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Afrikanische Migration

Die Ärmsten bleiben zu Hause

von Markus M. Haefliger / 13.11.2015

Vor dem Migrations-Gipfel in Malta hat die UNO vor Umweltkrisen in Afrika gewarnt. Die Austrocknung des Tschadsees werde bald weitere Völkerwanderungen auslösen. Aber das Beispiel ist schlecht gewählt, meint NZZ-Korrespondent Markus M. Haefliger aus Nairobi.

Die UNO hat die Region des Tschadsees als Brennpunkt zukünftiger Wanderungsbewegungen von Afrika nach Europa hervorgehoben. Alle Ursachen der Migration stießen in dem Seebecken in der Sahelzone aufeinander, sagte der UNO-Koordinator für humanitäre Hilfe, Toby Lanzer, am Sonntag. Lanzer äußerte sich im Hinblick auf den europäisch-afrikanischen Gipfel in La Valletta, der gemeinsame Antworten auf die Zunahme der irregulären Migration finden soll. Laut dem UNO-Verantwortlichen dürften die Klimaerwärmung, die den See austrocknen lässt, und militante Islamisten in Zukunft Zehntausende von Menschen zur Flucht drängen.

Ein See aus Tränen

Das Tschadsee-Becken ist ein Krisenherd, daran gibt es nichts zu deuteln. Zwei der vier Anrainerstaaten, Tschad und Niger, gehören zu den unterentwickeltsten Ländern der Welt und nehmen auf dem UNO-Index für menschliche Entwicklung von 187 aufgeführten Staaten die Ränge 184 und 187 ein. Für die zwei anderen, Kamerun und Nigeria, liegt das Gebiet in vernachlässigten Randregionen. Laut der Umweltorganisation der UNO (UNEP) hängen 30 Millionen Menschen von den Ressourcen des Sees ab; die Bevölkerung verdoppelt sich alle 20 Jahre, der Druck auf die Umwelt ist entsprechend hoch.

Dazu kommen die Angriffe der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram. Nach dem Sturm auf die nigerianische Stadt Baga vor fast einem Jahr flüchteten Tausende von Bewohnern in Booten oder watend nach Baga Solo in Tschad. In der Nähe eines UNO-Flüchtlingslagers rissen vergangenen Sonntag Selbstmordattentäter zwei Personen mit sich in den Tod. Der Tschad hat seither die Nachbarstaaten der Region um zusätzlichen militärischen Beistand gebeten.

Wenn Armut und Verzweiflung die Hauptgründe wären, weshalb sich Afrikaner Menschenschmugglern anvertrauen, die sie auf gefährlichen Wegen durch die Wüste und über das Meer nach Europa bringen, müsste man unter ihnen schon jetzt viele Bewohner des Tschadsee-Beckens finden. Das ist aber nicht der Fall. Unter den irregulären Migranten, die über die Sahara die Mittelmeerküste erreichen, finden sich laut der International Organisation for Migration am häufigsten Gambier, Malier, Senegalesen und Ghanesen.

Ein verbreiteter Irrglaube

Die Aussage, je ärmer Afrikaner seien, desto eher neigten sie zur Auswanderung, beruht auf einem Denkfehler. Die Behauptung wird auch dadurch nicht wahrer, dass sie von afrikanischen Regierungen mit Unterstützung von Hilfsorganisationen ins Feld geführt wird, um zusätzliche Entwicklungsgelder einzufordern. Eine Studie aus dem Jahr 2013 fand sogar das Gegenteil heraus: In Afrika wächst der Drang zu emigrieren häufig mit dem Einkommen.

Im Unterschied zu anderen Untersuchungen berücksichtigen die Autoren nicht nur die sogenannten Push- und Pull-Faktoren der Migration (typischerweise Armut und mangelnde Perspektiven im Herkunftsland sowie Einkommensmöglichkeiten in Europa), sondern auch deren Kosten. Diese machen für einen westafrikanischen Migranten bis zur Ankunft in Lampedusa mindestens 2.000 Dollar aus, für einen Eritreer oder Somalier 3.000 Dollar – entsprechend mehr, wenn eine Reise scheitert und wiederholt wird. Die Ursachenkette verläuft allerdings nicht geradlinig. Absolute Armut hemmt die Migrationsneigung, die Wirkung kann aber durch Verwandtschaftsbeziehungen aufgehoben werden. Oft finanzieren Brüder und Cousins, die es nach Europa geschafft haben, die Reisen irregulärer Migranten.

