Peter Dejong / AP / Keystone

Umfrage belegt Terrorangst

Die Furcht der Europäer vor den Flüchtlingen

von Stefan Reis Schweizer / 12.07.2016

In Europa bringen viele Menschen die Flüchtlingskrise mit der Gefahr durch den Terrorismus in Verbindung. Allerdings überrascht, wo laut einer gross angelegten Umfrage die grösste Besorgnis herrscht.

Im vergangenen Jahr kamen mehr als eine Million Flüchtlinge nach Europa, die hohe Zahl der Flüchtlinge hat zu viel Hilfsbereitschaft, aber auch zu Unsicherheit geführt. Zugleich wurde der Kontinent durch Terroranschläge wie in Paris und Brüssel erschüttert, zu denen sich die Terrororganisation Islamischer Staat bekannte.

Viele Europäer ziehen nun eine Verbindungslinie zwischen der Flüchtlingskrise und der Bedrohung durch den Terrorismus. Das zeigt die jüngste Umfrage des renommierten Washingtoner Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center. In acht von zehn europäischen Ländern sind mehr als die Hälfte der Befragten der Meinung, dass die Flüchtlinge den Terrorismus in ihrem Land wahrscheinlicher machen.

Besorgte Osteuropäer

Es ist auffällig, dass Ungarn und Polen mit 76 und 71 Prozent am meisten besorgt sind. Denn diese beiden Länder haben in der Vergangenheit vergleichsweise wenige Flüchtlinge aufgenommen, ihre Regierungen setzen sich damit von anderen europäischen Ländern ab. In Frankreich dagegen, das im vergangenen Jahr durch zwei verheerende islamistische Terroranschläge erschüttert wurde, glaubt eine knappe Mehrheit von 51 Prozent nicht an eine höhere Terrorgefahr durch Flüchtlinge.

Doch die Europäer bekümmert nicht nur ein vermeintlich höheres Terrorrisiko. Sie befürchten auch negative wirtschaftliche Auswirkungen durch die hohe Zahl der Flüchtlinge. Konkret sorgen sich die Befragen in fünf Ländern, dass ihnen die Flüchtlinge Arbeitsplätze und Sozialleistungen streitig machen. Für Ungarn, Polen, Griechen, Italiener und Franzosen ist dies sogar die grösste Sorge.

Flüchtlinge und Kriminalität

Nur in Schweden und Deutschland sind mindestens die Hälfte der Befragten der Ansicht, die Flüchtlinge bereicherten durch ihr berufliches Fachwissen und ihre Talente das Land. Die Verbindung zwischen Flüchtlingen und Kriminalitätsrate ist hier weniger gegenwärtig. Dennoch sind fast die Hälfte der Befragten in Italien und Schweden der Auffassung, dass Flüchtlinge mehr als andere Gruppen für Verbrechen verantwortlich zu machen sind.

Eine Rolle spielt auch der religiöse Hintergrund der meisten Flüchtlinge, die aus muslimisch geprägten Ländern wie Syrien und dem Irak kommen. Beeinflusst sei die Meinung über diese Gruppe, so schreibt das Institut in seiner Analyse, durch die teilweise negative Einstellung, die bereits gegenüber in Europa lebenden Muslimen herrsche.

Negative Meinung über Muslime

So sagen 60 Prozent der Befragten in Ländern wie Ungarn, Italien, Polen und Griechenland, dass sie eine negative Einstellung gegenüber Muslimen hegen. Diese Haltung wird in anderen Ländern durch mindestens ein Viertel der Befragten geteilt.

Für einige Europäer ist ihre negative Haltung verknüpft mit der Ansicht, Muslime grenzten sich lieber von der Gesellschaft ab, als sich sozial zu engagieren. Dieser Ansicht sind mindestens 60 Prozent der Befragten in Griechenland, Ungarn, Spanien, Italien und Deutschland. Auffällig ist der Rückgang dieser Haltung in vier von fünf Ländern, in denen entsprechende Daten seit dem Jahr 2005 vorliegen. Der stärkste Rückgang wurde in Deutschland festgestellt, von 88 auf 61 Prozent.

Rolle der Vielfalt

Die Flüchtlinge, die nach Europa kommen, stammen aus ganz unterschiedlich geprägten Gesellschaften und ethnischen Gruppen. Vor diesem Hintergrund fragten die amerikanischen Meinungsforscher auch, ob eine zunehmende kulturelle Vielfalt das Leben in einem Land auch bereichern könne oder nicht. Mehr als die Hälfte der Griechen und der Italiener und 40 Prozent der Befragten in Ungarn und Polen sind der Meinung, dies wirke sich negativ auf die Gesellschaft aus.

Insgesamt glauben relativ wenige der Befragten, dass diese zunehmende Vielfalt einen positiven Einfluss hat, Schweden steht dabei mit 36 Prozent an der Spitze. Unter den Befragten in den anderen Ländern herrscht die Meinung vor, diese Vielfalt habe keinen Einfluss auf die Lebensqualität.

Das Pew Center hatte in zehn EU-Ländern und den USA fast 12’000 Personen befragt. Die Daten aus den USA dienten vor allem zu Vergleichszwecken. Die Umfrage fand vom 4. April bis zum 12. Mai 2016 statt, also noch vor dem Brexit-Refererndum in Grossbritannien und dem Terroranschlag auf den Istanbuler Flughafen von Ende Juni.