Die EZB bleibt auf der Hut

von Claudia Aebersold Szalay / 24.02.2015

Griechischen Banken ist in den vergangenen Monaten viel Geld abgeflossen. Die Lage dürfte sich erst allmählich beruhigen. Die EZB bleibt deshalb aufmerksam, berichtet aus Frankfurt NZZ-Korrespondentin Claudia Aebersold Szalay.

Die griechischen Banken haben in den vergangenen Wochen Spareinlagen in Milliardenhöhe verloren. Es wird geschätzt, dass allein in den vergangenen vier Monaten wegen der politischen Unsicherheit bezüglich des künftigen Europakurses der neuen Regierung gut 20 Milliarden Euro abgeflossen sind. Rund die Hälfte davon soll dabei im Land selbst in Schließfächern und unter Matratzen liegen, rund ein Viertel auf Auslandkonten griechischer Banken geflossen sein und der Rest ins Ausland auf Konten nichtgriechischer Banken.

Reines Liquiditätsproblem

Die neu bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelte Bankenaufsicht hat diesen jüngsten Aderlass im griechischen Bankensystem aufmerksam verfolgt. Obwohl sich die EZB-Aufsicht nicht zur laufenden Überwachung der griechischen Geldhäuser äußert, ist aus dem Umfeld der Notenbank dennoch zu hören, dass sie sich in den vergangenen Wochen um die Liquiditätssituation der Banken große Sorgen gemacht habe – wegen deren Solvenz war sie dem Vernehmen nach aber nicht beunruhigt.

Das erklärt sich damit, dass die griechischen Institute die Einlagenabflüsse bisher bewältigen konnten, ohne dass sie zu Notverkäufen von Aktiva gezwungen gewesen wären. Die Liquiditätssituation war zwar an manchen Tagen prekär und konnte in vielen Fällen nur dank der Notkredite der griechischen Zentralbank bewältigt werden, aber Aktiva mussten die Banken bisher angeblich keine verkaufen, und an deren Kapitalausstattung soll sich ebenfalls nichts verändert haben.

Mit der Eigenmittelausstattung der griechischen Banken sei die EZB-Aufsicht nach wie vor zufrieden, ist aus dem Umfeld der Notenbank zu hören. Die vier größten Banken des Landes überwacht der Aufseher wegen deren Systemrelevanz direkt. Es sind dies die Alpha Bank, die Eurobank Ergasias, die National Bank of Greece und die Piräus Bank. Diese vier Institute hatte die Aufsicht im vergangenen Herbst im Rahmen der umfassenden Prüfung aller Großbanken der Eurozone getestet, alle hatten sie die Tests bestanden und waren somit per 1. November, als die EZB die Bankenaufsicht übernahm, ausreichend kapitalisiert.

Piräus hatte sich kurz vor der Prüfung frisches Kapital besorgt, sodass die ermittelte Kapitallücke von 660 Millionen Euro unmittelbar geschlossen werden konnte; die Eurobank und die National Bank of Greece bestanden die Prüfung hingegen, weil ihnen die im Vorfeld von der EU-Kommission auferlegten Restrukturierungsmaßnahmen angerechnet wurden. An der ausreichenden Kapitalausstattung soll sich laut verschiedenen Quellen trotz der schwierigen Wochen, die hinter dem griechischen Bankensystem liegen, nichts geändert haben.

Kurzfristig wird in der Notenbank offensichtlich damit gerechnet, dass sich die Liquiditätslage griechischer Geldhäuser wieder etwas entspannt. Die Einigung zwischen der griechischen Regierung und den Euro-Partnern und der damit vorerst abgewendete „Grexit“ dürfte die Sparer im Land beruhigen, weshalb weniger Geld abgezogen oder gar wieder welches zurück vom Schließfach und vom Platz unter der Matratze auf die Bankkonten fließen könnte.

Doch die Lage bleibt fragil, schon ein kleines Störfeuer könnte die Situation wieder verschärfen. Deshalb prüft die EZB-Aufsicht die griechischen Großbanken engmaschig, sprich täglich. Der Fokus liegt dabei nach wie vor auf deren Liquidität, aber auch auf den Anlagen, die die Banken tätigen. Vor rund drei Wochen hatte die Aufsicht den Banken in einem Brief „nahegelegt“, wegen der angespannten Liquiditätslage keine Anlagen in illiquiden Wertpapieren schlechter Bonität zu tätigen – ein Wink mit dem Zaunpfahl, denn damit waren primär griechische Staatsanleihen gemeint. Die griechischen Finanzinstitute scheinen die Mitteilung verstanden zu haben, und es ist nicht davon auszugehen, dass sie sich über den „Ratschlag“ der EZB hinwegsetzen werden, zu groß ist ihre Abhängigkeit von den Notkrediten der griechischen Zentralbank, die ohne das Einverständnis des EZB-Rates nicht mehr fließen würden.

So ist davon auszugehen, dass die EZB auch weiterhin Notkredite der griechischen Zentralbank genehmigen wird, dass der Bedarf danach aber abnehmen wird, wenn sich die Situation bei den Spareinlagen entspannt. In zwei Szenarien würden die Notkredite umgehend gestoppt: erstens, wenn einzelne Banken als nicht mehr solvent eingestuft würden, und zweitens, wenn einzelne Banken entgegen der „Empfehlung“ der EZB Staatspapiere kauften.

Geld für Extremsituationen

Bei einer erneuten Verschärfung der Lage sind verschiedene Eskalationsstufen denkbar. Bei einem echten Banken-Run könnte die EZB-Aufsicht dem Vernehmen nach zu Kapitalverkehrskontrollen greifen, um zu verhindern, dass zu viel Geld aus dem Land fließt, das im Unterschied zum Matratzen-Geld nicht mehr so leicht wiederkommt. Die vielzitierten 10,9 Milliarden Euro, die aus dem Euro-Krisenfonds EFSF für die Bankenrekapitalisierung in Griechenland vorgesehen und bis jetzt ungenutzt sind, werden gerne als „Notgroschen“ für griechische Banken gehandelt.

Sie dürften aber nicht bei Liquiditätskrisen eingesetzt werden, sie sind nur für echte Kapitallücken vorgesehen. Zudem können sie nur unter restriktiven Bedingungen aktiviert werden; beispielsweise, wenn die Abwicklung einer Bank, die eine Kapitallücke nicht aus eigener Kraft schließen kann, schwerwiegende Implikationen für die Finanzstabilität hätte oder aber wenn im Land extreme, depressionsähnliche Wirtschaftsbedingungen herrschten. Die EZB könnte erst in solchen Extremszenarien beim EFSF die Freigabe der Mittel beantragen, genehmigen müssten sie aber in jedem Fall die Eurostaaten.