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Unerwartete Zunahme

Deutschlands Bevölkerung schrumpft nicht, sie wächst

Gastkommentar / von Andreas Rinke / 09.05.2016

Jahrelang hat sich die deutsche Politik auf eine schrumpfende Bevölkerung eingestellt. Zu wenig beachtet wurde, dass Deutschland als Wirtschaftsmotor Europas sehr viele Menschen anzieht. Ein rasches Umdenken tut not. Ein Gastbeitrag von Andreas Rinke und Christian SchwägerlAndreas Rinke und Christian Schwägerl sind politische Journalisten in Berlin und Autoren des bei Bertelsmann 2012 erschienenen Buches „11 drohende Kriege“. .

Der Zustrom von Flüchtlingen hat in Deutschland in den vergangenen Monaten historische Dimensionen angenommen und vor allem die Kommunen bei der Unterbringung der Menschen vor riesige Aufgaben gestellt. Doch der akute Schub an Zuzüglern ist nur ein Element in einer größeren Trendwende. Von den 2 Millionen Menschen, die 2015 zugewandert sind, war ein erheblicher Teil eben nicht auf der Flucht.Es handelte sich vielmehr um reguläre Zuwanderer – aus EU-Ländern, aber auch aus anderen Weltteilen. Zieht man die Zahl der Weggezogenen ab, hat sich die deutsche Bevölkerung um 1,14 Millionen Menschen auf rund 82 Millionen vergrößert.

Falsche Prognosen

Diese Entwicklung erwischt die Deutschen komplett auf dem falschen Fuß. Über viele Jahre hinweg haben sich die deutschen Parteien darauf eingestellt, dass die Bevölkerungsentwicklung nur eine Richtung kennt – nach unten. Gestützt wurde die Politik der Schrumpfung von demografischen Prognosen, von denen die pessimistischsten einen Bevölkerungsstand von 60 Millionen zur Mitte des Jahrhunderts vorhersagten. Das hat dafür gesorgt, dass politische Entscheidungen genau in die falsche Richtung gingen: Es wurden zu wenige Wohnungen gebaut, zu wenige Lehrer ausgebildet, zu wenige Polizisten angestellt.

Natürlich konnte niemand das Ausmaß des Flüchtlingszustroms voraussehen. Aber absehbar war sehr wohl, dass die Bevölkerungsstatistik seit Jahren von falschen Prognosen ausgegangen war. Schon ab 2011 – und damit lange vor der Ankunft der syrischen Kriegsflüchtlinge – hat die Zuwanderung deutlich zugenommen. Netto kamen jeweils mehrere hunderttausend Menschen ins Land. Dank seiner wirtschaftlichen Stärke wirkt Deutschland wie ein Magnet in der Mitte Europas. Viele junge Menschen aus krisengebeutelten Süd- und Ostländern der EU finden in Deutschland einen Job und eine gesicherte Existenz.

Dank seiner wirtschaftlichen Stärke wirkt Deutschland wie ein Magnet in der Mitte Europas.

Es gibt zahlreiche Gründe, warum die deutsche Politik sich schwertut, das Schrumpfungs-Dogma der vergangenen Jahre abzulegen. Ein Grund ist, dass die Schrumpfung sehr lange als Argument dafür herangezogen wurde, die deutsche Finanz- und Sozialpolitik neu zu ordnen. Die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf schrittweise 67 Jahre und die Schuldenbremse für die Bundes- wie für die Landesebene wurden demografisch begründet. Es sollten nicht immer weniger Menschen eine immer größere Last an Schulden und Sozialverpflichtungen tragen müssen. Die Finanzminister fanden die Aussicht auf Schrumpfung aus einem anderen Grund attraktiv: Sie sahen in sinkenden Kinderzahlen eine Art Demografie-Dividende, weil sie an Lehrerstellen und Ausgaben für Wohnungsbau sparen konnten.

Ein weiterer Grund für das zögerliche Anerkennen, dass die Bevölkerung insgesamt gar nicht schrumpft, liegt in der Machtpolitik. Entgegen vielen Vorurteilen im Ausland sind die hegemonialen Ambitionen der deutschen Politik sehr begrenzt. Im Gegenteil hat manchen Politiker die Aussicht eher beruhigt, dass die Bundesrepublik nach dem plötzlichen Bevölkerungszuwachs durch 16 Millionen Ostdeutsche durch die Einheit irgendwann doch wieder so viele Einwohner haben würde wie Frankreich oder Großbritannien.

Höchste Zeit um Umsteuern

So versessen waren deutsche Politiker auf die Schrumpfungs-Prognosen, dass sie ab 2011 übersehen haben, dass die Entwicklung in eine ganz andere Richtung geht. Die Flüchtlinge haben die Verantwortlichen in Berlin und den Landeshauptstädten nun mit aller Macht in die Realität zurückgeholt. Zwar ist mit dem Bevölkerungswachstum der demografische Wandel nicht gänzlich abgesagt. Die Alterung der Gesellschaft schreitet ebenso voran wie die Entleerung ökonomisch aussichtsloser Regionen. Doch die Bevölkerungszahl wird nicht zurückgehen. So gibt es generell auch einen neuen Trend zu mehr Babys, nun kommen noch junge Paare unter den Zuwanderern hinzu. Die deutsche Volkswirtschaft steht weiter robust da und bleibt für junge Menschen aus Süd- und Osteuropa attraktiv.

Jetzt heißt es also umsteuern. In Sachen Energieverbrauch, Wohnungsnachfrage, Verkehrsinfrastruktur, aber auch in puncto Ausbildung von Polizisten und Lehrern stehen die Zeichen auf Wachstum, nicht auf Schrumpfung. Das ist ein grundlegender Wandel, der bisher viel zu wenig Echo gefunden hat. Nachdem die akute Versorgung einer enormen Zahl von Flüchtlingen einigermaßen bewältigt ist, steht die deutsche Politik vor der Herausforderung, quer durch alle Politikfelder die Prognosen neu zu justieren und die Entscheidungen darauf auszurichten, dass auch mittelfristig um die 80 Millionen oder noch erheblich mehr Menschen in Deutschland leben werden. Diese Entwicklung zu gestalten, ist eine riesige Aufgabe, der sich die Verantwortlichen in Regierung und Parlament endlich ehrlich stellen sollten.