Die Furcht vor einem Handelsabkommen der Riesen

von Hansueli Schöchli / 10.04.2015

Die Freihandelsgespräche zwischen der EU und den USA beunruhigen nicht nur die österreichische und deutsche Öffentlichkeit, sondern auch den Rest der Welt  – wenn auch aus ganz anderen Gründen. Von Hansueli Schöchli aus der NZZ-Wirtschaftsredaktion.

Die Welthandelsorganisation (WTO) schwächelt, dafür sind bilaterale Freihandelsgespräche hoch im Kurs. Von globaler Bedeutung sind die laufenden Verhandlungen EU – USA, die zusammen etwa 45 Prozent der Weltwirtschaftsleistung und 30 Prozent des Welthandels ausmachen. Ob es zu einer Einigung kommt und was eine solche allenfalls umfassen würde, ist noch weit offen. Doch nebst den Hauptakteuren schauen auch Drittländer gebannt auf die Verhandlungen, weil auch sie stark betroffen sein könnten – im positiven Sinn (ein Schub für die EU und die USA gäbe auch neue Chancen für deren Handelspartner) wie im negativen Sinn (relative Verschlechterung des Marktzugangs).

Bandbreite der Gefühle

Die große Bandbreite der Gefühle zeigt ein dieser Tage publiziertes E-Buch, in dem unter der Ägide des Ökonomennetzwerks VoxEU.org rund 20 Wissenschafter und Handelsexperten aus aller Welt ihre Einschätzungen darlegen. Die Bandbreite reicht von großen Sorgen wegen möglicher Diskriminierung über Hoffnungen auf einen Reformschub als Folge eines Abkommens EU – USA bis zur Gelassenheit auf Basis der Annahme, dass die beiden Großmächte keinen Durchbruch schaffen werden.

Laut einer deutschen Modellrechnung unter der Annahme, dass ein neues Abkommen EU – USA eine ähnliche Senkung der bilateralen Handelsbarrieren bringt wie der Durchschnitt der bisherigen Freihandelsabkommen, würde die Wirtschaftsleistung der beiden beteiligten Mächte innerhalb von zehn Jahren einen Impuls von 5 Prozentpunkten in der EU bzw. 4 Prozentpunkten in den USA erhalten, während Drittländer im Mittel gegen einen Prozentpunkt einbüßen könnten. Besonders starke Einbußen hätten demnach Länder mit engen Handelsbeziehungen zu einer der beiden Großmächte zu befürchten wie etwa die Schweiz (minus 2 Prozent) oder Mexiko. Eine helvetische Studie ist für die Schweiz allerdings deutlich weniger skeptisch und schätzt je nach Szenario den möglichen längerfristigen Effekt auf das Niveau der hiesigen Wirtschaftsleistung von minus 0,5 Prozent bis zu einem Plus von fast 3 Prozent.

Schweizer Wunschszenario

Der Effekt für Drittländer hängt vor allem davon ab, wie tief und breit ein Abkommen EU – USA gehen würde (wobei der Abbau nichttarifärer Handelsbarrieren viel wichtiger ist als jener der meist schon tiefen Zölle) und wie Drittländer dabei behandelt würden. Das Schweizer Wunschszenario enthielte ein weitgehendes Abkommen EU – USA, das auch die gegenseitige Anerkennung von Standards und von Zertifizierungen enthält – und bei dem Drittländer, die ihrerseits mit einem der großen Blöcke eine gegenseitige Anerkennung ausgehandelt haben, „mitfliegen“ könnten. Doch ein solches Szenario erscheint äußerst optimistisch. Ähnliches gilt auch für die Hoffnung, dass ein Abkommen EU – USA in der WTO einen Schub für den Abbau von Handelshemmnissen auf globaler Ebene auslösen könnte.

Begrenzte Optionen

Kommt es zu einer weitgehenden Einigung EU – USA mit erheblicher Diskriminierung für Drittstaaten, sind deren Optionen begrenzt. Diese reichen vom Versuch zum Ausbau des eigenen Netzes von bilateralen Abkommen über einseitige Marktöffnungen im Inland bis zu Vorstößen in der WTO. Auch für die Schweiz entspräche dies etwa der Menükarte (über den EU-Beitritt muss man derzeit nicht reden). Klar scheint, dass auch nach einem Abkommen EU – USA für die Schweiz die Beziehungen zur EU zentrale Bedeutung hätten. Ob man das gerne sieht oder nicht.