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Türkei-Russland

Der Sultan und der Zar mögen sich nicht mehr

Meinung / von Daniel Steinvorth / 02.12.2015

Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin beschuldigen einander, die Terrormiliz IS zu finanzieren. Die Wahrheit ist etwas komplizierter. Ein Kommentar von NZZ-Auslandsredakteur Daniel Steinvorth.

Wären Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin zwei besonnene und vernunftgeleitete Interessenvertreter ihrer Länder, man müsste sich keine Sorgen machen um die türkisch-russischen Beziehungen. Zu gewichtig sind die jeweiligen Wirtschaftsinteressen, dass bisher nicht einmal der Syrien-Konflikt Ankara und Moskau trotz konträren Positionen ernsthaft entzweite. Zudem verstanden sich die Autokraten augenscheinlich auch menschlich gut, wie Beobachter meinten: Ihr breitbeiniges Imponiergehabe schien die beiden Aufsteiger aus rauen Verhältnissen irgendwie zusammenzuschweißen. Ein großer Irrtum.

Seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei am vergangenen Dienstag ist die Männerfreundschaft in pure Verachtung umgeschlagen. So weigert sich Putin, mit Erdoğan zu sprechen, ehe sich dieser nicht für den Abschuss entschuldigt. Doch will Erdoğan davon nichts wissen, woraufhin Putin Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei ankündigte und den Ton verschärfte: Nicht nur habe Ankara den Kampfjet grundlos abgeschossen. Die türkische Regierung, sagte Putin, sei zudem ein Alliierter des Islamischen Staats (IS) und tue alles dafür, die Ölexportrouten der Extremisten zu sichern. Aus den vom IS und von „anderen Terroristen“ (worunter Putin de facto alle Rebellen versteht) kontrollierten Gebieten werde massiv Öl in die Türkei geliefert. Erdoğan erwiderte, dass er sofort zurücktreten werde, wenn ihm Putin Beweise vorlege.

Dabei verschweigt der russische Präsident, dass sein eigener Verbündeter Baschar al-Assad nicht weniger vom Ölhandel mit dem IS profitiert. Längst kontrolliert das „Kalifat“ den Großteil der syrischen Öl- und Gasfelder, sodass selbst das Assad-Regime und die Rebellen über Zwischenhändler auf die billigen Öllieferungen des IS angewiesen sind. Ein ebenso offenes Geheimnis ist die Abnahme des Rohöls von türkischer Seite. Zur Finanzierung des Terrors tragen alle bei. Doch dürften sich Putin und Erdoğan mit solchen Finessen nicht weiter aufhalten. Weil sie in ihrem „Ehrgefühl“ verletzt sind, ist vom „Zaren“ und vom „Sultan“ vorerst nichts Gutes zu erwarten.