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Schwierige Schätzungen des TTIP-Effekts

Der Nutzen des Freihandels wird unterschätzt

von Claudia Aebersold Szalay / 16.06.2016

Die positiven Effekte einer Freihandelszone zwischen der EU und den USA seien minimal, monieren deren Gegner. Dabei unterschätzen selbst die Befürworter deren Wohlfahrtspotenzial.

Befürworter einer Freihandelszone zwischen der EU und den USA sind von deren Nutzen überzeugt. Doch sie tun sich schwer damit, die Vorteile zu quantifizieren, welche eine Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP), wie sie derzeit von der EU und den USA ausgehandelt wird, für beide Wirtschaftsräume hätte. Tatsächlich liegen die Schätzungen der Studien zu den Wohlfahrtseffekten von TTIP weit auseinander. So prognostiziert die optimistischste Untersuchung für die EU einen Effekt auf das Bruttoinlandprodukt (BIP) von fünf Prozent, während die pessimistischste Studie von einem negativen Effekt von 0,5 Prozent ausgeht.

Wie weit wird TTIP gehen?

Gründe für die weite Bandbreite dieser Schätzungen gibt es viele. Der offensichtlichste dabei ist die Tatsache, dass die Verhandlungen zu TTIP noch in vollem Gange sind, weshalb noch nicht klar ist, wie weit das Abkommen gehen und welche Bereiche es umfassen wird. Lediglich bei den Zöllen, die mit wenigen Ausnahmen vollständig abgebaut werden sollen, herrscht bereits eine gewisse Sicherheit. Bei den sogenannten nichttarifären Handelshemmnissen aber, also den bürokratischen Hürden für den transatlantischen Handel wie Zollformalitäten oder technischen Vorschriften, tappen die Forscher noch im Dunkeln, da die Verhandlungen dazu noch kaum Schlüsse auf das Endresultat zulassen. So müssen sämtliche Studien diesbezüglich Annahmen treffen, die eine mehr oder weniger starke Liberalisierung des Handels zwischen der EU und den USA voraussetzen.

Darüber hinaus unterscheiden sich die Untersuchungen auch hinsichtlich des angewandten ökonomischen Modells, des Zeithorizonts, der unterstellten Branchenstruktur sowie bezüglich Annahmen über Marktverhältnisse oder Arbeitslosigkeit. Grob gesprochen, operieren einige mit klassischen Modellen der allgemeinen Gleichgewichtstheorie, andere mit erweiterten Modellen, und eine einzige Studie arbeitet mit einem traditionellen keynesianischen Modell. Letztere ist auch die einzige Studie, die für die EU einen negativen Wohlfahrtseffekt voraussieht. Kritiker werfen ihr vor, ein für die Analyse von TTIP nicht geeignetes Modell zu verwenden, da es den Außenhandel, also genau die Zölle und nichttarifären Handelshemmnisse, um die es bei TTIP geht, nicht erfasse.

Alle anderen Studien gehen von einem mehr oder weniger großen positiven Wohlfahrtseffekt aus. Doch auch bei ihnen sind die TTIP-Kritiker schnell zur Stelle. Eine Steigerung des BIP-Niveaus von wenigen Prozentpunkten sei kaum der Rede wert, ist im Lager der Freihandelsgegner zu hören. Dass dem nicht so ist, veranschaulicht eine einfache Grafik. Die untere Linie zeigt den Wachstumspfad des Bruttoinlandsproduktes eines Wirtschaftsraums (etwa der EU) ohne TTIP. Kommt es zu Handelsliberalisierungen, wächst die Volkswirtschaft vorübergehend mit höheren Wachstumsraten als zuvor, weil der zunehmende Handel die Wirtschaft belebt. Irgendwann sind sämtliche Liberalisierungsschritte durch TTIP umgesetzt, und die Volkswirtschaft wächst wieder mit den gewohnten Raten. Das Freihandelsabkommen verschiebt also das BIP-Niveau nachhaltig. Egal ob diese Verschiebung nun klein oder groß ist, sie hat einen permanenten Einfluss auf die Wohlfahrt des Landes.

Unbeachtetes Potenzial

Dazu kommt, dass sämtliche Modelle, die die TTIP-Effekte schätzen, statischer Natur sind. Sie vernachlässigen demnach dynamische Auswirkungen, die dem Freihandel ebenfalls zugeschrieben werden. Dazu zählen etwa der technische Fortschritt, der entsteht, wenn durch die offenen Grenzen neue Ideen ins Land kommen, oder das bessere Humankapital, das daraus resultiert, dass durch den zusätzlichen Austausch mit dem Ausland nicht nur Güter und Dienstleistungen, sondern auch neues Wissen „importiert“ wird. Diese dynamischen Effekte können beachtlich sein, bedenkt man, dass sowohl der zunehmende Austausch von Wissen und Ideen als auch der gestiegene Konkurrenzdruck den Fortschritt begünstigen können. Diese Effekte hätten aber einen Einfluss auf die Wachstumsrate des BIP, weshalb die Kurve in der Grafik mit TTIP nach der vollständigen Umsetzung der Handelsliberalisierung steiler verlaufen könnte als jene ohne TTIP. Da alle Schätzungen diese dynamischen Effekte nicht enthalten, stellen deren Resultate die Untergrenze des erwarteten Wohlfahrtseffekt dar – ein Grund mehr, die positiven Auswirkungen einer Freihandelszone zwischen der EU und den USA trotz Messschwierigkeiten der Modelle nicht zu unterschätzen.