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Frankreichs Präsident Hollande

Der Praktikant im Élysée-Palast

von Adrian Lobe / 28.01.2016

François Hollande wollte aus seiner Präsidentschaft eine „présidence normale“ machen. Doch was wie eine revitalisierende Reform wirken sollte, entpuppte sich als Selbstverzwergung.

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass François Hollande 2007 zum Staatspräsidenten der Französischen Republik gewählt wurde. Der aussichtsreichste Bewerber der Sozialisten, Dominique Strauss-Kahn, hatte sich mit einer Sex-Affäre ins Abseits manövriert. Die zum Plebiszit stilisierte Präsidentschaftswahl war auch nicht wirklich eine Wahl Hollandes, sondern eine Abwahl Sarkozys. Doch wie konnte aus diesem netten Herrn aus der Corrèze, der gerne lacht und Witze macht, der unpopulärste Politiker Frankreichs werden?

Erwartungen enttäuscht

Die Journalistin Françoise Fressoz, Redakteurin bei Le Monde und Chronistin des politischen Geschehens, analysiert in ihrem Buch „Le stage est fini“ („Das Praktikum ist beendet“) die ersten drei Jahre einer turbulenten Präsidentschaft. Ihre These ist, dass Hollande erst nach zweieinhalb Lehrjahren in das Amt gefunden habe. Es begann schon mit dem offiziellen Foto, das in 36.000 Amtsstuben des Landes hängt: Das Porträt zeigt Hollande mit herunterhängenden Armen im Garten des Élysée-Palasts – erstmals wurde das Foto nicht im Inneren aufgenommen –, er wirkt mehr wie ein Besucher als ein Hausherr. Der Präsident ist im Institutionengefüge aber noch immer so etwas wie ein republikanischer Monarch, seine Vollmachten muten nachgerade absolutistisch an: Er ernennt die 70 Direktoren staatlicher Institutionen, vom Wetterdienst bis zur Banque de France. Selbst die Unsterblichen der Académie française brauchen seine Weihen. Dementsprechend sind die Erwartungen im Volk an einen starken Mann. Hollande wollte mit einer „présidence normale“ mit dem Erbe Sarkozys brechen und die Kompetenzen des Ministerpräsidenten stärken. Doch was wie eine revitalisierende Reform wirken sollte, entpuppte sich als Selbstverzwergung. Hollande fremdelte anfangs sichtbar gegenüber den Insignien der Macht.

Zu viel Mensch, zu wenig König

Die Journalistin führt eine Anekdote an, die dies illustriert: In den ersten Amtstagen bekommt Hollande im Élysée-Palast Besuch von einem Vertrauten. Der Präsident fragt den Gast scherzhaft: „Hier, schau mal, setz dich auf meinen Sessel, wie wirkt das auf dich?“ Hollande habe noch nicht verstanden, dass man diesen Stuhl nicht benutzt, dass man nicht lacht und dass das Dekor Distanz und zugleich Schutz ist. „Er versteht nicht, dass er, indem er das Königtum torpediert, sich selbst zu Fall bringt“, schreibt Fressoz. Zu sehr Mensch und zu wenig König, wie Ludwig XVI., habe sich Hollande selbst entthront. Hollande, der Praktikant im Élysée-Palast, stolpert über Peinlichkeiten und Petitessen wie die kompromittierende SMS seiner Ex-Gattin Valérie Trierweiler. Volle 31 Monate dauert es, bis Hollande an Statur gewinnt. Nach dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo ist der Präsident dann zur Stelle, er zeigt Stärke und findet die richtigen Worte.

Françoise Fressoz hat ein sehr kluges und anschauliches Buch über die Präsidentschaft Hollandes geschrieben, das ohne die übliche Häme der politischen Beobachter auskommt. Am Ende bleibt ein differenziertes Bild eines Präsidenten, dem nicht nur Vertraute deutlich mehr politischen Sachverstand zusprechen als seinem Vorgänger und möglichen Nachfolger Nicolas Sarkozy.

Françoise Fressoz: Le stage est fini. Albin Michel, Paris 2015. 263 S.