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Flüchtlinge

Die Ägäis als Todeszone für Kinder

von Ivo Mijnssen / 02.11.2015

Der Tod des syrischen Jungen Aylan Kurdi löste Entsetzen aus. Seither sind fast 100 weitere Kinder vor Griechenlands Küste ums Leben gekommen. Lösungen verzögern sich.

Anfang September gingen die schockierenden Bilder des toten syrischen Jungen Aylan Kurdi um die Welt. Er war nach dem Untergang seines Flüchtlingsbootes ertrunken, seine Leiche wurde an einen türkischen Strand angeschwemmt. „Nie wieder“, antworteten Medien und Politiker unisono, doch seither hält die Überforderung mit dem Flüchtlingsstrom an. Eine Lösung ist nicht in Sicht, und das Sterben in der Ägäis geht weiter – mit steigender Kadenz: Seit Aylan sind fast 100 Kinder bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben gekommen. Allein letzte Woche waren es 28.

Die Flut reißt nicht ab

Hilfsorganisationen sind überzeugt, dass sie nicht die letzten sein werden. Vielmehr beschreiben sie die Situation auf den griechischen Ägäisinseln als alarmierend. „Das Einsetzen des Winters führte in den vergangenen Jahren jeweils zu einer Reduktion der Flüchtlingszahlen – dieser Trend ist derzeit nicht zu beobachten“, schreibt „Save the Children“. Zu den gleichen Schlüssen kommen auch die UNHCR-Vertreter vor Ort. Ron Redmond vom UNO-Flüchtlingshilfswerk sieht die Hauptgründe darin, dass einerseits der Krieg in Syrien seit der russischen Intervention an Intensität gewonnen hat und andererseits die Flüchtlinge eine Art Torschlusspanik haben: Sie vermuten, wohl nicht zu Unrecht, dass die Grenzen in Westeuropa bald wieder undurchdringlicher werden, als sie es heute sind.

Somit nehmen zahlreiche Flüchtlinge weiterhin die Überfahrt von der türkischen Küste auf sich – trotz zuletzt teilweise stürmischem und kaltem Wetter. Allein im Oktober kamen 218.000 Migranten über das Mittelmeer – mehr als im ganzen Jahr 2014. In der Ägäis schicken sie die Schlepper bevorzugt nachts los, da sie dann eher unentdeckt bleiben. Laut Medienberichten sind die Preise zudem bei schlechtem Wetter tiefer als bei gutem, da dann das Risiko höher ist. Zudem werden die Migranten auf den Nussschalen meist ihrem Schicksal überlassen und müssen mit primitivster Navigations-Technologie den Weg zu den griechischen Inseln finden.

Die Hilfsorganisationen melden, dass immer mehr unterkühlte Menschen an den griechischen Stränden landen. Kinder werden laut Save the Children „tropfnass, zitternd und mit blauen Händen und Lippen“ in Empfang genommen. Da die Aufnahmezentren weiterhin völlig überlastet und zudem auf einem schlechten hygienischen Niveau sind, bleiben die Bedingungen für sie auch nach der Landung prekär. Spyros Galinos, der Bürgermeister der Hauptstadt Mytilene, warnt dabei schon seit Monaten vor dem Kollaps der Infrastruktur auf Lesbos.

Angst vor einer Liberalisierung

Angesichts der steigenden Anzahl an ertrunkenen warnte Galinos am Montag, dass es auf Lesbos nicht einmal mehr Gräber für die Flüchtlinge gebe. Er forderte, die Menschen sollten mit Fähren direkt aus der Türkei nach Griechenland gebracht werden, um dem Sterben Einhalt zu gebieten. Die regionale Gouverneurin der Inseln der Nordägäis rief ihrerseits Regierungschef Alexis Tsipras dazu auf, die Landgrenze zur Türkei zu öffnen. Die Regierung lehnte beide Vorschläge als unpraktikabel ab; hinter vorgehaltener Hand bestätigten Offizielle, dass man befürchte, so noch mehr Flüchtlinge ins Land zu locken.

Die EU setzt derweil offiziell weiterhin darauf, die Flüchtlingsströme auf der Balkanroute bereits in Griechenland abzufangen und zu kanalisieren. Auf Lesbos soll dafür bis Ende November der erste von fünf sogenannten Hotspots zur Registrierung der Migranten fertig sein. Seit Ende Oktober befindet sich immerhin ein Registrierungszentrum in der Testphase, auf mobilen Computern werden Fingerabdrücke gescannt und mit der europäischen Datenbank „Eurodac“ abgeglichen.

Viele offene Fragen

Dennoch bleiben viele Fragen offen: Zunächst verläuft der Aufbau der personellen Kapazitäten langsamer als erhofft. Bis Mitte Oktober wollte Frontex 775 zusätzliche Grenzbeamte aus den Mitgliedstaaten beisammen haben. Wie die Grenzagentur gegenüber der NZZ bestätigt, sind allerdings bis Montag gerade einmal Zusagen für 353 eingetroffen. An den Hotspots soll zudem die Triage erfolgen zwischen Asylberechtigten, die daraufhin laut dem Quotensystem weiterverteilt werden, und jenen Migranten, die zurückgeschickt werden sollen. Nur: Wie sollen diese auf Lesbos festgehalten oder gar zurückgeschafft werden, wenn die Unterbringungskapazitäten so ungenügend sind? Zudem versucht die EU gegenwärtig mit viel Elan und wenig Rücksicht auf die zweifelhafte Menschenrechtslage, die Türkei davon zu überzeugen, bei der Rücknahme von Flüchtlingen stärker zu kooperieren. Gleichzeitig weigern sich die Griechen bereits, gemeinsamen Patrouillen mit den Türken zuzustimmen, da die Seegrenzen in der Ägäis umstritten sind.