APA/EUROP€ISCHES FORUM ALPBACH/ANDREI PUNGOVSCHI

Der unheimliche Yanis Varoufakis

Gastkommentar / von Patrick Minar / 07.09.2016

Politiker haben es schwer, Beobachter und Kommentatoren zu beeindrucken. Noch seltener gelingt es ihnen, so etwas wie Beklemmung auslösen. Viel zu abgeklärt ist man, viel zu schwach und lächerlich sind die meisten Politiker unserer Zeit. Inhaltsleere paart sich oftmals mit rhetorischer Schwäche und mangelnder Ausstrahlung.

Anders verhielt es sich zuletzt beim europäischen Forum Alpbach, als der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis den Ring bestieg. Lässig in T-Shirt unterm Sakko, mit Doc Martens an den Füßen, raumfüllend betrat er den Raum, gefüllt mit zahlreichen, großteils jungen Zuhörern. Wie ein Popstar wurde er um Autogramme gebeten, Selfies wurden geschossen und Bravo-Rufe waren zu hören.

Varoufakis absolvierte zwei Diskussionsveranstaltungen in Alpbach – einmal traf er auf den deutschen ifo-Chef Clemens Fuest, einmal u.a. auf Agenda Austria Chef Franz Schellhorn und den deutschen Ökonom und Politiker Bernd Lucke. Beide Panels waren sicherlich Highlights des diesjährigen Forums – qualitativ hochstehend und spannend.

Wirklich faszinierend war die Performance von Varoufakis. Während Fuest, Lucke und Schellhorn durch bestechendes Faktenwissen und klaren Argumenten zu glänzen wussten – die man natürlich nicht teilen muss –, gehörte die Bühne dennoch dem unheimlichen Varoufakis. Grundeinkommen, Eurobonds, Essensmarken für die Armen, flächendeckende Enteignung von Unternehmen zur Finanzierung sozialer Leistungen, alles war da, was des linken Wutbürger Herz höher schlagen lässt. Sein Faszinosum liegt jedoch nicht am Inhalt. Er bleibt bei all seinen Ausführungen extrem vage und unklar, schwebt vielmehr rhetorisch brillant über allen anderen. Würde man ad hoc nach der Veranstaltung 200 Besucher fragen, worin denn genau der Plan Varoufakis liege, würde man wahrscheinlich 200 unterschiedliche Antworten bekommen – aber jeder fände den Plan gut.

Seine unglaubliche, fast beklemmende Stärke ist sein Charme, seine Fähigkeit die Zuhörer mit einer sonoren, eindrucksvollen Stimme zu fesseln und ihnen glaubhaft das Gefühl zu vermitteln, eine Vision von Europa, von der Wirtschaft zu haben. Er trifft direkt in den Bauch seiner Fans, während seriöse Analytiker um die Köpfe der Menschen ringen. Ein Populist der perfekten Art, ein Terminator von einem anderen Stern, der den Menschen zeigt, wo es lang geht.

Solche Menschen machen Angst. Aus seinem Holz sind große Verführer geschnitzt, die starken Männer der Geschichte, denen die Menschen blind folgen, weil sie sich in seinen Armen Heil erhoffen. Wie ein Hohn klingt das diesjährige Motto der „Neuen Aufklärung“ angesichts derart unreflektierten Zuspruchs linksdralliger Zuhörer, die bar jeder kritischen Reflexion einem gnadenlosen Blender und Demagogen auf den gutmenschigen Leim gehen.

Wenn Menschen wie Varoufakis tatsächlich unsere Zukunft sind, haben wir verloren.

 

Patrick Minar ist Partner der in Wien ansässigen Kommunikationsagentur Schneider Minar Jenewein Consulting (www.smj.at). Unter @patrickminar auch auf Twitter aktiv.