FABRIZIO BENSCH / Reuters

Deutsche Milchbauern im Jammertal

von Christoph Eisenring / 31.05.2016

Sind die Milchpreise niedrig, rufen auch deutsche Bauern nach dem Staat. Berlin hat an einem „Milchgipfel“ beschränkte Hilfen in Aussicht gestellt. Ein Instrument aus der planwirtschaftlichen Mottenkiste ist zudem weiter im Einsatz.

Bei Coop in der Schweiz gibt es den Liter Vollmilch schon für umgerechnet 1,8 Euro. Die Preisdifferenz zu Deutschland bleibt aber groß: Jüngst haben Großverteiler wie Aldi, Lidl oder Rewe die Preise für ihre Eigenmarken auf nur noch 46 Cent je Liter gesenkt. Die Vollmilch der Molkerei Hemme aus der ostdeutschen Uckermark allerdings kostet im Rewe-Supermarkt um die Ecke seit zwei Jahren 1,09 Euro pro Liter. Molkereichef Gunnar Hemme setzt mit seinen 25 Angestellten auf lokale Produktion und regionalen Absatz.

Er hat das geschaffen, was Landwirtschaftsminister Schmidt (CSU) stets predigt: eine eigene Marke mit lokaler Identität. Die Molkerei bezieht ihre Milch von drei Betrieben, die 350 bis 700 Kühe haben. Natürlich hat auch Hemme den Absatz im Blick, doch bis jetzt laufe es noch gut, sagt er im Gespräch. Er hat mit seinen Landwirten ein Modell vereinbart, das die Preise glättet: In Zeiten niedriger Milchpreise wie jetzt zahlt er ihnen mehr als die Großmolkereien, bei hohen Preisen dagegen weniger. Dafür, dass die Kühe nur mit gentechnikfreiem Futter versorgt werden, gibt es zudem einen Zuschlag von einigen Cents.

Milchgipfel als Pflästerlipolitik

Hemme hält wenig von politischem Aktivismus, wie er derzeit an „Milchgipfeln“ – am Freitag in Bern, am Montag in Berlin – zelebriert wird. Er setzt darauf, dass der Markt mit der Zeit wieder „in Ordnung kommt“. Im März erhielt ein deutscher Bauer im Schnitt 27 Cent pro Kilo Milch. Zuletzt sollen aber einzelne Molkereien weniger als 20 Cent bezahlt haben. Die Produktionskosten vieler Betriebe liegen deutlich darüber, sodass sie Defizite anhäufen. Vor zwei Jahren hatten die Bauern noch über 40 Cent je Kilo erhalten.

Was steckt hinter dem Preisverfall? Zunächst haben deutsche Landwirte in den letzten Jahren auch mit staatlicher Förderung viel investiert. Dies geschah im Hinblick darauf, dass Ende März 2015 die Mengenbeschränkungen in der EU (Quoten) aufgehoben wurden.

Von 2008 bis 2015 stieg die deutsche Milchproduktion um 14 Prozent. Fast die Hälfte der Milch wird exportiert – das Land führt mehr Käse aus als Frankreich. Wichtiger werden dabei die Märkte in Nordafrika, im Nahen Osten und besonders in Asien. Gerade dort misst man sich mit preisgünstigen Konkurrenten wie Neuseeland. Diese Strategie muss nicht falsch sein, falls man damit verbundene Preisschwankungen aushalten kann.

Auf dem Milchmarkt ist aus Sicht der Bauern jüngst einiges zusammengekommen: Da ist das von Putin verhängte Embargo für Landwirtschaftserzeugnisse aus der EU als Reaktion auf die Sanktionen. Dazu kommt der gedrosselte Appetit auf Milchprodukte in Asien und den erdölexportierenden Staaten. Die EU ist hinter Neuseeland der zweitgrößte Exporteur von Milch, noch vor den USA.

Zwar entlädt sich die Wut der Politiker auch dieses Mal an den Supermärkten und ihrem angeblich „ruinösen Preiskampf“. Doch die niedrigen Milchpreise sind das Resultat davon, dass es auf den Exportmärkten hinkt, was dann auf den inländischen Preis durchschlägt.

Erst wenn die Bauern und Molkereien ihr Angebot der Nachfrage anpassen und weniger effiziente Betriebe verschwinden, werden sich die Preise wieder erholen. Der Verband der Milchviehhalter hat dagegen gefordert, dass Bauern Boni erhalten, wenn sie weniger produzieren. Und der Einzelhändler Lidl hat sogar eine Milch-Sondersteuer vorgeschlagen.

Mehr Staat wäre jedoch genau die falsche Therapie für eine Branche, die von staatlichen Preisstützungen langsam entwöhnt wird. Am Milchgipfel hatten solche Vorschläge zum Glück keine Chance. Stattdessen will Berlin gefährdeten Bauern Liquiditätshilfen und Bürgschaften geben. Das Programm soll mindestens 100 Millionen Euro kosten – der Bauernverband plädierte für das Zehnfache. Es wäre anderen Branchen wie dem Tourismus aber schwer zu vermitteln, wenn der Staat den Bauern, die weiterhin Milliarden an Direktzahlungen aus Brüssel erhalten, zusätzlich mit namhaften Summen unter die Arme griffe.

Halb so viele Betriebe wie 2000

Den Strukturwandel wird kein Milchgipfel stoppen. Im Jahr 2000 gab es noch 139.000 Milchviehhalter, derzeit sind es mit 73.300 noch halb so viele. Hemme zeigt eine mögliche Strategie, wie man durch Kundenbindung Mehrwert schafft. Auch die Produzenten von Biomilch haben gut lachen, weil der Preisabstand zur konventionellen Milch noch nie so groß war. Beides sind indes Nischen, da nur ein Teil der Konsumenten zu teureren Produkten greift. Der Bioanteil in der Produktion liegt in Deutschland bei drei Prozent – in der kaufkräftigen Schweiz bei 6,4 Prozent (Österreich: 15 Prozent).

Ein Überbleibsel aus der alten Zeit mit Quoten und Preisgarantien ist zudem bereits im Einsatz, ohne dass groß darüber gesprochen würde. So hat die EU am Milchmarkt interveniert. Die Molkereien konnten im laufenden Jahr in mehreren Durchgängen Magermilchpulver für umgerechnet 22 Cent je Kilo Milch an die EU verkaufen, das dann eingelagert wird.

2016 hat die EU den Molkereien bereits 215.000 Tonnen abgenommen, eine Erhöhung auf 350.000 Tonnen ist im Gespräch. Zum Vergleich: Deutschland produziert pro Jahr 380.000 Tonnen Milchpulver. Vertreter der Milchbranche verteidigen die Intervention damit, dass es sich um ein Sicherheitsnetz auf niedrigem Niveau handle. Nach der Abschaffung der Quote wäre jedoch der nächste logische Schritt, dass auch die Intervention ganz entfiele, damit Milchseen und Butterberge endgültig der Vergangenheit angehören.