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Interview

„Der Putsch hat Erdogans Schwächen blossgelegt“

von Ueli Kneubühler / 01.08.2016

Sevket Pamuk, Direktor am Atatürk-Institut für moderne türkische Geschichte und Bruder des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk, über die Folgen des Putsches für die türkische Wirtschaft.

NZZ am Sonntag: Präsident Recep Tayyip Erdogan hat 1600 Hochschul-Dekane zum Rücktritt aufgefordert. Was bedeutet das für Sie?

Sevket Pamuk: Ich kann weiterhin arbeiten. Wir erwarten an den Universitäten aber, dass wir dezimiert werden durch Verfolgungen und Haft jener Kollegen, bei denen eine Verbindung zum Gülen-Netzwerk vermutet wird. Die Regierung traf eine ungeschickte Entscheidung mit der Suspendierung der Dekane. Das führte vor allem im Ausland zu einem Schock. Von den meisten Dekanen wird aber erwartet, dass sie in den nächsten Wochen oder Monaten wieder in ihre Positionen zurückkehren werden.

Der Aktienmarkt brach nach dem versuchten Putsch ein, die türkische Lira verzeichnete grosse Kursverluste. Wie geht es weiter?

Unter der Regierungspartei für Gerechtigkeit und Aufschwung AKP von Präsident Erdogan verzeichnete die Türkei bis etwa 2008 ein starkes Wirtschaftswachstum, assistiert von der Kandidatur für die EU-Mitgliedschaft.

Was geschah dann?

Die AKP begann vor rund sechs Jahren, ökonomische Ziele und Entwicklungen zur Seite zu schieben, und versuchte stattdessen, ihre Macht zu konsolidieren. Sie setzte Medien unter Druck, übernahm grosse Teile des Justiz-Apparates und verfolgte Militärangehörige. Seither wächst die Wirtschaft langsamer, das durchschnittliche Einkommen pro Kopf sank, und die Arbeitslosenrate stieg.

Wo sehen Sie direkte Effekte auf die türkische Wirtschaft durch den versuchten Coup?

Kurz- und mittelfristig ist der Militärputsch für die Wirtschaft wie ein Erdbeben. Er wird sie verletzen und hat die Türkei und den internationalen Finanzmarkt stark getroffen. Wie sich die Lage entwickelt, hängt von der Politik ab. Eine noch stärker autoritär agierende Regierung ist schlecht für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Dieses Modell wird nicht zu neuem Wachstum führen. Darüber sind sich mittlerweile auch die internationalen Märkte einig.

Und wenn der Putsch wider Erwarten zu einer Annäherung der politischen Akteure führt?

Dazu müssten die Institutionen gestärkt und der Druck von den Medien genommen werden. Es ist schwer abzuschätzen, was davon umgesetzt werden kann. Der Putsch hat Erdogans Schwächen blossgelegt. Bis vor einem Monat glaubte er sich allmächtig. Nun ist klar, dass er nicht so stark war, wie er schien. Wir werden sehen, wie weit er gewillt ist, mit Gegenspielern und den politischen Parteien einen Konsens zuerreichen, oder ob er weiter seiner Agenda folgt.

Die internationalen Medien haben noch nicht verstanden, was im Putsch wirklich passierte.

Wie realistisch ist das?

Folgt Erdogan seinem bisherigen Pfad, bin ich nicht optimistisch, was die langfristige wirtschaftliche Entwicklung angeht. Es ist wenig Transparenz vorhanden, und die Korruption ist hoch. Noch grösser ist vielleicht das Problem, wie die gülenistischen Elemente aus dem Militär entfernt werden können. Es ist wichtig für die Türkei, eine Armee ohne Putschisten-Elemente zu schaffen. Nach der versuchten Machtübernahme waren die meisten Türken überrascht, wie stark das Militär von den Gülen-Anhängern unterwandert ist. Die internationalen Medien haben noch nicht verstanden, was im Putsch wirklich passierte.

Das Wachstumsziel für 2016 liegt bei 4,5%.

Es wird sicherlich tiefer ausfallen. Ich schätze, dass es zwischen 3% und 3,5% liegen wird.

Kreditausfallversicherungen und Währung erholen sich wieder langsam. Gibt es Gründe dafür?

Das scheint mit Entscheiden von vergangenem Wochenende zusammenzuhängen. Die Parteiführer der Parlamentsparteien hatten eine Sitzung mit Erdogan und Premierminister Binali Yildirim. Es sieht danach aus, als hätten diese Parteien einen Konsens erreicht bezüglich verschiedener zentraler Themen. Wir müssen abwarten, ob diese Einigkeit weiter besteht, die Parteien moderat zusammenarbeiten und keinen Vorteil aus der Situation zu ziehen versuchen.

Erdogan, der Konsenspolitiker?

Es ist schwer zu glauben, dass sich Erdogan ändert, nachdem er in den letzten Jahren immer autokratischer wurde. Aber er ist ebenfalls ein Pragmatiker. Er stand kurz davor, all seine Macht zu verlieren.

War er sich dessen bewusst?

Wir alle dachten, dass Erdogan die Gülenisten für den Putsch verantwortlich machte, diene der Festigung seiner Position. Ich habe meine Sicht der Dinge geändert. Ich denke, dass sich Erdogan der Gefahr der Gülenisten bewusst war. Niemand in der Türkei vermutete, dass das Militär derart infiltriert war. Laut Schätzungen sympathisierten bis zu zwei Drittel der Offiziere mit der Gülen-Bewegung.

Die Türkei produziert in Lizenz viele Autos etwa für Renault, Fiat oder Ford. Von den jährlich 1,6 Mio. gefertigten Wagen geht rund 1 Million in den Export. Reagiert die Autoindustrie schon auf die Veränderungen?

Ich glaube nicht, dass die Multis bereits Wegzugsentscheidungen treffen. Am Ende des Tages hängt ihre Produktion von der Nachfrage ab. Die meisten Autos sind für den Export bestimmt. Wenn sich die Lage deutlich verschlechtert, dann werden die Konzerne aber sicher nicht noch mehr investieren, oder sie suchen sich andere Produktionsorte.

Könnte nach der Einigung im Atomstreit Iran als alternativer Produktionsstandort ins Blickfeld geraten?

Da gibt es andere Länder, die vorher als Produktionsstandort infrage kämen.

Die Tourismusindustrie ist für die Türkei ein sehr wichtiges Standbein, und das ist eingeknickt. Wie will man wieder Fuss fassen?

Der internationale Tourismus ist um 40% bis 50% eingebrochen. Kurzfristig wird sich die Industrie damit arrangieren und auf eine Stabilisierung im nächsten Jahr hoffen. Trifft diese ein, dann kann sich die Tourismusbranche ab nächstem Frühling wieder aufrappeln. Für dieses Jahr ist es zu spät.

Wird die türkische Bevölkerung weiterhin konsumieren oder erst einmal abwarten?

Wir werden gewisse Effekte sehen, aber für eine Prognose ist es zu früh. Zumindest erwarte ich keine Rezession. Wichtiger als der Binnenkonsum wird das Investitionsverhalten der Unternehmen sein. Dieses verlangt mehr Vertrauen und hängt davon ab, ob Erdogan opportunistisch oder konsensorientiert agieren wird.