Vergleichende Forschungen ergeben, dass in Afrika und in asiatischen Auswanderungsländern wie den Philippinen die Emigration mit wachsendem Einkommen und Besitz zunimmt, in Lateinamerika aber abnimmt. Die Autoren der bereits genannten Studie begründen dies damit, dass in den untersuchten Herkunftsländern die Südamerikaner durchschnittlich vier Mal so viel wie Afrikaner und doppelt so viel wie Asiaten verdienen.

Die Einkommensunterschiede wirken sich etwa auf die Informationsmöglichkeiten von Migranten aus. Ein Internetzugang führt dazu, dass nicht absolute Armut, sondern Annahmen über relative Lebensqualität die Auswanderung antreiben. Senegals Auswanderungsminister Souleymane Jules Diop sagte kürzlich gegenüber der amerikanischen Zeitung Wall Street Journal, seine Landsleute verließen die Heimat „nicht, weil sie nichts haben, sondern weil sie mehr wollen“. Während das Internet in Afrika vielerorts vermehrt genutzt wird, hinken ärmliche und politisch unruhige Gebiete hintennach – Gebiete wie die Tschadsee-Region.

Der britische Entwicklungsökonom Paul Collier stellt den Zusammenhang mit einer auf den Kopf gestellten U-Kurve dar. Die Ärmsten wollten auswandern, aber es fehle ihnen das Geld dazu; Wohlhabende könnten sich die Emigration leisten, würden dabei aber nichts gewinnen. „Diejenigen in der Mitte haben sowohl Anreiz als auch die Möglichkeit zur Auswanderung“, schreibt Collier. Experten nennen oft ein durchschnittliches jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 7.000 Dollar als die Einkommensschwelle, oberhalb derer die Migrationsneigung zurückgeht.

Der See verschwindet

Die Einwände machen die Umweltkrise in der Tschadsee-Region nicht ungeschehen; sie ist für sich allein genommen schlimm genug. Als die heutige Sahara von Savannen bedeckt war (bis vor etwa 7.000 Jahren), maß der See über eine Million Quadratkilometer. Danach schrumpfte er und erreichte in neueren Zeiten, als er von europäischen Reisenden beobachtet werden konnte, eine über Jahrzehnte wechselnde Oberfläche von 10.000 bis 30.000 Quadratkilometern. Laut einer UNEP-Studie sank der Seepegel jedoch vor 120 Jahren von rund 6 Metern über einem Bezugswert auf 3 bis 4 Meter ab, vor vierzig Jahren, nach einer Erholungsphase, erreichte er 2 bis 3 Meter, heute liegt er noch tiefer.

Der Tschadsee gibt Fachleuten Rätsel auf. Er hat keinen Ausfluss, versalzt aber auch nicht; offenbar, weil er unterirdisch mit Grundwasserströmen kommuniziert. Mit Tiefen von unter fünf Metern ist das Gewässer extrem seicht. Der Seegrund aus versteinerten Dünen bildet im flachen Seebecken im Norden und Osten tausende Inseln; Ufer- und Feuchtgebiete wechseln sich ab. Weil die jährlichen Zuflüsse bis zu 85 Prozent des Wasservolumens ausmachen, sind Pegelmessungen unzuverlässig. Bleibt der Regen aus, schrumpft der See.

Futuristische Luftschlösser

Bewässerungsprojekte im Oberlauf des Chari und Logone, den wichtigsten Zuflüssen, haben dem Wasserhaushalt des Tschadsees zugesetzt. Auch der Yobe auf nigerianischer Seite wurde seit den siebziger Jahren vermehrt genutzt. Dazu bedrängen Viehherden die Vegetation, was die Niederschläge verringert. Die Ressourcen werden knapp, der Fischfang ging extrem zurück. Geografen wollen in den letzten Jahren eine gewisse Erholung beobachtet haben, die Regenmengen nehmen wieder zu. Als Idee geistert auch ein Kanal herum, der das Chari-Logone-Flusssystem mit dem südlich gelegenen Ubangi verbinden soll. Aber das Projekt dachte sich ein französischer Ingenieur schon in den 1920er Jahren aus. Es bleibt wohl auch in Zukunft ein frommer Wunsch.