Sertac Kayar / Reuters

Kurdenkonflikt in der Türkei

Der Krieg, der nur Verlierer kennt

von Inga Rogg / 29.06.2016

Die Kämpfe in Sur, dem historischen Bezirk von Diyarbakır, sind vorbei. Trotzdem wird es dort nie wieder so wie früher.

Zwanzig Jahre hat Semsettin Atar auf den Haselnussfeldern in der Südosttürkei geschuftet, sich jedes Jahr ein paar Lira vom Mund abgespart, um sich ein Häuschen zu errichten. „Ich habe es mit eigenen Händen gebaut“, sagt er. Mit leerem Blick starrt der hagere 41-Jährige auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort, hinter der Ladenzeile an der Hauptstraße von Sur, hatte das Haus einmal gestanden. „Es war alles, was ich hatte.“ Das Haus im historischen Bezirk von Diyarbakır, der auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO steht, gibt es nicht mehr – so wie viele andere.

Verbarrikadierte Gassen

Drei Monate lang haben kurdische Rebellen und Sondereinheiten der Polizei sowie der paramilitärischen Jandarma in Sur gegeneinander Krieg geführt. Die Kämpfe haben auf beiden Seiten hunderte Tote gefordert, Zehntausende wurden vertrieben. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Begonnen hatte es im vergangenen Sommer, als der Friedensprozess zwischen der türkischen Regierung und der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zusammenbrach. Militante jugendliche Anhänger der PKK erklärten Sur und andere mehrheitlich kurdische Städte zum selbstverwalteten Gebiet, sie errichteten Barrikaden, Sicherheitskräfte rückten an, es gab die ersten Schießereien, Sprengsätze explodierten. Anfang Dezember verhängte die Regierung schließlich den Belagerungszustand. Am 9. März erklärte sie die Kampfhandlungen für beendet. Die Ausgangssperre wurde inzwischen weitgehend aufgehoben. Aber in den Quartieren im Südosten von Sur, wo die Kämpfe besonders heftig tobten, ist sie bis heute in Kraft.

Schutzwände versperren den Zugang zu den kleinen Gassen. Vor dem berühmten „Vierbeinigen Minarett“, wo im November der bekannte Menschenrechtsanwalt Tahir Elçi erschossen wurde, haben sich Polizisten hinter Sandsäcken und Plastikplanen verschanzt. Ehemalige Einwohner brauchen für den Durchlass eine Sondergenehmigung, Fotos dürfen sie keine machen. Freundlich verabschiedet sich eine alte Frau in langem Rock und mit weißem Kopftuch von den Polizisten. Auf einen Stock gestützt, humpelt sie über die löchrige Straße. „Ich habe euch ernährt, war immer gut zu euch“, sagt sie, als sie außer Hörweite der Polizisten ist. „Und das ist euer Dank?“ Von ihrem Haus gebe es nichts mehr, Bagger hätten es bis auf die Grundmauern eingeebnet, sagt sie. Den Tränen nahe, geht sie weiter. Auch von seinem Haus stehe nichts mehr, sagt Atar. „Nicht einmal die Möbel und den Fernseher durfte ich holen. Sie haben alles auf den Müll geworfen.“

Am Stadtrand von Diyarbakır bei der Universität gibt es eine riesige Abfallhalde. Dort kann man zwischen dem Schutt Matratzen, Kleidungsstücke und Hausrat sehen. Das sei alles aus Sur, sagen Bewohner und kurdische Politiker. Die Regierung hat das bisher nicht dementiert.

Auch eine Gruppe Schweizer Nationalräte besuchte vergangene Woche Diyarbakır. An der exzessiven Gewalt seitens der Sicherheitskräfte gebe es keinen Zweifel, sagt der CVP-Nationalrat Claude Béglé. Die Botschaft ihrer kurdischen Gesprächspartner sei gewesen: „Wir wollen Frieden, Frieden, Frieden.“

Kritik an der Kurdenpartei

Auf Frieden hofften auch Atar und alle anderen, mit denen wir an diesem heißen Sommertag sprachen. Doch weder die PKK noch die türkische Regierung sind derzeit dazu bereit. Die PKK sei so stark wie noch nie, tönte vergangene Woche das PKK-Führungsmitglied Murat Karayılan. Hunderte von jungen Kurden haben sich in den letzten Monaten den Aufständischen angeschlossen. Dass die PKK den Krieg in die Städte getragen hat, verübeln ihr allerdings viele Kurden.

In Diyarbakır machen viele dafür auch die Kurdenpartei HDP verantwortlich. Zahlreiche Mitglieder sind aus der Partei ausgetreten, weil sie sich nicht genügend von der Gewalt der PKK distanziert hat. Sie würden die HDP heute nicht mehr wählen, hören wir immer wieder. Allen voran ihr Kovorsitzender Selahattin Demirtaş hätte an seiner Friedensbotschaft festhalten müssen, sagt der Anwalt und Autor Ramazan Demir. „Wenn es so weitergeht, wird es tausende Toten gegeben. Das darf nicht sein.“

Von der Stimmung könnte die Regierung eigentlich profitieren. Präsident Recep Tayyip Erdoğan aber setzt alles daran, die HDP, deren Abgeordnete kürzlich die Immunität verloren, zu kriminalisieren. „Damit wird er die Kurden nicht zum Schweigen bringen“, sagt Demir, der als Abgeordneter in den neunziger Jahren selbst zeitweise im Gefängnis saß. Mit dem Einsatz von Gewalt könne die Regierung vielleicht eine Schlacht gewinnen, nicht aber den Krieg.

In Sur schweigen die Waffen, es sind auch nicht mehr ganz so viele Polizisten zu sehen wie vor drei Monaten. Und obwohl viele Geschäfte wieder geöffnet sind, wirkt der Bezirk im Vergleich zu früher verlassen. Es herrscht eine seltsame Stille. Geht es nach dem Willen der Regierung, wird irgendwann niemand hier wohnen. Sie hat die Besitzer enteignet und angekündigt, Sur in einen islamischen Touristenort zu verwandeln. „Ich habe in der Armee gedient, habe immer meine Steuern bezahlt“, sagt Atar. Wieder blickt er in Richtung seines ehemaligen Hauses. „Das habe ich nicht verdient.“