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Oh du mein Österreich

Der Fußball im Banne der Tiki-Taka-Seuche

Meinung / von Matthäus Kattinger / 24.08.2016

Es ist sicherlich schön anzusehen, wenn die Supertechniker des FC Barcelona oder Bayern Münchens minutenlang Ball und Gegner laufen lassen. Doch aus dem optischen Vergnügen an stupender Technik und überlegenem Stellungsspiel wird rasch enervierender Frust, wenn sich auch jene dem Tiki-Taka verschreiben, die mit dem runden Leder nicht auf Du und Du sind. Es wird Zeit, den Fußball vor der bloßen Maximierung des Ballbesitzes zu schützen.

Lassen wir den Streit über Unfähigkeit und Unwillen der österreichischen Regierung zu Reformen beiseite, verschieben wir die Diskussionen über Asylquoten, Notverordnungen, Verschleierungsverbote, Arbeitszeiten und Wertschöpfungssteuer, ja ignorieren wir vorübergehend selbst Verfassungsgesetz-heischende Themen wie das Verbot von Bankomatgebühren, und wenden uns stattdessen den wirklich wichtigen Dingen zu. Erraten, das kann nur der Fußball sein.

Denn dieser droht sich – das dräut jedenfalls dem zeitlebens glühenden Fan des englischen Klubfußballs – in der Sackgasse des Tiki-Taka zu verfangen. So hat der Saisonauftakt in den großen europäischen Ligen leider meine während der Fußball-EM genährten Befürchtungen bestätigt. Wie eine Seuche breitet sich das enervierende Ballgeschiebe ohne jeden Platzgewinn aus, bei dem der Torerfolg nur mehr Nebensache ist, es vorrangig darum zu gehen scheint, dem Gegner gar nicht mehr an das Lieblingsspielgerät kommen zu lassen.

In der Rasenschach-Falle

Nun mag so ein Kurzpassspiel mit Ballbesitzquoten von jenseits der 80% Rasenschach-Fanatiker entzücken, doch der herkömmliche, man verzeihe den Ausdruck, „vulgäre Fußball-Liebhaber“ findet das gar nicht lustig. Gar nicht zu denken daran, dass ja das Tiki-Taka noch viel stärker zwischen Spitzenklasse und Handwerkern trennt. Wie das ist, wenn trotz fehlendem technischen Rüstzeug Tiki-Taka versucht wird, konnte der frustrierte Beobachter etwa am peinlich-lähmenden EM-Achtelfinale Wales gegen Nordirland verfolgen.

Nun muss ich zum Verständnis einräumen, dass ich aus heutiger Sicht fußballerisch „unglücklich“, weil höchst opulent, sozialisiert worden bin: Das erste Fußballspiel, an das ich mich erinnern kann (und immer erinnern werde), war das 7:0 des Wiener Sportklubs 1958 im Europacup gegen Juventus im Praterstadion. Das war ein wahres Angriffs-Furioso der leider sehr launischen Hernalser, standen doch im legendären Sportklub-Sturm Horak-Knoll-Hof-Hamerl-Skerlan gleich drei ausgesprochene Divas (Max Horak, Erich Hof, Josef Hamerl). Waren das Zeiten, als das fußballerische Selbstverständnis noch darin lag, Tore zu schießen – zumindest eines mehr als der Gegner.

Catenaccio – oder der Zweck heiligt die Mittel

Sicherlich, es war auch in den vergangenen Jahrzehnten längst nicht alles Angriffs-Gold. Wem fallen da nicht sofort die Meistermaurer von Inter Mailand ein, die Ende der 1960-er Jahre mit ihrem Catenaccio selbst Wunderstürme wie jene von Real Madrid (mit Puskás, di Stéfano und Gento) oder Benfica (mit Eusébio) zur Verzweiflung brachten. Aber damals versuchte wenigstens noch EINE Seite zu stürmen und in den Beton des Maurer- Weltmeisters, Giacinto Facchetti, eine Bresche zu schlagen.

