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Nationalist Vojislav Seselj

Der Vater von Serbiens Rechtsextremen

von Andreas Ernst / 01.04.2016

Der vom ICTY freigesprochene Nationalist Vojislav Šešelj beschäftigt heute mehr den serbischen Boulevard als die Politik. Er bereitete aber der heutigen politischen Führung den Weg an die Spitze.

Nicht ruhig im Bett sterben wolle er, sondern Spuren in der Geschichte hinterlassen, sagte Vojislav Šešelj, als er sich 2003 aus freien Stücken dem UNO-Kriegsverbrechertribunal ICTY stellte. Die Vaterfigur der extremen Rechten Serbiens schien irgendwie darauf erpicht, eine neue Bühne zur Selbstdarstellung zu erhalten. Er werde dieses Gericht ruinieren, fügte er bei, und darauf freue er sich. Eine Blamage ist sein Freispruch für das Tribunal allemal.

Gestoppte Karriere

Šešelj wurde 1954 in einfachen Verhältnissen als Sohn eines Eisenbahners in Sarajevo geboren. Der begabte Schüler nahm 1973 ein Rechtsstudium in seiner Heimatstadt auf, das er 25-jährig mit einer Dissertation über die „Politische Essenz von Militarismus und Faschismus“ abschloss. Seine Entwicklung vom aktiven Kommunisten zum rechtsextremen serbischen Nationalisten ist von Konflikten begleitet, die er mit Vorgesetzten austrug: Er zweifelte öffentlich an deren Kompetenz, wodurch er sich sein Fortkommen in der akademischen Welt verbaute. 1981, das jugoslawische Krisenjahrzehnt hatte begonnen, wurde er aus der Liga der Kommunisten geworfen. Er wurde mehrmals inhaftiert, saß in Isolationshaft und unternahm Hungerstreiks, so dass westliche Medien auf ihn aufmerksam wurden. Er galt nun als Opfer und als antikommunistischer Dissident. Manche Beobachter glauben, dass seine ans Pathologische grenzenden Züge, wie der manische Geltungsdrang und der unbändige Redefluss, aus jenen Jahren stammen.

Als die Zentralgewalt Jugoslawiens sich 1990 in Auflösung befand, gründete Šešelj die Tschetnik-Bewegung. Ihr Ziel war die Vereinigung aller Serben in einem Land, das neben Serbien auch Mazedonien, Teile von Bosnien und Kroatien umfassen sollte. Er überwarf sich mit seinen Mitstreitern und gründete 1991 die Radikale Partei, die er absolut dominierte. Als deren Führer organisierte er Hetzkampagnen gegen alles Nichtserbische und gründete bewaffnete Freiwilligen-Verbände zur Verfolgung seiner politischen Ziele.

Drang zur Selbstdarstellung

Serbiens Premierminister Aleksandar Vučić ist ein politischer Zögling von Šešelj.
Credits: AFP / ANDREJ ISAKOVIC

Neben Šešeljs Fanatismus erschien Milosević als gemäßigter und rationaler Politiker. Diese Rollenteilung passte beiden und prägte im Westen das Bild serbischer Politik. Nach dem Fall Milosevićs im Jahr 2000, dessen Stellvertreter Šešelj am Schluss war, wurden die Radikalen zu einer wichtigen Oppositionspartei, die ihren Rechtspopulismus mit sozialen Themen kombinierte. Nach dem Weggang ans ICTY entglitten Šešelj zunehmend die Zügel. Sein politischer Zögling, der jetzige Ministerpräsident Aleksandar Vučić, inszenierte den Putsch. Als Resultat dieses „Vatermordes“ wurde die Partei auf prowestlichen Kurs gebracht und der EU-Beitritt als Oberziel gesetzt. Vučić distanziert sich seither von seiner Vergangenheit als Groß-Serbe. Šešeljs gesundheitsbedingte Entlassung aus Den Haag 2014 zeigte schnell, dass sein Stern gesunken ist. Er unterzieht sich seither einer Krebstherapie und bewegt mehr den Boulevard als die Politik. Diese wird fast vollständig vom Programm und der Person seines abtrünnigen Gefolgsmanns Vučić dominiert. Sein Hang zur autoritären Herrschaft prägt das Land heute stärker als Šešeljs gescheiterte Träume von serbischer Größe.