Sarah Caron / Polaris / Dukas

Am Stadtrand von Paris

Die Banlieue der Dschihadisten

von Barbara Villiger / 22.07.2016

Seine-Saint-Denis ist das französische Département, aus dem die grösste Zahl von Islamisten nach Syrien reist. Viele Gemeinden hier haben einen Migrationsvordergrund. So auch Montreuil und Bagnolet.

Die erste Hälfte des Sommers war bereits ins Wasser gefallen, da bescherte ein Film den Parisern wenigstens etwas Vergnügen. „L’Effet aquatique“ ist das, was Franzosen als „leichte Komödie“ bezeichnen. Es geht um die hübsche, aber widerspenstige Schwimmlehrerin Agathe, in die sich ein Kranführer auf den ersten Blick verliebt. Er heisst Samir, und seinen Migrationshintergrund erkennt man nicht bloss am Namen. Im Lauf von achtzig Minuten surft der Film auf allerlei gutmenschlichen und genretypisch ironisierten Klischees, das friedliche Zusammenleben in Zeiten der „diversité culturelle“ betreffend. Und richtig, es gibt ein Happy End.

Seit den Terroranschlägen, die Frankreich beuteln, mag das Bedürfnis nach Pseudotiefe – um nicht gleich Oberflächlichkeit zu sagen – gewachsen sein. Wieso aber muss eine Filmkomödie dennoch so tun, als habe sie intellektuelle bzw. interkulturelle Ambitionen? Der Film läuft in ganz Paris – und auch draussen in Montreuil. Nicht weit vom Cinéma Méliès, das wie das Theater, ein Einkaufszentrum und die Mairie an der Place Jean-Jaurès steht, findet sich die Piscine Maurice-Thorez, wo der Film beginnt. Darauf angesprochen, lacht das Personal dort bloss: „Wir haben alle Starrollen!“, macht sich einer darüber lustig.

Montreuil, östliche Pariser Banlieue, ist eine französische Gemeinde in Seine-Saint-Denis, dem berüchtigten 93. Département, genannt auch „Quatre-vingt-treize“ (die Bezeichnung hat der Islamspezialist Gilles Kepel zum Titel eines Buchs gemacht) oder, einfacher, „9-3“. Es ist das Département mit der höchsten Anzahl von radikalisierten Islamisten, die nach Syrien ausreisen (an zweiter Stelle steht Alpes-Maritimes, zu dem Nizza gehört). Die Arbeitslosenquote beläuft sich hier auf achtzehn Prozent, bei den Jungen von 15 bis 24 Jahren erreicht sie das Doppelte.

Die Bevölkerung ist stark migrantisch: Beträchtliche Teile stammen aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika. Die Maghrebiner führen Halal-Metzgereien (andere habe ich nicht gesehen) oder Kebab-Stände, denen sie, der Erkennbarkeit des Produkts halber, türkische Namen geben: „Istanbul“, „Bosphore“, „Anatolie“, „Ankara“. Die Malier verkaufen in der Fussgängerzone traditionelle Heilkräuter (sie kommen auch bei Franzosen gut an), Honig aus Afrika, Schmuck, Decken, Tücher – und jene langen, farbigen Kleider, welche die Malierinnen an Sonntagen gruppenweise stolz zur Schau tragen (aber fotografieren lassen sie sich nicht). Dank der Nähe zu Paris – die städtische Metro fährt bis nach Montreuil – ziehen auch immer mehr Bobos (Bourgeois-Bohémiens) hier hinaus; der Gentrifizierungsprozess ist in vollem Gang.

Was sonst? In Montreuil liegt der Hauptsitz des französischen Gewerkschaftsbunds CGT, was während der Streiks der vergangenen Wochen für Betrieb sorgte (zum Beispiel wurde der Finanzminister Emmanuel Macron bei einem Besuch mit Eiern beworfen); ausserdem die Europa-Zentrale der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation Attac. Eine bunte Mischung. Abends wirken die Cafés beim Hauptplatz ganz pariserisch. Man diskutiert, trinkt, raucht in der lauen Luft nach der brüllenden Hitze des Arbeitstages.

Diejenigen, die nicht arbeiten, hängen am Nachmittag wie tote Fliegen herum, zumindest in der Siedlung La Noue. Sie erstreckt sich hinter und oberhalb der Piscine Maurice-Thorez bis an die Stadtgrenze zu Bagnolet – wo eine weitere Siedlung desselben Typs und Namens gleich anschliesst, beides HLM mit günstigen Mietzinsen, „habitations à loyer modéré“. Diejenige in Montreuil wird gerade aufwendig renoviert. Ein Schild erklärt, das Terrain sei im 19. Jahrhundert von Preussen, dann zusätzlich von Italienern besiedelt worden, denen sich Zigeuner mit ihren Wagen zugesellten. Erst in den späten 1960er Jahren vertrieb die Errichtung der HLM-Wohnblöcke frühere Zuzüger – doch das Quartier beherbergt weiterhin Bewohner aus vielfältigen Herkunftsländern (von denen etliche allerdings den französischen Pass besitzen).

