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Italien

Dicke Luft wegen Smog

von Andrea Spalinger / 29.12.2015

Italiens Großstädte leiden unter schlechter Luft – die Opposition missbraucht dies zur Wahlpropaganda. In Mailand herrscht dieser Tage ein Fahrverbot. Auch in Rom ist der Verkehr stark eingeschränkt. Aber diese Maßnahmen reichen nicht, um die Luftverschmutzung nachhaltig zu reduzieren.

Selten war das Wetter über die Festtage in Italien so freundlich. Die für diese Jahreszeit typischen Regenfälle sind für einmal ausgeblieben. Seit Wochen strahlt die Sonne, und die Wetterfrösche prophezeien auch für die kommende Woche frühlingshaftes Wetter. Was die Touristen freut, bereitet den Politikern im Land zunehmend Kopfzerbrechen. Denn die Smogwerte sind wegen der einzigartigen Wetterlage auf Rekordhöhen geklettert. Noch nie wurde der Grenzwert für Feinstaub (PM10) so oft überschritten wie 2015. In Mailand lag er laut der regionalen Umweltbehörde bereits an 97 Tagen über 50 Mikrogramm pro Kubikmeter. Gesetzlich erlaubt wäre eine Überschreitung des Grenzwertes an maximal 35 Tagen.

Mailand steht still

Gesundheitsbehörden und Ärzte sind alarmiert. Der Smog habe ernsthafte gesundheitliche Folgen, mahnte der Chef des staatlichen Gesundheitsinstituts, Walter Ricciardi, in einem Interview mit dem Corriere della Sera. In den letzten Wochen hätten die Fälle von Gefäßkrankheiten und akuten Kreislaufstörungen stark zugenommen. Zudem litten Kinder und ältere Personen unter Atembeschwerden.

Bereits in den letzten Wochen haben die am schwersten vom Smog betroffenen Großstädte mit sporadischen Maßnahmen versucht, Gegensteuer zu geben – ohne großen Erfolg. Nun hat der Bürgermeister von Mailand für drei Tage ein Fahrverbot zwischen 10 und 16 Uhr über die Metropole verhängt. In Rom wiederum dürfen tagsüber während neun Stunden nur noch alternierend Fahrzeuge mit geraden beziehungsweise ungeraden Nummernschildern zirkulieren. Auch andere Großstädte haben ähnliche Maßnahmen ergriffen, um die Luftverschmutzung zu reduzieren.

Laut Experten gehen die Bemühungen zu wenig weit. So gilt das zeitlich begrenzte Fahrverbot gerade in Stoßzeiten nicht, wenn die meisten Pendler zur Arbeit fahren. Zudem wird ein Großteil des Verkehrs einfach auf die erlaubten Randzeiten verschoben. In Rom hat dies dazu geführt, dass die Straßen frühmorgens und über Mittag völlig verstopft sind. Ein bisschen Regen oder ein paar Tage ohne Auto werden das Problem nicht lösen, glaubt auch der Chefbeamte Ricciardi. Eine Umstellung auf weniger umweltschädliche Technologien und der Ausbau des öffentlichen Verkehrs sei längerfristig unumgänglich. Die meisten europäischen Staaten seien Italien diesbezüglich leider weit voraus.

Hohe Fahrzeugdichte

Tatsächlich haben Politiker aus dem rechten wie linken Lager in den letzten Jahrzehnten viel zu wenig unternommen. Das Metro-Netz in Rom etwa ist schwach ausgebaut, und die Busse sind oft heillos überfüllt und unzuverlässig. Noch schlimmer ergeht es Bewohnern von Kleinstädten oder ländlichen Gebieten. Die meisten Italiener bewegen sich deshalb mit dem Auto oder dem Motorrad von A nach B. Laut EU-Statistik liegt Italien mit 619 registrierten Fahrzeugen auf 1.000 Einwohner hinter Luxemburg in Europa auf dem zweiten Platz.

Die Opposition versucht, aus dem strukturellen Problem politisches Kapital zu schlagen und macht Premierminister Matteo Renzi für den Schlamassel verantwortlich. Der Chef des populistischen MoVimento 5 Stelle, Beppe Grillo, wirft dem Regierungschef in seinem Blog vor, über die Leichen von zehntausenden Italienern zu gehen. 2015 seien deutlich mehr Menschen als im Vorjahr an den Folgen der Umweltverschmutzung gestorben. Der Hochmut von Renzi und dessen Ministern koste das Land mehr Blut als die beiden Weltkriege.

Laut Grillo nähern sich die Smogwerte in Italiens Städten jenen Pekings an. Das ist maßlos übertrieben. Zudem ist es absurd, die amtierende Regierung für den Smog verantwortlich zu machen, kämpfen Städte wie Mailand doch seit den achtziger Jahren mit schlechter Luft. Doch im nächsten Frühsommer finden Lokalwahlen statt, unter anderem in Mailand, Rom und Turin. Diese drei Großstädte werden oder wurden bis vor kurzem von Renzis Partito Democratico regiert, und Grillo hofft auf eine Wende. Der Chef der rechtspopulistischen Lega Nord, Matteo Salvini, bläst ins selbe Horn. Konstruktive Vorschläge zur Eindämmung des Smogs haben beide keine.

Kaum eine Regierung habe so viel für die Umwelt getan wie die amtierende, antwortet Verkehrsminister Graziano Delrio auf Facebook entnervt auf die Vorwürfe der Opposition. Das jüngste Budget enthalte viele innovative Maßnahmen, um den Schadstoffausstoß zu reduzieren und den Verkehr umweltverträglicher zu gestalten. Doch in Rom scheint man nervös geworden zu sein. Um den Kampf gegen den Smog zu verstärken, hat Umweltminister Gian Luca Galletti die Präsidenten der Regionen, Bürgermeister größerer Städte sowie den Chef des Zivilschutzes zu einem Treffen nach Rom geladen. Dabei soll über Erfahrungen mit spezifischen Maßnahmen diskutiert und eruiert werden, wie man das Vorgehen besser koordiniert.