Doch heute verbreitet sich die Tiki-Taka-Seuche mit Windeseile über ganz Europa – getragen vom Sendungsbewusstsein der höchstbezahlten Trainer-Wandervögel. Nun hat der glühende Fan des englischen KLUB-Fußballs zwar erfreut registriert, dass Manchester United mit dem Wechsel des Tiki-Taka-Imitators Louis van Gaal zu José Mourinho auch das Old Trafford völlig wesensfremde Hin-und-Her-Geschiebe aufgegeben hat, doch einer Heilung stehen zumindest doppelt so viele Infizierungen gegenüber. Denn mit Pep Guardiola wird wohl oder übel die städtische Retorten-Konkurrenz umgepolt, zudem haben sich ja auch Jürgen Klopps Reds aus Liverpool einer brasilianisch interpretierten Midland-Variation von Tiki-Taka verschrieben.

Der Strafraum als Terra incognita

So erfrischend der FC Liverpool in der Vorwoche Arsenal auswärts mit Offensivfußball erster Güte „kloppte“, so unrettbar und unanimiert verfingen sich die Ballschieber der Reds eine Woche später im dichten Abwehrnetz des Aufsteigers Burnley. Fast schien es, als ob die filigranen Spielmacher des FC Liverpool im Strafraum Burnleys eine Terra incognita sahen, deshalb bestenfalls quer- und rück-, meist jedoch fehl-passten.

Und als Krone des Tiki-Taka-Alptraums jetzt auch noch Borussia Dortmund. Nun hatten zwar schon in Klopp’schen Meisterjahren 2010/11 und 2011/12 Lewandowski, Reus und Götze das Kurzpassspiel forciert, dabei aber jede Gelegenheit zum Abschluss genutzt. In seinem zweiten Jahr aber hat Klopp-Nachfolger Thomas Tuchel die schwarzgelbe Version des Tiki-Taka zur Perfektion (und Fadesse) entwickelt. Wer am Montagabend die Borussen im deutschen Cup bei Eintracht Trier gesehen hat, muss schon ein verbissener Schwarz-Gelber sein, um – abgesehen vom Ergebnis – dem Spiel an sich was abgewinnen zu können. Minutenlang kreiste der Ball in den eigenen Reihen, doch hatte ich zu oft den Eindruck, als ob es sich um das beliebte Spielchen beim Aufwärmen mit Mittellinie und Strafraum als Begrenzung handelte.

Ein Seuchenteppich gegen Tiki-Taka

Ich warte nur darauf, bis es erstmals einer Mannschaft gelingt, über volle 45 Minuten den Ball in ihren Reihen zu halten. Und sich dann feiern zu lassen, weil man den Gegner im wahrsten Sinn des Wortes nicht ins Spiel hat kommen lassen. So sehr sich in das Rasenschach gelegentlich blitzartige Spielöffnungen (etwa mit einem gelungenen Steilpass in die Spitze) „einschleichen“, so enervierend sind die restlichen 80 oder 85 Minuten.

Im Interesse des Fußballs und dessen vermeintlicher Intention, Tore zu erzielen und nicht bloß den Gegner aus dem Spiel zu nehmen, wäre es an der Zeit, über Vorkehrungen gegen die – für mich jedenfalls – Horror-Vision einer Demokratisierung des Tiki-Taka zu treffen, in dem quasi Seuchenteppiche gelegt werden. Anschauungsunterricht böten etwa Handball oder Basketball. In Anlehnung an diese wäre es etwa denkbar, dass eine Mannschaft, die nicht innerhalb von einer Minute einen Angriffsversuch IN den gegnerischen Strafraum startet, den Ball verliert, genauso könnten Rückpässe in die eigene Spielhälfte mit Ballverlust bestraft werden. An Schiedsrichtern und Überwachern sollte das nicht scheitern, sind doch die Zeiten nicht mehr weit, wenn auf jeden Kicker ein „Offizieller“ kommt.