La Noue beschreibt ein Pariser, der selber nie dort war, als „Ghetto“ – so viel zum Ruf des Quartiers. De facto handelt es sich, zumindest beim Bagnolet-Teil, um ein ausgewachsenes Labyrinth. Hat man endlich einen Eingang gefunden, braucht es ein ausgeklügeltes System, um von einem Block zum andern zu gelangen – die ideale Situation für Drogendealer. Ein ziemlich lädierter Wohnturm überragt alles. Vertrocknetes Gras und einzelne Blumenbeete bezeugen, dass sich einst jemand um Begrünung bemühte. Immerhin gibt es einen Spiel- und einen Fussballplatz; nebenan einen baumbestandenen Park.

Am Fuss eines Blocks, im Schatten, lagern die jungen Leute mit ihren Smartphones; sie sprechen über „Pokémon Go“. Weisse Franzosen sind keine dabei. Treffpunkt ist die Bar; ein Chinese, der zur anderen Seite hin sein Lebensmittelgeschäft betreibt, bedient die Espressomaschine, diverse seiner Landsleute kaufen Lottoscheine, es läuft eine chinesische Fernsehserie. Auf Nachfrage verkauft er Zigaretten, sie kosten mehr als die legalen im Tabac: wohl ein Risikozuschlag. Er sei seit 1998 hier, erzählt er. Seine zwei Kinder, hier aufgewachsen und eingeschult, können ihre Muttersprache nicht schreiben, was ihn betrübt; er hingegen möchte irgendwann „nach Hause“ zurück – aber wo ist das? Seine Heimatstadt, er zeigt Handy-Fotos, hat sich derart verändert, dass er sie nicht wiedererkennt.

Das Töchterlein des Chinesen treffe ich später im „Centre socio-culturel Guy Toffoletti“ wieder, eine Betonterrasse oberhalb der mit prächtigem Drachen ausgeschilderten, aber verwaisten „Union franco-chinoise“. Im Jugendzentrum hingegen ist einiges los, die Kinder sehen aus wie auf einer Benetton-Reklame: alle Hautfarben. Sie spielen Tischfussball in der Ludothek, verkleiden sich mit Theaterkostümen, warten auf einen Kampfsportlehrer, gucken sich Comichefte aus der Handbibliothek an. Wartende Mütter plaudern. Im Büro fertigt man mich mit einer Broschüre ab. Das Angebot des Centre besteht während der schulfreien Sommermonate aus Exkursionen (ans Meer, nach Paris) oder Freizeitprogrammen vor Ort.

Während der Schulzeit hingegen bietet es Hilfe bei den Hausaufgaben an. Vor zwei Jahren war damit plötzlich Schluss: Auf behördliche Order musste das Zentrum schliessen, da es den Sicherheitsnormen nicht genügte – das Lokal war seit der Eröffnung nie inspiziert und ergo nie entsprechend aufgerüstet worden. Kurz vor den Maturitätsprüfungen sassen Schülerinnen und Schüler alleine da, die dringend auf Unterstützung angewiesen gewesen wären. Ihre Eltern können sie nicht leisten.

Ein paar Labyrinthwindungen tiefer stosse ich schliesslich auf das „Centre Culturel Musulman“ mit dem friedlichen Namen „L’olivier de la paix“; in der sonst desolat schmucklosen Umgebung wirken die grün ornamentierten Kacheln des Eingangsbereichs einladend wie eine Oase in der Wüste. Hinter der Tür verbirgt sich nichts anderes als ein Gebetsraum. Einzelne Männer beten vornübergebeugt. Andächtige Stille.

Ein sonniger Julinachmittag in La Noue, ob Bagnolet oder Montreuil, lässt wenig erahnen vom harten Leben hier, wenn es grau und kalt ist und nachts der Drogenhandel gewaltig und gewalttätig blüht. Er strukturiert das Leben im Quartier. La Noue gilt als eine Hochburg dieses Geschäfts. Laut Schätzungen des Gerichts der Nachbargemeinde Bobigny, vor das die Dealer von ganz „9-3“ kommen, beträgt der Umsatz aus den Drogen auf ganz Seine-Saint-Denis gerechnet eine Milliarde Euro, was fast der Hälfte des Département-Budgets entspricht (2,3 Milliarden Euro).

Ein Teil davon wird hier umgeschlagen, in La Noue. Bei den Fällen, welche die notorisch überlastete „chambre de shit“ in Bobigny beschäftigen, handelt es sich zumeist um kleine, sofort ersetzte Fische: Das Gericht hat es mit einem Fass ohne Boden zu tun. Solange der Drogenhandel den Banlieusards in den Cités das Überleben sichert, wird sich da wenig ändern. Ein trauriger Schluss.