr, auch als Minister, privat etwa zu den Händel-Festspielen in seine Geburtsstadt. Sein Hallenser Dialekt gehörte zur Sprachfärbung der Bundespolitik.

Genscher mag in der Erinnerung vieler „der“ deutsche Außenminister schlechthin gewesen sein und in gewisser Weise Deutschlands Vereinigungsminister. Sein Wirken als liberaler Parteivorsitzender war aber nicht weniger prägend für die späte Bonner Republik. Der von der SPD als Verrat ausgelegte Seitenwechsel 1982 begründete die Ära Helmut Kohls mit.

Mehr als ein Anhängsel Kohls

Es gelang Genscher, die FDP zur jahrzehntelangen Mitgestalterin der Bundesrepublik zu machen; ihm als Außenminister, und seinem nicht immer spannungsfreien, aber guten Verhältnis zu Kohl, verdankte es die Partei, nicht nur als Anhängsel und Mehrheitsbeschafferin wahrgenommen zu werden. Umso tragischer war es auch für ihn, dass die FDP es nicht mehr schaffte, als unentbehrliche Kraft wahrgenommen zu werden. Auch seine Hoffnungen ruhten auf dem Parteivorsitzenden Christian Lindner, dem er als Kronzeuge einer glorreichen Zeit der deutschen Liberalen diente. Genau zwei Wochen nach dem Tod Guido Westerwelles, dem Genscher ein großes Vorbild war, ist der Doyen der deutschen Außenpolitik in der Nacht auf Freitag 89-jährig gestorben.