Der „Grexit“ muss kein wirtschaftliches Desaster sein

von Thomas Fuster / 08.06.2015

Spätestens, wenn Ende Juni die Hilfsprogramme für Griechenland ersatzlos auslaufen, wird sich die Zukunft der griechischen Mitgliedschaft in der Eurozone entscheiden. Für die Europäische Währungsunion wäre dies der erste Austritt, und dessen politische Folgen sind nicht abzusehen. Wirtschaftlich muss der Austritt – entgegen der Warnungen vielerorts – nicht zu einem Desaster führen, wie ein Blick in die Nachkriegsgeschichte zeigt. NZZ-Wirtschaftsredakteur Thomas Fuster über Austritte anderer Länder aus anderen Währungsunionen und deren Auswirkungen auf das Wachstum.

Zwar plädieren in Griechenland noch immer 74 Prozent der Bevölkerung für einen Verbleib in der Eurozone. Doch je länger die Krise sich ohne erkennbare Lösung hinzieht, desto wahrscheinlicher wird das Szenario eines Austritts aus der Währungsunion. Ein solcher „Grexit“ wird in der öffentlichen Debatte meist als Marsch auf völlig unbekanntem Terrain dargestellt. Das stimmt jedoch nur mit Blick auf die noch relativ junge Eurozone. Andernorts und zu früheren Zeiten ist es durchaus schon zu Austritten aus Währungsräumen gekommen, und zwar seit 1945 über 70 Mal, was immerhin einem Exit pro Jahr gleichkommt. Wie das Forschungsinstitut Oxford Economics in einer Studie anhand historischer Daten darlegt, wäre ein „Grexit“ denn auch keineswegs derart einzigartig, wie dies oft behauptet wird.

Spiegel der Unabhängigkeit

Doch wo fanden bisher solche Austritte statt? Stark ins Gewicht fallen afrikanische und asiatische Länder, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren die Unabhängigkeit erlangten. Auch das Ende der geopolitischen Bipolarität zu Beginn der 1990er Jahre führte zu einer Neuordnung des währungspolitischen Gefüges: So drehten die aus der sowjetischen Konkursmasse entstandenen Nationen der Rubel-Zone den Rücken zu. In den 1990er Jahren zerfiel der jugoslawische Vielvölkerstaat und mit ihm der gemeinsame Dinar-Raum. Ab 1993 gehörte mit der Auflösung der Tschechoslowakei auch die dortige Krone der Vergangenheit an. Und oft übersehen, indes nicht weniger wichtig, ist die Aufhebung des britisch-irischen Währungsverbunds im Jahr 1979 wegen Irlands Mitgliedschaft im Europäischen Währungssystem.

So unterschiedlich all diese Ereignisse vonstattengingen, so unterschiedlich präsentierte sich der ökonomische Rahmen. Wie die Studie zeigt, fanden die meisten Exits aus einer Position der relativen Stärke statt: Zwei Drittel der beobachteten Länder verzeichneten im Jahr des Ausstiegs ein positives Wachstum. Äußerst negative Startbedingungen, definiert als Einbruch der Wirtschaftskraft um 20 Prozent oder mehr, gab es nur bei acht Prozent der Länder. Einen zuverlässigeren Eindruck der wirtschaftlichen Implikationen des Exits erhält jedoch, wer das durchschnittliche Wachstum zwischen dem Jahr vor dem Austritt und dem ersten Jahr danach anschaut. Es zeigt sich, dass in diesem Drei-Jahre-Zeitraum circa drei Viertel ein positives Wachstum auswiesen; das Median-Wachstum aller Staaten belief sich auf 3,2 Prozent.

In den meisten Staaten hat das Wachstum nach dem Austritt aus dem Währungsraum angezogen. Dennoch, hinter dieser Median-Beobachtung verbergen sich enorme länderspezifische Unterschiede. So haben diverse Staaten beim Bruttoinlandprodukt zum Teil auch massive Kontraktionen erlebt. Eine halbwegs seriöse Prognose, ob sich der Exit im Einzelfall rechnet oder nicht, ist daher nicht möglich. Dies auch deshalb nicht, weil etwa im Fall der ehemals sozialistisch regierten Staaten Ost- und Südosteuropas der Ausstieg aus dem Währungsraum begleitet wurde durch die Transformation von einer zentral- zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung. Das führte kurzfristig zu hohen Anpassungskosten und Preissteigerungen, was den Effekt der neuen Währung überdeckte. In Ex-Jugoslawien fand zudem ein opferreicher Krieg statt, mit wirtschaftlich ebenfalls hohen Kosten.

Hohe Widerstandsfähigkeit

Die Formulierung klarer Lehren für Griechenland fällt also schwer. Die Analyse diverser Austritte aus Währungsunionen und anderer währungspolitischer Krisen – etwa in Nordeuropa (frühe 1990er Jahre), Russland (1998), Argentinien (2002), Island (2008) oder Zypern (2013) – lässt laut den Ökonomen von Oxford Economics aber zumindest den Schluss zu, dass der wirtschaftliche Output sich oft erstaunlich widerstandsfähig gegenüber dem Exit aus einem Währungsraum zeigt. Und auch wenn die Wirtschaftsleistung anfänglich stark einbrach, fand in der Folge oft ein ebenso rasanter Aufschwung statt. Ein „Grexit“, so das Fazit, müsse daher für Griechenland keineswegs jenes ökonomische und finanzielle Desaster darstellen, als das er oft präsentiert werde.