Die Franzosen sehen sich zunehmend als Verlierer

von Adrian Lobe / 30.04.2015

Die Franzosen fühlen sich zunehmend als Verlierer der Globalisierung und sehen die eigenen kulturellen Werte bedroht. Dies ist auch der Nährboden für den Aufstieg des Front National. Von NZZ-Autor Adrian Lobe.

Frankreich steckt in einer Krise. Das Wachstum ist niedrig, die Arbeitslosigkeit hoch. Im anglophonen Raum grassiert das „French bashing“, eine Kritik am französischen Sozialstaatsmodell und seinen bürokratischen Auswüchsen. Und im Land selbst tobt eine defätistische Debatte, die in Eric Zemmours Essai „Le Suicide français“ ihren polemischsten Ausdruck fand. Der Politikwissenschaftler Laurent Bouvet fügt dem eine neue Dimension hinzu: nämlich die kulturelle Unsicherheit. Dieser Begriff dient ihm als erklärende Variable für die politische und identitäre Krise. „Die kulturelle Unsicherheit ist Ausdruck einer Unruhe, Befürchtung, ja sogar einer Angst gegenüber dem, was man erlebt, sieht, wahrnimmt und fühlt, bei Umwälzungen der Weltordnung, bei gesellschaftlichen Veränderungen.“ Es ist das diffuse Gefühl einer Unsicherheit, eines sozialen Abstiegs, das sich in Frankreich über alle Milieus hinweg breitmacht.

Nicht nur ökonomische Krise

Die kulturelle Unsicherheit ist für Bouvet aufs Engste damit verbunden. Die Franzosen fühlen sich zunehmend als Verlierer der Globalisierung, und sie sehen ihre traditionellen Werte bedroht. Wenn aber diese kulturelle Unsicherheit eine soziale ist, wozu braucht es dann das Etikett „kulturell“? Die Schwäche des Buchs liegt darin, dass die unabhängige Variable schlecht operationalisiert ist – ein bekanntes Problem der Politikwissenschaft. Wie will man kulturelle Unsicherheit messen? Zwar zitiert Bouvet Studien und Umfragen. Allein, sie schärfen den Begriff nicht wirklich. Gleichwohl liefert der Autor ein innovatives Konzept für ein bisher wenig beleuchtetes Phänomen: die Krise, die im öffentlichen Diskurs in geradezu masochistischer Manier perpetuiert wird. Die ökonomischen Kennzahlen, da hat der Autor recht, reichen nicht als Beleg für die Malaise – die Krise wurzelt tiefer. Frankreich, die große Kulturnation, bangt um den Einfluss auf der Welt, der notorische Verweis auf die „kulturelle Ausnahme“ ist der verzweifelte Versuch, die französische Kultur vor äußeren Einflüssen zu bewahren.

Nährboden für Extremisten

Nicolas Sarkozy trat in seiner Amtszeit eine Debatte über die nationale Identität los, die nicht abgeschlossen ist. Die kulturelle Unsicherheit ist gleichsam der Nährboden für Populisten, allen voran den Front National (FN), dessen Chefin Marine Le Pen die Ängste der Menschen geschickt instrumentalisiert. Der FN, argumentiert Bouvet, sei auch deshalb so erfolgreich, weil sein politisches Tableau kulturalistisch gefärbt sei und mit einer traditionalistischen Programmatik („Bewahrer des Christentums“) eine Antwort auf die Modernisierungsängste liefere. Dem Autor ist zugutezuhalten, dass er nicht in den Chor des „discours décliniste“ einstimmt, sondern sachlich-nüchtern als Wissenschaftler argumentiert. Der gut lesbare Band erhellt ein Problem, das Frankreich noch lange beschäftigen wird.