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Nach dem Terror von Brüssel

Die Bewältigung der Anschläge stockt

von Niklaus Nuspliger / 29.03.2016

Die Aufarbeitung der Terroranschläge sorgt in Belgien für innenpolitische Spannungen. Zudem erlitten die Ermittler einen herben Rückschlag: Ein Hauptverdächtiger musste wieder freigelassen werden.

Auch eine Woche nach den Terroranschlägen von Brüssel gibt es mehr offene Fragen als Antworten. Am Ostermontag mussten die Ermittler einen der Hauptverdächtigen wieder auf freien Fuß setzen. Der als Fayçal C. identifizierte Mann war am Donnerstagabend verhaftet und am Samstag des „terroristischen Mordes“ beschuldigt worden – offenbar verdächtigte ihn die Polizei, direkt an der Ausführung der Anschläge beteiligt gewesen zu sein. Nun aber teilte die Staatsanwaltschaft mit, der Verdacht gegen den Mann habe sich im Laufe der Ermittlungen nicht erhärtet.

Neuer Zeugenaufruf

Belgische Medien hatten in den letzten Tagen ausführlich über Fayçal C. berichtet – obwohl die Staatsanwaltschaft nie bestätigt hatte, dass es sich bei ihm um den als „Mann mit dem Hut“ gesuchten dritten Attentäter vom Flughafen handelte. Der nun freigelassene Mann hatte offenbar im letzten Herbst in einem Flüchtlingscamp im Zentrum Brüssels versucht, Flüchtlinge zu radikalisieren. Laut Medienberichten soll der Taxifahrer, der die Attentäter am Morgen der Anschläge an den Flughafen gefahren hatte, Fayçal C. bei einer Gegenüberstellung erkannt haben.

Doch nun geht die Suche nach dem „Mann mit dem Hut“ von neuem los. Die Bombe dieses dritten Flughafen-Attentäters detonierte zunächst nicht, und er konnte offenbar entkommen. Die Ermittler haben nun neue Videoaufnahmen einer Kamera am Flughafen veröffentlicht, die den Mann neben den beiden Selbstmordattentätern Najim Laachraoui und Ibrahim El Bakraoui zeigen. Die Polizei erließ einen neuen Zeugenaufruf.

Außer gegen Fayçal C. sind bisher gegen keinen Verdächtigen die schwersten Vorwürfe des „terroristischen Mordes“ erhoben worden, was nicht den Eindruck erweckt, als mache die Polizei bei der Aufklärung der Anschläge große Fortschritte. Doch auch über Ostern liefen die Ermittlungen auf Hochtouren. Allein am Sonntag führte die Polizei dreizehn Razzien durch und nahm neun Verdächtige fest. Sechs wurden wieder freigelassen, gegen drei wurde der Vorwurf der „Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung“ erhoben. Offen ließ die Staatsanwaltschaft, ob sie im Zusammenhang mit den Brüsseler Anschlägen verhaftet wurden.

Aufmarsch von Hooligans

Die Aufarbeitung der Anschläge sorgt in Belgien auch für innenpolitische Kontroversen. Am Sonntag reisten 400 gewaltbereite Hooligans aus dem Umfeld von Fußballklubs nach Brüssel, wo sie im Stadtzentrum eine Gedenkveranstaltung störten. Es kam zu schweren Ausschreitungen, die Polizei setzte Wasserwerfer ein. Brüssels Bürgermeister Yvan Mayeur erhob darauf Vorwürfe gegen Innenminister Jan Jambon, weil die für die Eisenbahnen zuständige Bundespolizei den Aufmarsch der Hooligans nicht verhindert hatte.

Jambon, der den flämischen Nationalisten angehört, steht auch in der Kritik, weil er am Freitag einen einzelnen Beamten dafür verantwortlich machte, dass ein 2015 in der Türkei verhafteter Selbstmordattentäter nach Belgien zurückreisen konnte. Eine weitere Kontroverse betrifft die Anordnung von Jambons Innenministerium am Tag der Anschläge, nach den Explosionen am Flughafen die Metro zu evakuieren. Diese kurz vor dem Anschlag in der Metro erlassene Order wollen die Verkehrsbetriebe nie erhalten haben – was zu Schuldzuweisungen zwischen den verschiedenen Verwaltungsstellen geführt hat.