EPA/IGOR KUPLJENIK

Flüchtlinge

Die Flüchtlinge stecken auf der Balkanroute fest

von Marco Kauffmann Bossart / 20.10.2015

Slowenien und Kroatien bremsen den Migrationsstrom und ergehen sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Der Zustrom aus der Türkei hält unterdessen an. Humanitäre Organisationen schlagen bereits Alarm.

Der Transit von Flüchtlingen auf der Balkanroute ist am Montag ins Stocken geraten. Beim Grenzort Sredisce ob Dravi hinderte die slowenische Polizei zunächst über 2.000 Asylsuchende an der Einreise aus Kroatien. Slowenien hatte am Wochenende erklärt, pro Tag würden nicht mehr als 2.000 bis 2.500 Personen akzeptiert. Darauf stoppte Kroatien laut dem Uno-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) vorübergehend den Transport von Flüchtlingen aus Serbien, wo 10.000 Personen festsaßen. Als die Grenze am Montagabend wieder geöffnet wurde, überquerten Tausende diese in kurzer Zeit.

Ungarn hatte in der Nacht auf Samstag seine Grenze zu Kroatien abgeriegelt und damit den Rückstau ausgelöst. In der Folge tauschten Slowenien und Kroatien, beides Mitglieder der EU, Anschuldigungen aus. Die kroatische Seite bediene das Telefon nicht mehr, beklagte sich die slowenische Innenministerin Vesna Györkös Žnidar. Ihr Amtskollege in Zagreb, Ranko Ostojic, konterte, Ljubljana habe ursprünglich eine Aufnahmekapazität von 8.000 Flüchtlingen täglich kommuniziert und diese dann auf Null reduziert. Am Montagabend rückte Slowenien dann offenbar von seiner Obergrenze ab. Zu Unstimmigkeiten kam es auch mit Österreich. Wien lasse erneut weniger als 1.000 Flüchtlinge pro Tag einreisen, hieß es in Slowenien. Das österreichische Innenministerium widersprach dieser Darstellung.

Leidtragende der Engpässe sind Asylsuchende, die bei kühlem und regnerischem Herbstwetter auf Wiesen und Feldwegen steckenbleiben. An der Grenze zu Slowenien verbrachten Hunderte die Nacht im Freien; 2000 weitere harrten in einem Zug aus. Es fehlten Lebensmittel, Decken und andere dringende Hilfsgüter, erklärte das UNHCR. Der Zustrom der Flüchtlinge hält unvermindert an: In den letzten 24 Stunden überquerten rund 10.000 Menschen die griechisch-mazedonische Grenze.
Die EU hofft, dass sich die Türkei zu strengeren Kontrollen an der Seegrenze mit Griechenland bewegen lässt und Anreize schafft, dass die Menschen von einer Weiterreise absehen. Bemerkungen des türkischen Ministers Ahmet Davutoğlu deuten allerdings darauf hin, dass es zu einer funktionierenden Kooperation noch ein weiter Weg ist. Man könne die Türkei nicht einfach mit Geld abspeisen und glauben, das Problem sei damit gelöst, sagte Davutoğlu einen Tag nach dem Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Türkei sei kein Konzentrationslager, fügte er an.

Einspruch gegen die von Merkel in Aussicht gestellte Wiederbelebung der EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara erhob am Montag Zypern. Nikosia begründet seine ablehnende Haltung mit der Präsenz türkischer Truppen im Norden des geteilten Landes.