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Terror in Paris

„Der Krieg muss total sein“

von Andres Wysling / 14.11.2015

Hollande, Sarkozy, Le Pen – alle drei rufen zum nationalen Schulterschluss im Augenblick der Bewährung auf. Doch viel Einigkeit zeigen ihre Ansprachen nicht, abgesehen davon, dass die verschärften Sicherheitsmaßnahmen begrüßt werden.

Hollande: „Schreckliche Prüfung“

Frankreichs Präsident François Hollande hat sich schon am Samstag kurz vor Mitternacht in einer Fernsehansprache an seine Mitbürger gewandt, noch während die Terrorangriffe im Gange waren und die Polizei zum Sturm auf die Konzerthalle Bataclan ansetzte. Was sich in Paris abgespielt habe, sei ein Horror. Einmal mehr stehe Frankreich vor einer schrecklichen Prüfung. Hollande rief die Nation zu Einheit und Kaltblütigkeit auf. Im Angesicht des Terrors müsse Frankreich stark und groß sein, und die Behörden des Staates stark. „Wir müssen jeden zur Verantwortlichkeit rufen“, sagte der Präsident. Die Terroristen wollten Angst und Schrecken verbreiten, aber es gebe eine Nation, die sich zu verteidigen wisse, und die einmal mehr die Terroristen besiegen werde.

Hollande: „Kampf ohne Gnade“

Wenig später trat Hollande nahe der Konzerthalle Bataclan, dem Ort des blutigsten Anschlags, vor die Presse. Denjenigen, die diese schrecklichen Dinge hätten mit ansehen müssen, versicherte er: „Wir werden diesen Kampf führen“, und es werde ein Kampf ohne Gnade sein. Die Terroristen müssten wissen, dass sie vor einem entschlossenen und geeinten Frankreich stünden, das sich nicht so leicht beeindrucken lasse – auch wenn augenblicklich im Angesicht dieses Dramas die Emotionen hochgingen. Bei seinen beiden Auftritten wirkte Hollande aufgewühlt und gerade darum authentisch. Er sprach zögernd, öfter stieß er beim Formulieren seiner Sätze an, er musste nach Worten suchen.

Hollande: „Armee von Terroristen“

Am Samstag um 11 Uhr folgte eine neue, nun wohlvorbereitete Ansprache des Präsidenten. Frankreich sei das Ziel eines feigen und schändlichen Terrorangriffs geworden. Der Präsident sprach von einer „Kriegshandlung“ und einer „Armee von Terroristen“; in seinen ersten Reaktionen hatte Hollande das Wort „Krieg“ noch vermieden. Er unterstrich erneut, Frankreich werde gegenüber den „Barbaren“ des „Islamischen Staats“ ohne Gnade vorgehen. Man werde im Rahmen des Rechtsstaats alle nötigen Maßnahmen ergreifen, im Inland wie im Ausland, in Zusammenarbeit mit den Verbündeten. Frankreich sei stark, und auch wenn es verletzt werde, es stehe immer auf. Das Land sei stark und tapfer, es werde über die Barbarei triumphieren. Es gehe jetzt um die Verteidigung des Vaterlands, und darüber hinaus auch um die Verteidigung der menschlichen Werte. Hollande rief zu Einigkeit auf; diese sei unabdingbar.

Sarkozy: „Totaler Krieg“

Kurz danach trat Nicolas Sarkozy, 2012 abgewählter Präsident und jetzt erneut Kandidat für die Präsidentschaft, vor die Kameras. Die Terroristen hätten Frankreich den Krieg erklärt, erklärte er, das Volk sei entschlossen, die dschihadistische Barbarei zu besiegen. „Der Krieg, den wir führen müssen, muss total sein“, sagte er, „nichts kann sein wie zuvor“. Sarkozy forderte „größere Änderungen“ in der Sicherheitspolitik Frankreichs und drückte damit aus, dass er die bisherigen Vorkehrungen der Regierung für ungenügend hält. Er werde alle Entscheidungen unterstützen, die zu einer drastischen Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen führten, fügte er an. Die Aufgabe des Staates sei es, das Leben seiner Bürger zu schützen. Die Nation stehe geschlossen da, Frankreich sei groß durch seine Werte, seine Identität und sein Volk. Frankreich werde diese Probe bestehen mit Kaltblütigkeit, Entschlossenheit und Stärke. Sarkozy trat bei seiner Rede etwas angestrengt in der Haltung eines Präsidenten auf. Er schloss mit den Worten: „Es lebe die Republik! Es lebe Frankreich!“

Le Pen: Terrorverdächtige ausbürgern und ausweisen

Schließlich ließ sich, am Samstag um 15 Uhr, auch Marine Le Pen vernehmen, die Führerin des Front National und ebenfalls Kandidatin für das Präsidentenamt. Frankreich und die Franzosen seien nicht mehr in Sicherheit, stellte sie fest, Notmaßnahmen seien erforderlich. Frankreich müsse endlich feststellen, wer seine Verbündeten und wer seine Feinde seien. Feinde seien diejenigen Staaten, die Beziehungen zum radikalen Islamismus unterhielten – das war ein Spitze gegen Sarkozy, der seine Kontakte in arabischen Golfstaaten pflegt. Feinde seien auch die Staaten mit einer zwiespältigen Haltung zu terroristischen Unterfangen. Freunde seien all die, die sich gegen die Terroristen stellten, und sie müssten als solche behandelt werden – das war eine Reverenz an den russischen Präsidenten Putin, der die französischen Rechtspopulisten finanziell unterstützt. Es sei richtig, die Grenzen zu sperren; Frankreich müsse die Hoheit über diese definitiv wieder gewinnen, egal was die Europäische Union dazu meine. Ohne Grenzen gebe es keinen Schutz und keine Sicherheit.

Frankreich sei verwundbar gemacht worden und müsse sich neu wappnen, fuhr Le Pen fort. Seit langer Zeit würden die Sicherheitskräfte planmäßig geschwächt, trotz vorhersehbarer und wachsender Bedrohungen. Der Staat müsse seine vordringliche Aufgabe, den Schutz seiner Bürger, wieder erfüllen. Der islamistische Fundamentalismus müsse vernichtet werden. Islamistische Organisationen seien zu verbieten, radikale Moscheen zu schließen und Ausländer auszuweisen, die Hass verbreiteten, und ebenso alle heimlichen Aufenthalter. Franzosen, die sich an islamistischen Umtrieben beteiligten, müssten ausgebürgert und ausgewiesen werden; das fordert auch das Parteiprogramm des Front. Le Pen rief so wie Hollande und Sarkozy zur Einheit der Nation auf. Starkes und unerbittliches Handeln sei nötig, um Sicherheit und Einigkeit zu bewahren.